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Bundesliga

Liebe Schiedsrichter: Wir müssen reden!

Der VAR soll für präzise Entscheidungen sorgen – und bringt trotzdem viel Frust. Warum Fans und Spieler zweifeln und was sich im Fußball ändern muss.

Jeff Chabot, Tiago Tomás und Maximilian Eggestein diskutieren im DFB-Pokal Halbfinale mit Schiedsrichter Tobias Welz.
Obwohl der VfB gegen Freiburg gewann, waren auch die Stuttgarter nicht zufrieden mit Schiedsrichter Tobias Welz. Foto: IMAGO / DeFodi Images

Es reicht, liebe Schiedsrichter

Es vergeht kein Spieltag ohne eine Diskussion über die deutschen Schiedsrichter. Letztes Wochenende wurde die ganze Debatte sogar noch einmal größer, weil sich Tobias Welz im DFB-Pokal Halbfinale zwischen Stuttgart und Freiburg einen eklatanten Fehler leistete.

Denn die Debatte, die in Fussball-Deutschland teilweise leidenschaftlich, teilweise auch unter der Gürtellinie geführt wird, hangelt sich an einem feinen Grat entlang. Es wird zu Recht über Fehlentscheidungen der Unparteiischen gestritten, oft kommen zusätzlich noch die Regelauslegung und der Lieblingsgegner der Fans – der VAR – dazu.

Wir bewegen uns hier in einem hochkomplexen Thema, denn im Fussball schwingt eben immer eine Emotionalität mit, die man als Fan nun einmal mitbringt.

Wie oft habe ich mich schon selbst über den Schiri „pöbelnd“ im Stadion erwischt: teilweise zu Recht und oft auch (im Nachhinein) zu Unrecht.

Das Absetzen der Fanbrille ist nun mal leider schwierig.

Aber beschäftigen wir uns lieber mit den Fakten. Wir könnten jetzt Stunden damit verbringen uns mit allen Fehlentscheidungen auseinanderzusetzen. Die letzten vier Tage geben uns aber auch genügend Zündstoff.

Der Fall Stuttgart

Schauen wir uns das DFB Pokal-Halbfinale am vergangenen Donnerstag genauer an.

Es lief die erste Halbzeit der Verlängerung, der Freiburger Stürmer Lucas Höler setzt sich im Zweikampf gegen VfB Verteidiger Jeff Chabot durch und trifft zum 2:1 für die Gäste aus dem Breisgau.

Doch noch bevor Höler den Schuss abfeuert, ertönte schon ein Pfiff aus der Pfeiffe von Schiedsrichter Tobias Welz. Und genau hier liegt die Problematik: durch den zu frühen Pfiff von Welz kann der VAR nicht mehr eingreifen und den Schiedsrichter auf einen möglichen Fehler hinweisen.

Denn hier lag ein glasklares Tor vor. Höler setzte sich zwar körperbetont aber fair gegen Chabot durch, der nach der Partie sagte, dass ihm nichts anderes übrig blieb als sich fallen zu lassen.

Ein Fehler, den nach der Partie auch der DFB so sieht.

„In der Dynamik des Spiels hat der Schiedsrichter im Zweikampf zwischen Lucas Höler und Jeff Chabot einen regelwidrigen Armeinsatz von Höler wahrgenommen. Deshalb hat er auf Foulspiel entschieden und das Spiel unterbrochen. Mit den Fernsehbildern wäre es jedoch deutlich besser gewesen, das Duell als robusten, aber regelkonformen Zweikampf zu bewerten, die Partie weiterlaufen zu lassen und das unmittelbar folgende Tor von Höler zu geben.“
Marco Fritz

So berichtet Marco Fritz, Leiter Regelauslegung und Evaluation in der DFB Schiri GmbH, gegenüber der BILD Zeitung.

Bringt es uns alle in der Diskussion über solche Fehlentscheidungen weiter, wenn Deniz Undav nach dem Spiel in Bezug auf Tobias Welz sagt „Den mag ich eh nicht“?

Nein, eher nicht. Ich verstehe es, dass sich Patrick Ittrich als Schiedsrichter-Kollege im Doppelpass vor Welz stellen will und ihn als Schiedsrichter ausdrücklich lobt.

Aber hätte ein „guter Schiedsrichter“, wie Ittrich ihn bezeichnet, hier die Szene laufen lassen? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht.

Tatort Kommentarspalte

Generell spielt aber das Zusammenspiel aus Schiedsrichtern und dem VAR in der Bundesliga eigentlich die größte Rolle.

Bei vielen Fans in den Kommentarspalten von Social Media hat sich das Gefühl verfangen, dass die Schiedsrichter knifflige Situationen in der Regel lieber laufen lassen, weil sie der VAR ja am Ende eh „retten wird“.

Und genau an diesem Punkt wird die ganze Diskussion richtig spannend. Denn es geht längst nicht mehr nur um einzelne Fehlentscheidungen oder darum, ob ein Schiedsrichter eine Szene richtig bewertet hat. Es geht um ein grundsätzliches Problem, das sich durch die komplette Saison zieht.

Auch schon bei der EM 2024 war der Videoassistentenschiedsrichter präsent und bei der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2026 kommen einige VAR-Neuerungen hinzu.

Florian Exner checkt am VAR-Bildschirm eine Szene.
Florian Exner stand in seinen zwei Bundesliga-Spielzeiten mit diversen kontroversen Entscheidungen im Mittelpunkt des Geschehens. Foto: IMAGO / Jan Huebner

Auf der einen Seite haben wir eine Technik, die so präzise ist wie nie zuvor. Sensoren im Ball, Kameras, die jede Bewegung erfassen, Abseitslinien, die auf den Zentimeter genau gezogen werden. Rein faktisch gibt es kaum noch Spielraum für Fehler. Wenn ein Knie minimal vorne ist, ist es eben Abseits. Punkt.

Auf der anderen Seite steht aber das Gefühl. Und das passt immer seltener zu dem, was auf dem Bildschirm entschieden wird.

Spieler und Fans können Entscheidungen nicht nachvollziehen

Spieler haben sich darüber in dieser Saison immer wieder beschwert. Nicht, weil sie die Regeln nicht verstehen, sondern weil sich viele Entscheidungen einfach falsch anfühlen. Da macht ein Stürmer alles richtig, perfekter Laufweg, sauberer Abschluss – und Minuten später wird ihm das Tor aberkannt, weil die Kniescheibe oder der große Zeh minimal zu weit vorne war. Das nimmt dem Spiel einen Teil von dem, was es eigentlich ausmacht: diesen Moment, in dem alles explodiert.

Und genau da entsteht dieses Gefühl der Wut und das allgemeine Unverständnis. Nicht nur bei den Fans, sondern auch auf dem Platz.

Trotzdem muss man die andere Seite genauso klar benennen. Ohne den VAR und die ganze Technik würden wir heute wahrscheinlich über deutlich mehr krasse Fehlentscheidungen sprechen. Das Spiel ist schneller geworden, intensiver, komplexer. Kein Schiedsrichter der Welt kann in Echtzeit jede Situation perfekt bewerten.

Der VAR ist deshalb so etwas wie ein Sicherheitsnetz. Er sorgt dafür, dass offensichtliche Fehler korrigiert werden. Und ja, ohne ihn wären in dieser Saison vermutlich einige Tore gefallen, die so niemals hätten zählen dürfen.

Das Problem ist also nicht schwarz oder weiß. Es ist dieses ständige Spannungsfeld zwischen maximaler Genauigkeit und dem, was sich noch nach Fußball anfühlt.

Deshalb wird auch schon darüber nachgedacht, wie man das System weiterentwickeln kann. Eine Idee ist ein sogenanntes Challenge-System. Bedeutet: Trainer könnten selbst eine Überprüfung einfordern, ähnlich wie in anderen Sportarten. Das würde die Verantwortung ein Stück weit zurück auf die Teams verlagern und könnte gleichzeitig dafür sorgen, dass nicht mehr jede Szene minutenlang überprüft wird.

Ein anderer Punkt ist Transparenz. Viele Entscheidungen wirken vor allem deshalb so willkürlich, weil niemand so richtig versteht, wie sie zustande kommen. In anderen Ligen wird bereits getestet, die Kommunikation zwischen Schiedsrichter und VAR öffentlich zu machen. Das könnte helfen, mehr Verständnis zu schaffen – und vielleicht auch die ewigen Diskussionen etwas zu entschärfen.

Ittrich und eine revolutionäre Idee?

Klar ist aber auch: Der VAR wird nicht mehr verschwinden. Dafür sind die Ansprüche an Fairness mittlerweile zu hoch, und auch die wirtschaftlichen Interessen spielen eine Rolle.

Die eigentliche Aufgabe liegt jetzt darin, das System so weiterzuentwickeln, dass es nicht nur korrekt ist – sondern sich auch wieder mehr nach Fußball anfühlt.

Und da gibt Patrick Ittrich im Doppelpass vom 26. April den richtigen Impuls:

„Vielleicht müssen wir was ändern und vielleicht muss man wirklich drüber nachdenken zu sagen, okay, wenn der Schiedsrichter gepfiffen hat, der Ball ist noch nicht im Tor, es haben alle weitergespielt, gib ihm die Möglichkeit es sich noch einmal anzuschauen.“
Patrick Ittrich

Problematisch ist es nur, wenn der Pfiff ertönt und die Spieler stellen die Arbeit ein.

Wir merken, dass es eigentlich unmöglich ist die schönste Nebensache der Welt komplett perfekt und gerecht zu machen.

Quellen
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