Kino

"Leave No Trace“ | Interview mit Debra Granik – Die Tücke der Freiheit

In "Leave No Trace" erzählt Debra Granik ("Winter’s Bone") die bewegende Geschichte eines traumatisierten Kriegsveteranen und seiner 15-jährigen Tochter, die in einem Park in Portland ihren Traum vom Aussteigerdasein ausleben. Warum gesellschaftliche Normen die beiden in die Realität zurückholen und wie Regisseurin Debra Granik ihre sensationelle Hauptdarstellerin gefunden hat, verriet sie uns im TVMovie.de – Interview.

Leave No Trace Ben Foster und Thomasin McKenzie
"Leave No Trace" startet am 13. September 2018 in den deutschen Kinos! Wir konnten mit Regisseurin Debra Granik über ihren dritten Film reden! 2018 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Ein Alltag geprägt vom Rascheln der Blätter, vom Schutz der Bäume und vom Geschmack der Regentropfen – was heutzutage dem "Normalo" als verklärter "Digital Detox"-Traum verkauft wird, ist für die Protagonisten von Debra Graniks "Leave No Trace" die purste Form von Realität. Die jugendliche Tom (Thomasin McKenzie) und ihr Vater Will (Ben Foster) haben sich entschlossen im Wald zu leben – mit allen Konsequenzen, die dazu gehören. Doch die vermeintliche Freiheit ist tückisch: Denn die Gesellschaft findet immer wieder einen Weg ihre beiden "Ausreißer" in ihre Mitte zurückzuholen.

 

"Leave No Trace" Debra Granik: Die unflexible Gesellschaft

Debra Granik
"Leave No Trace" ist der dritte Spielfilm von Regisseurin Debra Granik          Getty Images

Schon in ihrem von Kritikern und Publikum gefeierten Indie-Meisterwerk "Winter’s Bone" (mit der ersten großen Rolle für Hollywood-Superstar Jennifer Lawrence) hatte sich Regisseurin Debra Granik mit alternativen Gemeinschaften und ihren Lebensweisen auseinandergesetzt. Deshalb war es auch kein Zufall, dass Granik und die Roman-Vorlage "My Abandonment" von Peter Rook irgendwann zueinander finden mussten: Als die Regisseurin den Roman zum ersten Mal gelesen hatte, fing die Geschichte sofort an in ihr zu arbeiten:

"Ich war total fasziniert davon, warum diese Familie im Park gelebt hat. Warum wollten sie unentdeckt bleiben? Was hat er im Wald gesucht? Mir hat gefallen, dass die Geschichte sofort einige Fragen aufwirft." Tatsächlich haben diese Fragen zu einem viel größeren Themenkomplex geführt, der die Regisseurin bei den Dreharbeiten beschäftigt hat:

"Mich interessiert nicht nur die Tatsache, wie Menschen die Entscheidung treffen außerhalb der üblichen Normen zu leben, sondern wie flexibel  die Gesellschaft auf eine solche Entscheidung reagiert. Im Grunde ist es uns total unangenehm, wenn Menschen sich entscheiden außerhalb normaler gesellschaftlicher Normen zu leben, weil sie eben eine neue Option darstellen – und damit in gewisser Weise auch die 'Normalität' bedrohen.“

 

Thomasin McKenzie: So hat Debra Granik ihre Hauptdarstellerin gefunden

Gerade, weil der Film beinahe kammerspielartig das Leben der beiden Protagonisten porträtiert, war die Besetzung des Films umso bedeutender: Neben Schauspiel-Veteran Ben Foster, der den traumatisierten Kriegsveteranen Will eindringlich spielt, konnte Granik die neuseeländische Nachwuchs-Darstellerin Thomasin McKenzie entdecken:

Leave No Trace Thomasin McKenzie und Ben Foster
Thomasin McKenzie und Ben Foster          2018 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

"Sie hat mir ein Vorsprechen geschickt. Ich war sofort fasziniert von ihrer Art. Allerdings kam sie aus Neuseeland, was für einen so kleinen Low Budget-Film natürlich ein großes Problem dargestellt hat. Doch irgendwie haben wir es dann möglich gemacht. Vor dem Dreh hatte ich viele lange Gespräche mit Thomasin und war begeistert, wie aufmerksam sie das Drehbuch gelesen hatte. Sie hat sich viele Dinge lebhaft vorgestellt und war extrem offenherzig und interessiert. Sie ist in Wirklichkeit genauso, wie wir sie im Film erleben.“

 

"Leave No Trace": Ein Appell für mehr Menschlichkeit

Eine akribische Survival-Trainerin, die den beiden Hauptdarstellern das komplette Handwerk zum Überleben in der Wildnis beigebracht hat, hat die beiden, laut Regisseurin Debra Granik, "ziemlich zusammengeschweißt". Doch ist so ein Leben tatsächlich erstrebenswert und auf Dauer möglich? Wie im Film hat Granik auch dazu eine durchaus ambivalente Meinung:

"Wir fragen uns alle, ob das möglich wäre. Und wie wir die richtige Balance finden. Ich bewundere alle Menschen, die zumindest versuchen anders zu leben. Und sollte es nicht Menschen geben, die die alten Traditionen beibehalten? Wer wird unseren Kindern in der Zukunft erklären, wie man sich auch ohne ein Handy treffen kann? Wer wird ihnen erklären, wie wir uns zu politischen Zusammenkünften getroffen haben ohne eine Einladung per Social Media dafür zu bekommen?“

Keine einfachen Gedanken. Keine einfachen Antworten. Letztere gibt auch Graniks wunderbarer "Leave No Trace" nicht, der nicht nur eine unglaublich atmosphärische Bildersprache mit zwei herausragenden Darstellern vereint, sondern vor allem in jeder Sekunde viel Menschlichkeit und Empathie versprüht und dabei keinen Unterschied zwischen "normal" und "anders" macht. Den Trailer zu "Leave No Trace" seht ihr hier:

 

"Leave no Trace“ startet am 13. September 2018 in den deutschen Kinos. 

Interview & Text: David Rams

 

 



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