„Heweliusz“: Die schockierende wahre Geschichte hinter der polnischen Netflix-Serie
„Heweliusz“ erzählt die wahre Geschichte einer der größten Fährkatastrophen Europas – ein Drama, das auf realen Ereignissen beruht.

Die neue Netflix-Serie „Heweliusz“, inszeniert von Jan Holoubek, erzählt die Geschichte einer verheerenden Fährkatastrophe in der Ostsee. Im Mittelpunkt steht ein Kapitän außer Dienst, der sich nach dem Unglück in die Ermittlungen stürzt – getrieben von dem Wunsch, die Wahrheit aufzudecken und den Opfern Gerechtigkeit zu verschaffen.
Die Serie verknüpft fiktionale Elemente mit realen Begebenheiten und zeigt, wie schwer es sein kann, zwischen widersprüchlichen Erzählungen die tatsächlichen Ursachen einer Katastrophe zu erkennen.
Der Untergang der „MS Jan Heweliusz“
„Heweliusz“ basiert auf einem wahren Ereignis – dem Untergang der polnischen Fähre MS Jan Heweliusz am 14. Januar 1993 in der Ostsee. 56 Menschen, darunter Passagiere und Besatzungsmitglieder, verloren ihr Leben. Es war eines der schlimmsten zivilen Schiffsunglücke in der polnischen Nachkriegsgeschichte.
Drehbuchautor Kasper Bajon nutzte für die Serie echte Gerichtsakten, Zeugenaussagen und historische Dokumente, um die Tragödie so authentisch wie möglich zu rekonstruieren. In einem Interview erklärte Bajon, dass er in seiner Jugend Menschen kannte, die persönlich vom Unglück betroffen waren – ein Umstand, der ihn zu dieser Geschichte führte.
Ein Schiff mit fatalen Schwächen
Die MS Jan Heweliusz wurde 1977 von der norwegischen Trosvik Group AS gebaut und von der Polish Ocean Lines betrieben. Sie verkehrte regelmäßig zwischen Świnoujście in Polen und Ystad in Südschweden.
Doch das Schiff war von Anfang an problematisch: Die Konstruktion war fehlerhaft, das Gewicht mit 115 Tonnen Überlast zu hoch. Über die Jahre sammelte die Fähre 28 Unfälle und technische Ausfälle, die ihr den Spitznamen „Schwimmender Sarg“ einbrachten.
Ein Brand im Jahr 1986 beschädigte das Schiff schwer. Bei den anschließenden Reparaturen wurde illegal eine zusätzliche Betondecke mit bis zu 70 Tonnen Gewicht eingezogen – eine Maßnahme, die die Stabilität weiter beeinträchtigte.
Nur wenige Tage vor dem Untergang wurde beim Anlegen im Hafen von Ystad die Heckklappe beschädigt. Der Kapitän empfahl, das Schiff außer Betrieb zu nehmen, doch der Betreiber entschied sich für eine provisorische Reparatur durch die Besatzung selbst. Diese Entscheidung sollte fatale Folgen haben.
Der Sturm, der alles veränderte
Am 13. Januar 1993 verließ die „Heweliusz“ mit 36 Passagieren, 29 Besatzungsmitgliedern, 28 Lkw und 10 Eisenbahnwagen an Bord den schwedischen Hafen. Obwohl sich ein schwerer Sturm über der Ostsee zusammenbraute, blieb das Schiff planmäßig auf Kurs – ein fataler Fehler.
In den frühen Morgenstunden des 14. Januar trafen Hurrikanböen mit Geschwindigkeiten von bis zu 180 km/h auf das ohnehin instabile Schiff. Die Wellen türmten sich bis zu sechs Meter hoch.
Kapitän Andrzej Ułasiewicz versuchte, das Schiff parallel zu den Wellen auszurichten, um es zu stabilisieren – doch die „Heweliusz“ begann sich um mehr als 30 Grad zu neigen. Um 4:40 Uhr wurde ein SOS-Signal gesendet, und die Crew leitete die Evakuierung ein.
Sieben Rettungsinseln konnten zu Wasser gelassen werden. Überlebende wie Jerzy Petruk berichteten später, dass viele Passagiere es noch von Bord schafften, bevor das Schiff um 5:10 Uhr endgültig kenterte.
Verzögerte Rettung und tragische Fehler

Die Wetterbedingungen erschwerten die Rettungsaktion erheblich. Funkprobleme und Missverständnisse über den genauen Standort der Fähre führten zu weiteren Verzögerungen. Als deutsche, dänische und schwedische Hubschrauber die Unglücksstelle erreichten, hatten viele Schiffbrüchige bereits über eine Stunde in eisigem Wasser überlebt – oder waren erfroren.
Mehrere Menschen starben während der Rettung. Zwei erlagen der Kälte auf dem Flug ins Krankenhaus. Ein besonders tragischer Zwischenfall ereignete sich, als ein Hubschrauber versuchte, ein ganzes Rettungsboot mit Menschen zu heben. Das Boot stürzte um und kenterte, wodurch drei Crewmitglieder – Janusz Szydłowski, Teresa Sienkiewicz und Janusz Subicki – ums Leben kamen.
Das deutsche Rettungsschiff „Arcona“ erreichte die Unfallstelle gegen 7:30 Uhr. Nur zwei der erschöpften Überlebenden konnten sich über ein Netz an Bord retten; andere starben beim Versuch, die rettende Leiter zu erklimmen.
Gegen 11 Uhr sank die „Heweliusz“ endgültig. Kapitän Ułasiewicz und sein Erster Offizier Roger Janicki blieben bis zuletzt an Bord. Nur neun Besatzungsmitglieder überlebten. Insgesamt kamen 56 Menschen ums Leben, und nur 39 Leichen wurden später geborgen. Das Wrack liegt bis heute in rund 27 Metern Tiefe auf dem Meeresgrund.
Ermittlungen ohne Ergebnis
Nach dem Unglück leitete Ministerpräsidentin Hanna Suchocka eine Untersuchung ein. Doch bereits im März 1993 wurde die Kommission ohne Abschlussbericht eingestellt.
Zunächst wurde dem verstorbenen Kapitän die Hauptschuld zugesprochen. Eine Entscheidung der Maritimen Kammer von 1996 nannte „Fehler des Kapitäns und Mängel im Ballastsystem“ als Ursache. Angehörige der Opfer stellten diese Begründung jedoch infrage.
Im Jahr 2000 reichten die Witwen und Familien der Seeleute Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ein – und bekamen 2005 Recht. Der Gerichtshof sprach ihnen Schadensersatz zu und forderte Polen auf, das Gesetz über maritime Untersuchungskommissionen zu ändern. Die Reform trat 2009 in Kraft.








