Interview

„Harry Hole“ auf Netflix: Jo Nesbø verrät, warum er ausgerechnet diesen Roman zur Serie machte

Mit „Harry Hole“ startet bei Netflix am 26. März die erste Serienadaption von Jo Nesbøs weltberühmtem Ermittler. Im Interview erklärt der Bestsellerautor, warum er sich für „The Devil’s Star“ entschied, weshalb Oslo in der Serie fast zur Hauptfigur wird und warum ihn das Projekt selbst überrascht hat.

Tobias Santelmann beugt sich als Harry Hole mit Ellen Helinder als Beate Lonn Norway über eine Leiche
Warum „The Devil's Star“ im Mittelpunkt der neuen Netflix-Serie steht, verriet uns Bestseller-Autor Jo Nesbø Foto: Netflix

Fast 30 Jahre nach dem ersten Harry-Hole-Roman bekommt Jo Nesbøs düsterer Kult-Ermittler endlich seine große Serienbühne. Für den norwegischen Autor ist das ein besonderer Schritt, denn „Harry Hole“ ist die erste TV-Adaption seiner Bücher. Und die trägt seine Handschrift besonders stark: Nesbø war nicht nur als Ideengeber dabei, sondern schrieb die Drehbücher, entwickelte die Serie mit und übernahm sogar eine zentrale kreative Rolle hinter den Kulissen.

Im Gespräch mit TV Movie macht der Autor schnell klar, dass das Projekt viel persönlicher wurde, als ursprünglich gedacht. Eigentlich lagen die Rechte bereits bei Working Title und Universal. Als dort statt eines weiteren Films plötzlich über eine Serie nachgedacht wurde, wurde auch Nesbø neugierig. „Dann habe ich, glaube ich, vorgeschlagen, dass ich das Drehbuch selbst schreibe“, erzählt er. Am Ende schrieb er gleich neun Episoden und war deutlich tiefer involviert, als er es anfangs selbst erwartet hatte. „Plötzlich war ich viel stärker eingebunden, als ich ursprünglich geplant hatte“, sagt er rückblickend.

Warum ausgerechnet „The Devil’s Star“?

Ein Porträt von Autor Jo Nesbø, der mit orangener Jacke und Kappe ernst zur Kamera schaut
Jo Nesbø hat mit uns über die neue Netflix-Serie gesprochen! Foto: IMAGO / ZUMA Press

Dass die Serie nicht mit dem ersten Harry-Hole-Buch beginnt, dürfte viele Fans überraschen. Doch Jo Nesbø hatte dafür eine klare Begründung. Die frühen Romane seien aus verschiedenen Gründen nicht die naheliegendste Wahl gewesen. In den ersten beiden Büchern sei Harry Hole nicht in Oslo, sondern in Sydney und Bangkok unterwegs. Der dritte Roman wiederum sei für ihn eine sehr persönliche Geschichte über seinen Vater gewesen. Deshalb fiel der Blick schließlich auf „The Devil’s Star“, den fünften Band der Reihe.

Für Nesbø ist das Buch ein idealer Stoff für den Serienstart, weil dort vieles zusammenkommt, was Harry Hole ausmacht. Der Fall bringe das klassische Whodunit-Prinzip mit einer hardboiled Krimiatmosphäre zusammen und markiere zugleich einen wichtigen Punkt in der Entwicklung der Reihe. Rückblickend sei genau dieses Buch für ihn der Moment gewesen, in dem sich das Harry-Hole-Universum wirklich verdichtet habe.

Oslo wird in der Serie zur eigenen Figur

Für Jo Nesbø ist Oslo nicht nur Kulisse, sondern ein zentrales Element der Geschichte. Genau deshalb setzte er sich früh dafür ein, dass die Serie im echten Oslo spielt, mit norwegischer Besetzung und einem klaren lokalen Blick auf die Welt von Harry Hole. „Warum lassen wir das Ganze nicht im echten Oslo spielen, mit einer norwegischen Besetzung?“, habe er damals vorgeschlagen.

Für den Autor ist die Stadt längst mehr als bloßer Hintergrund. „Ab da wurde Oslo zu einer Figur in den Romanen“, sagt er über „The Devil’s Star“. Dieses Konzept wurde nun konsequent für die Serie weitergedacht. Entstanden sei eine Version der Stadt, die real wirke, aber bewusst zugespitzt sei. „Es ist Oslo, aber plus zehn Prozent“, erklärt Nesbø. Die raue Seite sei noch rauer, die glänzende Seite noch glänzender. Sein Bild dafür ist besonders treffend: eine Art Gotham-City-Version von Oslo.

Gerade dieser Blick auf die norwegische Hauptstadt dürfte die Netflix-Serie von vielen anderen Krimi-Formaten unterscheiden. Laut Produktionsangaben wurde an mehr als 160 Schauplätzen gedreht, dazu kamen 113 Drehtage, was die Produktion zur längsten in der norwegischen Geschichte macht. Bekannte Orte aus den Büchern, darunter Restaurant Schrøder, der Vigeland-Park, Frognerbadet und das Polizeihauptquartier in Oslo, tauchen ebenfalls auf.

Jo Nesbø kennt auch die dunklen Seiten der Stadt

Dass Oslo in „Harry Hole“ so düster und kantig wirkt, kommt nicht von ungefähr. Im Interview beschreibt Nesbø die Stadt als Ort mit weit mehr Facetten, als viele Besucher oder selbst Einwohner wahrnehmen würden. Schon seit den 70er-Jahren gebe es dort eine harte Drogenszene, und wer wisse, wo er hinschauen müsse, entdecke ein ganz anderes Oslo als das Postkartenbild, das Touristen meist mitnehmen.

Diese Erfahrung spiegelt sich auch in der Serie wider. Die Produktion setzt auf ein Oslo, das zugleich vertraut und verstörend wirkt. Die schönen Ecken bleiben sichtbar, aber die dunklen Zonen nehmen deutlich mehr Raum ein. Genau dieser Kontrast scheint für die Tonlage der Serie entscheidend zu sein.

Hier ist der deutsche Trailer zu „Harry Hole“:

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Video: Netflix

Harry Hole bleibt der kaputte Held im Zentrum

Inhaltlich setzt Netflix auf alles, was Fans an der Figur lieben. Harry Hole ist auch in der Serie der brillante, aber gequälte Mordermittler, der mit seinen Dämonen kämpft und an den moralischen Grauzonen seines Berufs fast zerbricht. Er jagt einen Serienkiller und gerät gleichzeitig in den Machtkampf mit seinem langjährigen Gegenspieler Tom Waaler, einem korrupten Kollegen auf der anderen Seite des Gesetzes.

Verkörpert wird Harry Hole von Tobias Santelmann, während Joel Kinnaman in die Rolle von Tom Waaler schlüpft. Außerdem gehören unter anderem Pia Tjelta, Peter Stormare und Anders Danielsen Lie zum Cast. Hinter der Kamera stehen Øystein Karlsen und Anna Zackrisson als Regisseure. Für die Musik sorgen ausgerechnet Nick Cave und Warren Ellis, was dem düsteren Ton der Serie noch einmal eine besondere Note geben dürfte.

Der Auftakt einer langjährigen Crime-Saga auf Netflix?

Am schönsten ist vielleicht, wie offen Nesbø über seine eigene Erfahrung mit der Serie spricht. Drei Jahre arbeitete er an dem Projekt. Für ihn sei das letztlich eine Art Filmschule gewesen. Er habe von Schauspielern, Regisseuren und der gesamten Crew gelernt und das Medium Fernsehen noch einmal ganz neu kennengelernt.

Dass Netflix ausgerechnet jetzt auf Harry Hole setzt, wirkt fast logisch. Jo Nesbøs Bücher haben sich über 60 Millionen Mal verkauft, erscheinen in mehr als 50 Sprachen und gelten seit Jahren als feste Größe im internationalen Krimi-Markt. Trotzdem wagt die Serie keinen simplen Best-of-Ansatz. Stattdessen wird „The Devil’s Star“ zur Grundlage, ergänzt um Elemente aus weiteren Büchern.

Und tatsächlich könnte „The Devil's Star“ zum Auftakt einer ganzen Crime-Reihe auf Netflix werden. Schließlich wartet ein Dutzend weitere Bücher darauf verfilmt zu werden, auch wenn sich Jo Nesbø noch nicht in die Karten schauen lassen wollte, welcher Roman als Nächstes als potenzielle Staffel 2 von „Harry Hole“ angedacht werden würde.

Quellen

  • Interview mit Jo Nesbø

  • Netflix