Wissen Lehrer, wer der Babo ist?

Goethe, Schiller, ... Haftbefehl? Schüler fordern nach Netflix-Doku Lehrplanänderung

In Offenbach sorgt die Netflix-Doku „Babo – Die Haftbefehl-Story“ für Diskussionen: Schülerinnen und Schüler fordern, Rapper Haftbefehl endlich in den Unterricht aufzunehmen.

Haftbefehl im Studio.
Die Schüler, die sich Haftbefehl im Unterricht wünschen, studieren die Lyrics des Rappers vermutlich eh schon leidenschaftlich. Foto: Netflix

In Offenbach machen Schülerinnen und Schüler ernst: Sie fordern eine Modernisierung des Lehrplans und wollen den Rapper Haftbefehl in den Unterricht integrieren. Anlass ist die neue Netflix-Dokumentation Babo – Die Haftbefehl-Story, die den Werdegang des Offenbacher Künstlers zeigt – vom schwierigen Jugendalter bis zum gefeierten Musiker mit bundesweiter Strahlkraft.

„Wenn Schule ein Ort der Lebensrealität sein soll, dann darf sie nicht nur Goethe lesen, sondern auch Haftbefehl hören“, erklärt Cengizhan Nas, stellvertretender Stadtschulsprecher. Die Offenbacher Schülerschaft sieht im Rapper Aykut Anhan, wie Haftbefehl bürgerlich heißt, ein authentisches Beispiel für Migration, soziale Ungleichheit und Selbstbestimmung – Themen, die für viele Jugendliche heute zentral sind.

Mehr Lebensnähe im Unterricht

Der Stadtschülerrat fordert das hessische Kultusministerium auf, kulturelle Vielfalt und moderne Ausdrucksformen stärker in den Unterricht einzubeziehen. Die Idee: Haftbefehls Texte könnten nicht nur im Musikunterricht, sondern auch in Deutsch und Politik behandelt werden.

So könnten seine Songs im Deutschunterricht zur Analyse von Mehrsprachigkeit und Jugendsprache, im Musikunterricht zur Untersuchung moderner Rhythmik und Reimtechnik und im Politikunterricht als Einstieg in Themen wie soziale Gerechtigkeit, Integration und Chancenungleichheit dienen.

„Haftbefehl ist kein Randphänomen – er ist Teil der kulturellen DNA unserer Stadt und unserer Generation“, sagt Luca Albert Dobrita, Stadtschulsprecher von Offenbach. „Seine Sprache, sein Werdegang und seine Themen erzählen von der Realität, die viele junge Menschen hier täglich leben. Es geht nicht nur um Raptexte, sondern um Identität, Zugehörigkeit und Bildungsgerechtigkeit.“

Ministerium bleibt skeptisch

Video Platzhalter
Video: Netflix / Xcel Production

Das hessische Kultusministerium reagierte bisher zurückhaltend auf die Forderung. Man sehe zwar die Bedeutung moderner kultureller Bezüge, doch der Lehrplan müsse „ausgewogen“ bleiben. Eine Integration einzelner Künstler in den verbindlichen Unterricht sei derzeit nicht vorgesehen.

Für viele Jugendliche in Offenbach ist diese Haltung unverständlich. „Wir wollen keine Revolution im Klassenzimmer, sondern Anerkennung der Lebensrealität“, sagt Nas. „Haftbefehl ist für uns mehr als ein Musiker – er ist ein Sprachrohr.“

Netflix-Doku als Auslöser

Mit der Netflix-Dokumentation „Babo – Die Haftbefehl-Story“ ist die Debatte neu entflammt. Die Doku zeigt nicht nur den Aufstieg des Rappers, sondern auch seine Brüche, familiären Konflikte und den Einfluss der Stadt Offenbach auf seine Musik. Viele Schülerinnen und Schüler erkennen darin ihr eigenes Umfeld, ihre Sprache und ihre Themen wieder.

Für sie ist klar: Wenn Schule ein Spiegel der Gesellschaft sein soll, dann müssen dort auch zeitgenössische Stimmen Platz finden – und dazu gehört für viele eben Haftbefehl.

Quellen