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Ein Herz für Quibi: Darum war der Flop‑Streamer seiner Zeit voraus

An Streamingdiensten mangelt es nicht, doch 2020 scheiterte ein Anbieter spektakulär – weil er seiner Zeit voraus war.

Ein Smartphone mit Quibi-Logo vor gelb-lila Hintergrund.
Quibi hat hoch gepokert und alles verloren. Foto: IMAGO / Dreamstime

Die Zukunft des Entertainments liegt in deiner Hand – und zwar im Hochformat! Apps wie TikTok oder Instagram haben die Sehgewohnheiten geändert und immer mehr Menschen konsumieren ihre Unterhaltung auf dem Smartphone. Reels, Shorts und Storys zwingen einen dabei nicht, den Bildschirm zu drehen, und was zunächst nur bei eigenen Aufnahmen der Fall war, erhält auch Einzug in die fiktionale Unterhaltung.

Apps für Micro‑Dramas wie „ReelShort“ oder „Dramabox“ boomen, Serien wie „Eine Liebe zum Bauernpapa“ oder „Hoppla! Ich bin in meinen Stiefbruder verliebt“ locken mit unzähligen Episoden von je zwei Minuten Länge. Es ist leichte Unterhaltung mit unzähligen Wendungen, mit Inbrunst gespielt von Laiendarstellern.

Das kann man belächeln, aber die Nachfrage ist da – und auch große Konkurrenten wie Netflix oder Disney+ setzen verstärkt auf vertikale Videos. Bisher beschränkt sich das vor allem auf kurze Clips, aber auch neue, exklusive Inhalte sind nur noch eine Frage der Zeit.

Wie erfolgreich müsste dann also ein Streamingdienst sein, in dem qualitativ hochwertige Miniserien im vertikalen Format mit Stars wie Liam Hemsworth, Sophie Turner, Laurence Fishburne, Kiefer Sutherland, Eva Longoria und Anna Kendrick angeboten werden? Die Antwort ist: ganz und gar nicht erfolgreich – diesen Streamingdienst gab es nämlich schon.

The Rise and Fall of Quibi

Wem vom Jahr 2020 die Rede ist, denkt man natürlich direkt an Quibi – so hat es sich zumindest Jeffrey Katzenberg, der CEO von DreamWorks, vorgestellt. Sein Streamingdienst Quibi, kurz für „Quick Bites“, also „schnelle Happen“, sollte eine Marktlücke abdecken: Immer mehr Menschen streamen Filme und Serien auf ihrem Smartphone, gerade Pendler werden auf ihrem Arbeitsweg gerne gut unterhalten.

Doch statt Episoden immer nur in kurzen Abschnitten sehen zu können, präsentierte Quibi exklusive Inhalte, deren Folgen selten länger als 10 Minuten waren. Diese „Movies in Chapters“ wurden so gedreht, dass man sie sowohl im vertikalen als auch im horizontalen Format streamen konnte. Dazu kamen noch Doku‑, Reality‑ und Newsformate.

Am 6. April 2020 ging Quibi offiziell an den Start – und fiel damit genau in eine Zeit, in der kaum jemand Unterhaltung für unterwegs benötigte. Die Covid‑Pandemie und der damit verbundene Lockdown sorgten dafür, dass die Menschen zu Hause blieben und endlich mehr als genug Zeit hatten, um nach Herzenslust zu streamen – und zwar auf dem Fernseher und nicht auf dem Smartphone.

Der Start von Quibi ging somit völlig unter, und erst im Juli führte der Streamingdienst die Option ein, Inhalte auch auf dem Fernseher abspielen zu können. Zu spät: Die Zahl der Abonnenten lag deutlich hinter den Prognosen, und im September 2020, also fünf Monate nach Start, suchte Katzenberg bereits nach Käufern für Quibi.

Wenig überraschend hatte kein Unternehmen Interesse daran, einen jungen, erfolglosen Streamingdienst zu übernehmen, und im Oktober war Quibis Schicksal dann besiegelt: Zum 1. Dezember wurde die App und damit der komplette Streamingdienst eingestellt.

Was wäre, wenn …?

Es ist nicht so, als würden Serienfans unbedingt nach einem neuen Streamingdienst verlangen, aber rückblickend ist es doch Schade, dass es mit Quibi gerade ein recht innovatives Konzept getroffen hat. Es ist natürlich verständlich, wenn man Serien und Filme lieber auf dem Fernseher erleben will, aber der Markt für vertikale Miniserien ist ja da – Quibi war nur seiner Zeit voraus. Würde Quibi heutzutage erscheinen, wäre der Erfolg sicherlich deutlich größer, denn rein qualitativ lagen die Quibi‑Produktionen deutlich vor den existierenden Micro‑Drama‑Apps.

Immerhin: Die letzten Überbleibsel von Quibi sind uns erhalten geblieben. Filme wie „Survive“, „Most Dangerous Game“ oder „Die Hart“ waren einst Quibi‑Serien, die später einfach umgeschnitten wurden. Wer beim Streamen das Smartphone aufrecht hält und dabei stark zoomt, kann sich zumindest kurz vorstellen, noch ein letztes Mal Quibi nutzen zu können.

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