Ein absolutes Meisterwerk zur besten Sendezeit – Kritik zu „Primetime“ mit Robert Pattinson
„Primetime“ ist einer der besten Filme des Jahres – und die perfekte Schablone für jedes kommende Biopic. Was die „To Catch a Predator“-Aufarbeitung so faszinierend macht.

Mit Biopics ist das so eine Sache. Je schillernder die Person, die in diesen Filmen behandelt wird, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie erfolgreich werden. Dass das nicht immer mit Qualität einhergeht, haben in der Vergangenheit bereits kreativ bankrotte Streifen wie „Bohemian Rhapsody“ oder „Michael“ gezeigt.
Denn meistens laufen Filme dieser Art immer nach einem bestimmten Muster: Aufstieg, Höhepunkt, Fall und gegebenenfalls Nachwirkungen. Und auch der neueste A24-Film „Primetime“ setzt auf diese Art Formel – nur mit dem Unterschied, dass man scheinbar verstanden hat, wie man diese auch korrekt anwendet. Denn ebenso wie Robert Pattinsons Chris Hansen hat man verstanden, dass es nicht viel braucht, um zu den Besten zu gehören.
Wovon handelt „Primetime“?

Chris Hansen (Robert Pattinson) stellt in seiner Show „To Catch a Predator“ Pädophile, die glauben, ein Date mit einer minderjährigen Person zu haben, vor laufender Kamera. Dafür hat er ein ganzes Team aus Lockvögeln im Rücken, die im Voraus mit den Pädophilen kommunizieren und sie dann in ein präpariertes Haus einladen. Nach einer kurzen Konfrontation mit Hansen werden die potenziellen Straftäter dann von der Polizei abgeführt.
Dieses doch recht extreme Sendungskonzept gefällt dem Senderchef von NBC zwar nicht allzu sehr, dennoch sieht er das Potenzial in „To Catch a Predator“ und platziert die Sendung zur besten Sendezeit – der titelgebenden Primetime. Was danach passiert, ist ein stetes Streben nach Relevanz, was nicht nur Hansen die Abgründe des menschlichen Seins aufzeigt, sondern auch seinem Lockvogel Dan (Skyler Gisondo) und Produzentin Andie (Merritt Wever).
Was „Primetime“ von anderen Biopics unterscheidet
So wie für fast jedes Biopic gilt auch in Bezug auf „Primetime“, dass wahre Ereignisse genommen und diese gebogen werden, um für ein runderes Seherlebnis zu sorgen. Dabei wählt man dieselbe Route, die bereits „Springsteen: Deliver Me from Nowhere“ eingeschlagen hat – zumindest gewissermaßen.
Das Bruce-Springsteen-Biopic entschied sich nämlich damals dafür, nur eine kleine Fraktion im Leben des Musikers zu erzählen. Eine Rechnung, die tendenziell originell ist, aber im Falle des Films nicht aufging, da man sich auf einen absolut niederschmetternden Zeitraum aus dem Leben des Boss fokussierte. „Primetime“ ist die direkte Antithese zu diesem Konzept. Denn statt das Publikum mit einem gigantischen Vorbau rund um Chris Hansen zu langweilen, bleibt man dort, wo man hingehört, und setzt das Spotlight auf die spannendste Phase in Hansens Leben und der Sendung. Man versucht nicht, das Publikum zu belehren, sondern versucht viel eher, eine Geschichte zu erzählen, die dazu anregt, sich mehr mit einem Thema auseinandersetzen zu wollen.
Und diesen Ansatz sollten viel mehr, wenn nicht sogar alle Biopics verfolgen, denn das reine Aufarbeiten und Erwähnen, nur um es allen recht zu machen, ist, gelinde gesagt, gähnend langweilig. In „Primetime“ ist nichts verkitscht, versöhnlich oder verallgemeinert, sondern spannend, brutal ehrlich und augenöffnend.
Chris Hansen und das Streben nach Sein
Als wäre das nicht genug, zieht sich ein roter Faden durch unsere drei Hauptfiguren. Sowohl Hansen als auch seine Mitstreiter Decoy Dan und Andie wollen vor allem gesehen werden und Anerkennung für ihre Leistungen bekommen. Auf den ersten Blick klingt es total irrsinnig, seinen Hauptfiguren dieselbe Motivation auf den Leib zu schreiben, doch früher oder später erschließt sich, dass alle drei dasselbe Gefühl haben, aber nach anderen Dingen suchen. Hansen will Anerkennung für seine harte journalistische Arbeit und ist es leid, im Schatten seines Kollegen Stone Phillips zu stehen. Dan will als Schauspieler ernst genommen werden und Andie will von Chris einfach nur Dankbarkeit für ihre harte Arbeit.

Und harte Arbeit kann man dem Trio Pattinson, Gisondo und Wever nicht absprechen, denn es vergeht keine Sekunde in diesem Film, in der sie nicht versuchen würden, sich alle gegenseitig gegen die Wand zu spielen. Denn so fehlgeleitet und moralisch fragwürdig alle Figuren sein mögen, schaffen die drei Hauptdarsteller es stets, Sympathie zu erzwingen. An diesem Prozess gewinnt allen voran das Publikum, welches jetzt schon weiß, dass Pattinson, Gisondo und Wever zumindest mit Oscar-Nominierungen gewürdigt werden dürften – insbesondere Skyler Gisondo, der zeigt, dass er sich in der richtigen Rolle nicht hinter gleichaltrigen Jungschauspielern wie Timothée Chalamet verstecken muss.
Mehr Sturm als in „Sturmhöhe“
Auch Regisseur Lance Oppenheim findet in seiner Regiearbeit stets einen Weg, um die Gunst des Publikums zu buhlen. Selbstverständlich kann man das 4:3-Bildformat des Films prätentiös finden, aber für mich passen Bildformat und der krisselige Look perfekt zu den Bildern, die das „To Catch a Predator“-Team im Film einfängt.
Viel spannender sind aber vor allem visuelle Entscheidungen, die auf die Narrative einzahlen – Bild und Text gehen sozusagen Hand in Hand. Der wohl kontroverseste Fall in der gesamten Geschichte von „To Catch a Predator“ wird in „Primetime“ so dargestellt, als wäre Chris Hansen Kapitän Ahab, der Jagd auf Moby Dick macht. Passend dazu zieht zuerst am späten Abend ein starkes Lüftchen auf, bevor der alles entscheidende Moment kommt und stürmischstes Wetter sowie Regenmassen mit sich bringt.
Statt auf flache Bilder zu setzen, versucht man, visuelles Storytelling zu betreiben und inszeniert so nicht nur einen der schönsten Filme des Jahres, sondern erzeugt auch Momente, die niemand allzu schnell vergessen dürfte.
„Primetime“: Das Allerbeste zur besten Sendezeit
„Primetime“ ist ein Film, der in schnellster Geschwindigkeit an mir vorbeigezogen ist. Die knapp zwei Stunden Lauflänge fanden abrupt ihr Ende – was mein einziger großer Kritikpunkt wäre – und ließen mich nicht nur leicht schwitzig, sondern auch stark zittrig zurück.
Mich hat „Primetime“ vollends erwischt und mit jeder voranschreitenden Sekunde mehr und mehr davon überzeugt, dass ich es hier mit der absoluten Primetime der Unterhaltung zu tun habe. Manchen Personen mag dieser Film vielleicht zu wenig geben, aber um vollends simpel und voller Floskeln zu bleiben: Manchmal ist weniger einfach mehr. Und das ist schon etwas ironisch, denn am Ende des Tages ist „Primetime“ ein absolutes Meisterwerk – nicht mehr und nicht weniger.






