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I'm Goin' Down

Viel Lärm um Nichts: „Springsteen: Deliver Me from Nowhere“ – ab heute auf Disney Plus

Der Boss ist auf Disney Plus angekommen – und wird von einem „Bear“ gespielt. Doch all diese Starpower macht den Bruce-Springsteen-Film nicht weniger unerträglich …

Jeremy Allen White geht in einer Lederjacke die Straße runter. Seine Hände sind in seinen Taschen.
„The Bear“ oder doch The Boss? Jeremy Allen White (Bild) enttäuscht als Bruce Springsteen … Foto: Disney

Wie bekommt man es hin, einen Film über Bruce Springsteen, den Boss himself, langweilig zu machen? Immerhin ist der Rockstar eine der schillerndsten Figuren der Rockgeschichte. Aber anstelle von Konzert-Feelings forciert Scott Coopers „Springsteen: Deliver Me from Nowhere“ nur eine Sache: Langeweile.

„Springsteen“: Worum geht es in dem Film?

Das Jahr ist 1982. Bruce Springsteen (Jeremy Allen White) hatte mit seinem fünften Studioalbum „The River“ endlich seinen großen Durchbruch, und alle sind gespannt, was der Boss als Nächstes hervorbringen wird. Doch Bruce ist das alles egal, denn er ist emotional aufgewühlt. Und dieses Chaos der Gefühle ist der ausschlaggebende Punkt dafür, dass der junge Rockstar an seinem persönlichsten Album arbeitet. Der Name: „Nebraska“. Aber kann die musikgewordene Therapiestunde eines angehenden Weltstars die Massen begeistern?

„Springsteen“: Worum geht es in dem Film nicht?

Kurz gesagt: um vieles. Am einfachsten kann man „Springsteen: Deliver Me from Nowhere“ mit einem Satz beschreiben: Wenn man keine Ahnung von Bruce Springsteen hat, dann wird man nach diesem Film nicht wissen, warum dieser Mann ein weltweites Phänomen ist. Dafür ist die Geschichte rund um „Nebraska“, welches ohnehin schon ein sehr gewöhnungsbedürftiges Album ist, viel zu unscheinbar. Das versucht man zu kaschieren, indem man stellenweise größere Springsteen-Hits wie „Born to Run“ oder „Born in the U.S.A.“ einspielt, aber diese Taktik der Schadensminimierung wird die schlafenden Seelen in ihren Kinosesseln – und nun Sofas – auch nicht mehr aufwecken.

„Springsteen“: Nicht nur Alben brauchen Dramaturgie, sondern Filme auch

Darüber hinaus fällt eine Sache ganz besonders auf: Bruce Springsteen sieht sich nie irgendeinem Gegenwind ausgesetzt. Man führe sich Folgendes vor Augen: Der Mann beschließt, ein Acoustic-Album herauszubringen, das er in einem Schlafzimmer aufgenommen hat, möchte dafür keine Tour machen, keine Singles veröffentlichen und gedenkt nicht einmal, mit der Presse zu sprechen. Die Reaktion aller anderen Charaktere darauf: „Ja, ist nicht so cool von Bruce, aber wir lassen ihn mal machen.“

Der Film argumentiert gegen Ende, dass sich das ja ausgezahlt hätte, denn immerhin ist „Nebraska“ trotzdem auf Platz 3 der Charts gelandet. Was der Film aber ausspart, ist, dass „Nebraska“ das mit Abstand kommerziell schlechteste Album in der Hochphase des Weltstars war. Sprich: Den gesamten Film über wird ein Album verteidigt, für das sich bis heute kaum jemand interessiert – und die Argumente, die zur Verteidigung benutzt werden, sind nicht einmal valide.

„Springsteen“: Prominenter Cast, aber wofür eigentlich?

Wenn man schon nicht auf der narrativen Ebene begeistern kann, versucht man es wenigstens mit den Darstellern und Darstellerinnen … aber auch hier gibt es einen Haken: Auf dem Poster wird mit Schauspieler*innen wie Jeremy Strong, Odessa Young oder Stephen Graham geworben, aber von diesen drei Personen darf höchstens Young noch am meisten Zeit neben Jeremy Allen White verbringen. Die restlichen Nasen sind nicht mehr als Füllmaterial.

Jeremy Allen White ist als Bruce Springsteen passabel. In Gesangsszenen sieht er eher albern aus, was aber daran liegen dürfte, dass er auch nur so tut, als wäre die Stimme des echten Bosses die seine. Darüber hinaus fällt er aber nicht weiter auf. Hier und dort kullert ihm mal eine Träne über die Wange, aber zu diesem Zeitpunkt ist man als Zuschauer*in schon derartig desinteressiert, dass dieses Tour-de-Force-Acting auch nichts mehr bewirken kann …

„Springsteen“: Hände weg von Mississippi – und von „Nebraska“

„Deliver Me from Nowhere“ ist eine Katastrophe vorm Herrn – und verlogen obendrein. Den gesamten Film über wird ein riesiges Fass aufgemacht, dass Bruce Springsteen nichts mehr am Herzen liegt, als dass „Nebraska“ in seinem Indie-Zustand erscheinen kann … und nun, über 40 Jahre später, erscheint ebenjenes Album in einem neuen Zustand voller Demos, Outtakes und Originalsongs. Man nenne mich verrückt, aber ist es nicht etwas seltsam, die ganze Zeit auszurufen, dass das Album nicht überkommerzialisiert sein soll, um es nun demnächst noch einmal richtig auszuschlachten?

Wer eine gute Zeit mit Bruce Springsteen haben möchte, tut besser daran, lediglich die Musik des Altmeisters zu hören – mit der Ausnahme von „Nebraska“, denn genauso wie der das Album thematisierende Film ist dieses Machwerk keine einzige Sekunde der eigenen Zeit wert.

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