Der Fall Lucy Letby: Die wahre Geschichte hinter der Netflix-Doku
Eine verurteilte Kindermörderin – oder ein Justizirrtum? Die Netflix-Doku stellt den wohl schockierendsten Kriminalfall Großbritanniens neu zur Debatte.

Lucy Letby galt lange als unauffällige, engagierte Neugeborenenkrankenschwester. Umso größer war der Schock, als sie 2023 wegen des Mordes an sieben Babys und des versuchten Mordes an weiteren sieben Säuglingen verurteilt wurde. Damit ging sie als eine der schwersten Serienmörderinnen in die britische Kriminalgeschichte ein.
Die Netflix-Dokumentation „Der Fall Lucy Letby“ – rollt den Fall nun neu auf und stellt eine provokante Frage: Ist Lucy Letby möglicherweise unschuldig?
Wer ist Lucy Letby?
Lucy Letby wurde am 4. Januar 1990 geboren. Sie studierte Kinderkrankenpflege an der University of Chester und absolvierte dort ihren Abschluss mit einem Bachelor of Science. Schon während des Studiums arbeitete sie am Countess of Chester Hospital in Nordengland, später fest auf der Neonatologie.
Dr. John Gibbs, ein pensionierter Kinderarzt, beschreibt sie in der Doku rückblickend so: „Es gab nichts an ihr, was besonders auffällig gewesen wäre.“
Doch genau auf dieser Station häuften sich ab Juni 2015 mysteriöse Todesfälle.
Eine unheimliche Serie von Todesfällen

Im Sommer 2015 starben mehrere Neugeborene unter ungeklärten Umständen. Besonders erschütternd ist der Fall eines Babys, das in der Dokumentation „Zoe“ genannt wird. Nach einer schwierigen Geburt kam sie auf die Intensivstation, stabilisierte sich – und brach plötzlich zusammen. Sie starb am 22. Juni 2015.
Bis Februar 2016 stieg die Zahl der Todesfälle auf neun, bis Juni desselben Jahres auf dreizehn. Dr. Gibbs sagt: „In 21 Jahren als Arzt habe ich so etwas noch nie erlebt.“
Eine interne Untersuchung brachte ein Muster zutage: Lucy Letby war bei allen verdächtigen Todesfällen im Dienst.
Der Verdacht richtet sich auf eine Person
Zunächst hielten Vorgesetzte Letby für kompetent und zuverlässig. Dennoch wurde sie schließlich aus dem Nachtdienst abgezogen und in den Tagesdienst versetzt. Die Todesfälle in der Nacht gingen zurück – traten laut Dokumentation jedoch bald tagsüber wieder auf.
Am 3. Juli 2018 wurde Lucy Letby erstmals festgenommen. Bei der Durchsuchung ihrer Wohnung fanden Ermittler über 250 vertrauliche Klinikdokumente, sorgfältig chronologisch geordnet. Viele bezogen sich auf die verstorbenen Babys. Letby erklärte, sie habe diese Unterlagen versehentlich mit nach Hause genommen.
Anklage und Prozess

Nach weiteren Ermittlungen wurde Letby am 10. November 2020 erneut festgenommen und einen Tag später wegen achtfachen Mordes und zehnfachen Mordversuchs angeklagt. Sie verbrachte 23 Monate in Untersuchungshaft, bevor am 10. Oktober 2022 der Prozess begann.
Die Staatsanwaltschaft warf ihr vor, Babys absichtlich geschädigt zu haben – etwa durch das Entfernen von Beatmungsschläuchen, Überfütterung oder das Spritzen von Luft in den Blutkreislauf. Besonders schwer wog der Vorwurf zweier Insulinvergiftungen.
Hinzu kamen Post-it-Zettel, auf denen Sätze standen wie „Ich habe sie getötet“, „Ich bin böse“ oder „Ich habe das getan“.
Letby beteuerte während des gesamten Verfahrens ihre Unschuld.
Am 18. August 2023 fiel das Urteil: lebenslange Haft ohne Aussicht auf vorzeitige Entlassung.
Zweifel am Urteil
Während die Öffentlichkeit Lucy Letby schnell als Monster sah, wuchs im Hintergrund der Zweifel. Die Netflix-Doku gibt vor allem Mark McDonald, einem renommierten Strafverteidiger, Raum. Er vertritt Letby heute und hält das Urteil für falsch.
Seine Argumente: kein Motiv, keine Videoaufnahmen, keine Augenzeugen. Die Notizzettel seien Teil einer therapeutischen Übung gewesen. Neben belastenden Sätzen fanden sich darauf auch Worte wie „Verleumdung“ und „Diskriminierung“, was gegen ein Schuldeingeständnis spreche.
War das Krankenhaus das eigentliche Problem?

Zusätzliche Zweifel nährte ein Artikel im New Yorker von Rachel Aviv. Darin wird argumentiert, dass strukturelle Probleme im Krankenhaus eine entscheidende Rolle gespielt haben könnten.
Letby betreute oft die schwerstkranken Babys, weil sie besser ausgebildet war als viele Kolleginnen. „Es wäre seltsam gewesen, wenn sie nicht anwesend gewesen wäre, wenn etwas schiefging“, so McDonald.
Zudem wurde die Neonatologie nach Letbys Abzug herabgestuft – weniger kritische Fälle, geringere Sterblichkeit. Laut McDonald sei der Rückgang der Todesfälle daher statistisch erwartbar gewesen.
Der Streit um die medizinischen Gutachten
Zentral für die Verurteilung war die Aussage des Gutachters Dr. Evans, insbesondere zu angeblichen Luftembolien. McDonald enthüllt in der Doku, dass ein hochrangiger Richter Evans vorwarf, keine ausgewogene medizinische Bewertung vorgenommen zu haben.
Daraufhin kontaktierte McDonald den kanadischen Professor Shoo Lee, Autor der grundlegenden Studie zu Luftembolien aus dem Jahr 1989. Lee sagt: „Wenn meine Arbeit falsch interpretiert wurde, haben wir ein großes Problem.“
Nach Sichtung der Akten kam Lee zu dem Schluss, dass die beschriebenen Hautveränderungen nicht typisch für Luftembolien seien, sondern eher für Sauerstoffmangel.
Ein von Lee einberufenes Gremium aus 14 Medizinexperten kam zu einem brisanten Ergebnis: „Es gab keinerlei medizinische Beweise für vorsätzliche Tötung oder Schädigung in allen 17 Fällen. Wir haben keine Morde festgestellt.“
Selbst Dr. Gibbs, der Letby für schuldig hält, räumt ein: „Ein kleiner Teil von mir fragt sich, ob wir die falsche Person verurteilt haben.“
Während Polizei und Angehörige weiterhin von Letbys Schuld überzeugt sind, wurden im Januar 2026 keine weiteren Anklagen erhoben, obwohl neue Fälle geprüft wurden.
Mark McDonald hat inzwischen offiziell eine Wiederaufnahme des Verfahrens bei der Criminal Cases Review Commission beantragt. Unterstützt wird er dabei unter anderem von Sir David Davis, einem amtierenden britischen Abgeordneten, der von einem möglichen Justizirrtum spricht.
Doch nicht nur der Fall selbst, auch die Netflix-Dokumentation über Lucy Letby sorgt aktuell für Kontroversen.










