Max riemelt wieder

Definitiv nichts Besonderes – Kritik zu „Etwas ganz Besonderes“

Wo lädt man die Resterampe der Berlinale am besten ab? Genau, im Sommerloch. Das wohl frischeste Beispiel für diese These: „Etwas ganz Besonderes“.

Frida Hornemann schaut recht neutral aus einem Zugfenster und hört Musik.
In „Etwas ganz Besonderes“ muss sich Lea (Frida Hornemann) fragen, wer sie ist. Foto: © Adrian Campean / Trimafilm

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen im kältesten, verschneiten Februar im Berlinale Palast. Die Stühle sind unbequem, eine Klaviatur des Hustens und Schniefens zieht sich durch den Saal und der ausländische Journalist neben Ihnen widmet sich kontinuierlich seinem Handy und freut sich, dass er gerade bei voller Bezahlung halbherzig einen Film auf einer Dienstreise schauen darf. Diese Seherfahrung ist prinzipiell universell auf jeden Film des Berlinale-Programms anzuwenden, zeigte sich aber insbesondere bei der Sichtung von „Etwas ganz Besonderes“. Warum der Film ein Vertreter der Kategorie „Ich kann nicht mehr“ ist …

„Etwas ganz Besonderes“: Wovon handelt der Film?

Video Platzhalter
Video: Pandora Film Verleih/TVMovie

In der Thüringer Provinz wächst die 17-jährige Lea (Frida Hornemann) auf. Ihr Leben ist von etlichen Herausforderungen geprägt: So hat ihre Mutter (Gina Henkel) einen neuen Partner, mit dem sie ein Baby erwartet. Ihr Vater Matze (Max Riemelt) ist aber auch nicht besser dran. Aufgrund einer finanziellen Schieflage zieht er wieder in die Pension seiner Eltern (Peter René Lüdicke und Rahel Ohm) ein. Zuletzt wäre da noch Leas Tante Kati (Eva Löbau), die das örtliche Museum leitet und versucht, dieses um jeden Preis in der öffentlichen Wahrnehmung zu halten.

All diese Figuren in Leas Leben werden zu potenziellen Vorbildern, als sie sich im Rahmen einer Teilnahme an einer Casting-Show fragen muss, wer sie eigentlich ist. Doch die Antwort, die sie auf diesem Weg findet, könnte ihr vielleicht nicht gefallen …

Was ist eigentlich das Besondere an „Etwas ganz Besonderes“?

Es ist wichtig, dass Film in einer Nische stattfinden darf. Denn einerseits kann die Nische auch vollkommen fremde Seelen anziehen und andererseits ist es wichtig, Geschichten fernab des Bombasts zu erzählen. Aber „Etwas ganz Besonderes“ versucht um jeden Preis, die Nischen der Nischen zu bedienen, sodass man sich schon fragen muss, ob hier eine Zielgruppenerschließung innerhalb der Arthouse-Bubble stattgefunden hat.

Man stelle sich vor, man will Coming of Age erzählen, aber auch vom aktuellen Zustand in Thüringen und von der DDR – oh, und von Patchwork-Familien … und von Kultur sowie den Problemen, ein privates Unternehmen in diesen modernen Zeiten zu führen. Fühlen Sie sich bereits überladen? Ich auch.

Kein Problem bekommt hier wirklich Raum zum Atmen. Regisseurin Eva Trobisch suhlt sich hier in der Langatmigkeit, erzählt aber Geschichten, die eher die Oberflächlichkeit einer Folge „Merz gegen Merz“ erreichen. Stellenweise fühlt es sich an, als würde sie lieber eine Miniserie rund um ihre Figuren erzählen wollen – was sie vielleicht eher hätte versuchen sollen, denn die Lauflänge von 116 Minuten ist für das, was man aufmacht, zu kurz, für die entspannte Grundstimmung des Films aber viel zu lang.

Max Riemelt und Thüringen: Ein Kern des Besonderen in „Etwas ganz Besonderes“

Als jemand, der Thüringen allerhöchstens im Vorbeifahren wahrgenommen hat, muss ich sagen, dass die Naturbilder, die Eva Trobisch hier einfängt, etwas wahrhaft Malerisches haben. Wenn der Wind über die Wiesen fegt und man die kleine verschlafene Provinz sieht, bekommt man direkt Lust, Urlaub zu machen. Punkt, Satz und Sieg an die Filmförderung – sofern in diesem Film überhaupt welche stecken sollte.

Aber auch Max Riemelt macht einiges her, was aber wahrscheinlich keine Neuigkeit ist. Dieser durchaus begabte deutsche Charakterdarsteller darf zwar immer wieder am Rand stattfinden, aber prinzipiell würde ich ihn gern in noch viel mehr Produktionen sehen wollen. In der ermüdenden Geschichte ist er immer wieder die Person, die einen von hinten antreibt und dafür sorgt, dass nicht nur der Film, sondern auch man selbst die Zielgerade erreicht.

Als unterstützender Rückenwind hält Frida Hornemann her, die entzückend verträumt und tiefenentspannt ihr augenscheinliches Leinwanddebüt gibt. Es gibt kaum eine Sekunde, in der man ihr nicht glauben würde, auf der Suche nach sich selbst zu sein – leider wird dieser Prozess aber immer wieder von der Vielzahl an anderen Geschichten unterbrochen.

„Etwas ganz Besonderes“: Das Problem liegt eigentlich ganz woanders

Ich weiß nicht recht, was man mit „Etwas ganz Besonderes“ erreichen wollte. Brauchte man einen obligatorischen Beitrag zur diesjährigen Berlinale, um der Welt zu zeigen, dass man in Deutschland auch „tiefgehende“ Geschichten erzählen kann? Das kann sein, aber selbst im schwachen Berlinale-Programm dieses Jahres ist der Film sang- und klanglos untergegangen.

Viel eher würde ich den Film, wie vorher erwähnt, in die Kategorie „Ich kann nicht mehr“ einordnen. „Etwas ganz Besonderes“ ist das Gegenteil von nie dagewesen, denn solche Filme gibt es hierzulande zuhauf und ich frage mich wirklich, ob das Publikum nicht allmählich satt ist. Augenscheinlich muss es in diesem Land eine Obsession mit der Aufarbeitung mittelständischer bis gutbürgerlicher Familienprobleme geben, denn pro Jahr gibt es mindestens einen Film, der uns allen den Spiegel vorhalten soll. Aber wenn ich Familienprobleme sehen will, dann kann ich „Etwas ganz Besonderes“ mit meiner eigenen Posse nachstellen und muss dafür nicht ins Kino gehen.

Vielleicht ist man aber auch „Etwas ganz Besonderes“, wenn man nur fest daran glaubt – mir fehlt es in dieser Hinsicht aber an Erfahrung.

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