Das Hype-Spiel im Test

„Crimson Desert“: Wird es dem Hype gerecht? Für wen lohnt sich das Spiel?

„Crimson Desert“ will das ultimative Open-World-RPG sein – mit Einflüssen von „The Witcher 3“, „Red Dead Redemption 2“ und „The Legend of Zelda: Tears of the Kingdom“. Das Ergebnis ist ein faszinierendes Chaos aus brillanten Momenten und frustrierenden Designentscheidungen.

Der Screenshot zu Crimson Desert zeigt eine mittelalterliche Stadt und an die Wand gelehnt Held Kliff
Wird „Crimson Desert“ die neue „Mutter aller RPGs“? Wir verraten es im Test! Foto: Pearl Abyss

Nach vielen Stunden mit „Crimson Desert“ bleibt vor allem ein Eindruck hängen: Dieses Spiel ist gleichzeitig beeindruckend und unglaublich widersprüchlich. Es gibt Momente, in denen man kaum glauben kann, wie viel hier möglich ist und was Pearl Abyss hier mit einer eigenen Engine geschaffen hat und andere, in denen man sich fragt, wie grundlegende Designprobleme es sogar bis zum Release geschafft haben.

Eine riesige Spielwelt voller Möglichkeiten – aber ohne klare Richtung

„Crimson Desert“ entfaltet seine größte Stärke, wenn man es einfach laufen lässt. Wenn man durch die Landschaft zieht, in Städten Menschen beobachtet, Nebenaktivitäten entdeckt oder sich abseits der Hauptquest verliert. Die Welt wirkt lebendig und dynamisch, oft so, als würde sie auch ohne den Spieler bzw. die Spielerin funktionieren.

Man trifft auf NPCs, die ihren Alltag verfolgen, entdeckt kleine Ereignisse und kann sich stundenlang treiben lassen. Genau hier fühlt sich das Spiel nach dem großen Versprechen an, das es sein will: eine offene, reaktive Sandbox. Doch diese Freiheit hat ihren Preis. Es fehlt oft an Struktur, Fokus und klarer Führung. Viele Aktivitäten stehen nebeneinander, ohne wirklich miteinander zu greifen. Das sorgt zwar für Abwechslung, aber selten für echte Tiefe.

Video Platzhalter
Video: Pearl Abyss

Story und Charaktere: Viel Aufwand, kaum Wirkung

Besonders deutlich wird das bei der Story. „Crimson Desert“ investiert viel Zeit in Dialoge, Zwischensequenzen und Figuren - das Spiel kann wirklich mit einem beeindruckenden Voice-Cast auffahren. Doch am Ende bleibt davon erstaunlich wenig hängen.

Die Handlung wirkt oft ziellos, Charaktere bleiben austauschbar und emotionale Momente zünden kaum. Selbst zentrale Storystränge verlieren sich in belanglosen Dialogen oder wirken unfreiwillig holprig. Es entsteht der Eindruck, dass das Spiel möchte, dass man sich für diese Welt interessiert, aber nicht genau weiß, wie es das erreichen soll.

Das ist besonders schade, weil das Spiel offensichtlich versucht, eine große epische Geschichte mit vielen unterschiedlichen Faktionen und sehr unterschiedlichen Biomen zu erzählen.

Quest-Design und Kämpfe: Zu viel, zu lang, zu oft frustrierend

Eine Nahaufnahme aus Crimson Desert zeigt Kliff, der sich gegen einen massiven Gegner mit Schild verteidigt
Die Bosskämpfe sind äußert tough! Foto: Pearl Abyss

Ähnlich durchwachsen ist das Quest-Design. Anfangs motiviert die schiere Vielfalt, doch je länger man spielt, desto deutlicher werden die Schwächen. Viele Aufgaben ziehen sich unnötig in die Länge, Kämpfe eskalieren regelmäßig in chaotische Massenschlachten und verlieren dadurch an Spannung.

Ein häufiges Problem: Das Spiel weiß nicht, wann Schluss sein sollte. Aus kleineren Gefechten werden schnell minutenlange Kämpfe gegen immer neue Gegnerwellen. Das kann beeindruckend wirken – vor allem technisch – fühlt sich spielerisch aber oft ermüdend an.

Noch stärker fällt das bei Bosskämpfen auf. Diese wirken teilweise wie aus einem anderen Spiel importiert. Plötzlich kippt das Gameplay in soulslike Kämpfe mit mehreren Phasen, die eigentlich total konträr zum restlichen Spielfluss passen und eher frustrieren als motivieren. Erst als Kliff eine Power-Fantasy und bei den Bosskämpfen ist man plötzlich auf das Spamen von Health-Items fokussiert.

Gameplay: Viele Ideen, aber nicht alle funktionieren

„Crimson Desert“ steckt voller Systeme und Mechaniken – und genau das wird ihm zum Verhängnis. Es gibt viele interessante Ansätze, etwa bei Fähigkeiten oder Fortbewegung, doch nicht alle davon fühlen sich wirklich ausgereift an.

Einige Fähigkeiten machen Spaß und eröffnen neue Möglichkeiten, andere wirken redundant oder unnötig kompliziert. Rätsel fühlen sich oft weniger wie kreative Herausforderungen an, sondern eher wie Trial-and-Error. Stealth-Passagen wiederum wirken deplatziert und bremsen das Tempo.

Das Spiel hat ständig gute Ideen – aber zu selten die Zeit oder den Fokus, sie wirklich zu perfektionieren.

Technik und Grafik: Beeindruckend – mit kleinen Abstrichen

Ein Screenshot zu Crimson Desert zeigt Protagonist Kliff auf einem Pferd vor einer gigantischen Wald-Mittelalter-Landschaft
Die enorme Weitsicht und die dichte Vegetation kreieren eine unglaubliche Atmosphäre Foto: Pearl Abyss

Wenn es um die Technik geht, zeigt „Crimson Desert“, warum es so lange im Hype stand. Die Welt ist riesig, die Weitsicht spektakulär und viele Landschaften gehören zum Besten, was man aktuell in einem Open-World-Spiel sehen kann.

Gerade aus der Distanz entfaltet das Spiel seine volle Wirkung. Städte, Schlachtfelder und Naturkulissen sehen beeindruckend aus und laden zum Erkunden ein. Auch die Performance auf einem High-End-PC ist insgesamt stabil – was bei dieser Größe bemerkenswert ist.

Allerdings gilt auch hier: Nicht alles ist perfekt. Charaktermodelle und Gesichtsanimationen fallen gegenüber der Umgebung sichtbar ab, und Raytracing fordert die Hardware deutlich stärker. Trotzdem bleibt die Technik eines der klaren Highlights.

Steuerung und UI: Komplexität als unnötige Hürde

Der größte Kritikpunkt liegt aber woanders: bei der Bedienung. Die Steuerung ist unnötig kompliziert und verlangt dem Spieler viel Geduld ab. Viele Aktionen sind auf verschachtelte Eingaben gelegt, die man sich erst mühsam einprägen muss.

Selbst nach mehreren Stunden fühlt sich das System nicht komplett natürlich an. Das Spiel erschwert den Einstieg unnötig, statt den Spieler an die Hand zu nehmen. Die Menüführung verstärkt diesen Eindruck zusätzlich, weil sie oft unübersichtlich und wenig intuitiv ist.

Fazit: Ein ambitioniertes RPG, das an seinen eigenen Ansprüchen scheitert

„Crimson Desert“ ist ein Spiel der Extreme. Es beeindruckt mit seiner Größe, seiner Technik und seinem Mut, so viele Ideen miteinander zu verbinden. Gleichzeitig leidet es darunter, dass es zu viel will und dabei den Fokus verliert.

Die besten Momente entstehen, wenn man die Welt einfach erkundet und sich treiben lässt. Die schwächsten, wenn das Spiel versucht, Struktur zu erzwingen oder mit seinen Systemen zu überfordern.

Warum gibt es noch keine Einschätzung zur Konsolen-Version?

Wir haben Crimson Desert auf einem High-End-PC mit Ryzen 7800X3D & Nvidia Geforce RTX 5080 getestet. Bis zum Release stand uns leider keine Konsolen-Version zur Verfügung, weshalb wir Eindrücke zur PS5- bzw. Xbox Series X-Fassung nachreichen müssen.

Pearl Abyss hat im Vorfeld die erwartbaren Performances der Konsolen in den unterschiedlichen Grafik-Modi geteilt. Die Kollegen von „Digital Foundry“ haben immerhin die PS5 Pro-Version unter die Lupe genommen in einem Video. Mehr Eindrücke sollte es in den kommenden Tagen geben. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte mit dem Kauf der Konsolen-Fassung noch warten.

Für wen lohnt sich „Crimson Desert“?

Für Spieler, die große Open Worlds lieben und bereit sind, sich auf ein sperriges, unperfektes, aber faszinierendes Abenteuer einzulassen. Tatsächlich ist „Crimson Desert“ ein Spiel, das man auf keinen Fall „durchbingen“ bzw. schnell durchzocken sollte, sondern das in Häppchen deutlich besser funktioniert. So werden die deutlichen Schwächen etwas besser kaschiert und man hat mit dieser beeindruckenden Open World viel mehr Spaß.

Wer hingegen eine starke Story, durchdachtes Quest-Design und eine intuitive Steuerung erwartet, wird hier schnell an Grenzen stoßen.

Am Ende bleibt ein Spiel, das man bewundern kann ohne es uneingeschränkt empfehlen zu können.

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