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„Ballad of a Small Player“ auf Netflix: Colin Farrell setzt alles aufs Spiel – Kritik

Mit „Ballad of a Small Player“ bringt Netflix eine Romanverfilmung vom „Im Westen nichts Neues“-Regisseur heraus. Das klingt nach einer Menge Potenzial – aber wird dieses auch genutzt?

Colin Farrell sitzt in einem dunkelroten Anzug an einem Spieltisch.
Der schönste Versager des Jahres: Colin Farrell gibt in „Ballad of a Small Player“ alles – und das nicht nur beim Kartenspielen. Foto: Netflix

Colin Farrell, Edward Berger und Netflix: Mischt man diese drei Dinge bekommt man eine sehr wilde Suppe serviert, die hierzulande nicht nur im Stream zu sehen sein wird, sondern auch im Kino. Aber lohnt es sich für „Ballad of a Small Player“ den Weg ins Kino oder vor den hauseigenen Fernseher zu wagen?

„Ballad of Small Player“: Davon handelt der Film

Willkommen in Macau, China – dem Zufluchtsort vom spielsüchtigen, sowie alkoholkranken Lord Doyle (Colin Farrell). Wenn er nicht gerade seinen Rausch ausschläft, findet man diese dubios anmutende Gestalt in den Casinos der Stadt, wo er aber ein ungern gesehener Gast ist, was vor allem an dem gigantischen Haufen an Schulden liegt, die er angehäuft hat. Verzweifelt sucht er nach einem Ausweg aus seiner Misere, während er sich mit der rätselhaften Dao Ming (Fala Chen) und der verhuscht-investigativen Cynthia Blithe (Tilda Swinton) herumschlagen muss …

„Ballad of a Small Player“: Die wohl schönste Ballade des Jahres

„Ballad of a Small Player“ ist wie ein Paar Buben an einem Tisch mit weiteren Spielern und Spielerinnen. Man weiß, dass die Hand, die man hat, moderat ist und irgendwer ein besseres Blatt haben wird, aber es definitiv auch jemanden geben muss, der eine noch schlechtere Hand hat. So verhält es sich auch mit „Ballad of a Small Player“. Netflix erhofft sich Oscar-Chancen, denn es lassen sich im diesjährigen Rennen deutlich schlechtere Filme („Eddington“) finden, aber es gibt auch deutlich bessere Filme („One Battle After Another“). Obgleich der Qualität von „Ballad of a Small Player“ haben sie doch die Chance auf mindestens einen Oscar: beste Filmmusik!

Edward Bergers Hauskomponist Volker Bertelmann hat sich in „Ballad of a Small Player“ verewigt. Hier dröhnt es, jazzt es, pumpt es, berührt es und befreit es. Absurderweise versteckt sich aber das beste Stück Filmmusik Bertelmanns im Abspann – vermutlich, um das Publikum auf einem Stimmungshoch zu entlassen. Doch Musik ist nicht die einzige Ebene, auf der „Ballad of a Small Player“ das Publikum für sich gewinnen wird.

„Ballad of a Small Player“: Edward kann Berge(r) versetzen

Es ist schon fast traurig, wenn man einen Film sieht, der inhaltlich nicht überzeugen kann, aber dafür visuell ein absolutes Brett ist. Edward Berger hat einen wirklich feinen Blick dafür, was einen schönen Film ausmacht. Ihm gelingt es nicht nur, die Vielseitigkeit Macaus darzustellen, sondern packt die Kamera an Orte, bei denen man sich fragt, wie er sie dahin bekommen hat. Insbesondere die eine Aufnahme, in der man Colin Farrell von unten sieht … weil die Kamera unter einer leicht hochgeklappten Karte liegt. Der Film ist voller solcher Aufnahmen: ob die Reflektion von Sektkübeln oder Wes Anderson-ähnliche Shots von Blinis und Kaviar. Die einzige Sache, die aber noch schöner ist …

„Ballad of a Small Player“: Farrell in Fahrt

Um vollends fair zu bleiben: Netflix kann den Film noch für eine andere Oscar-Kategorie einreichen, denn Colin Farrell hat definitiv eine Nominierung für seine schmierige Leistung als Lord Doyle verdient.

Farrell fährt hier mal wieder auf Hochtouren und bildet die komplette Bandbreite menschlicher Emotionen ab: Die Tränen fließen, die Adern pulsieren vor Wut, die Augen sind groß vor Einfühlsamkeit und die Zähne blitzen beim Lachen. So wenig Wiedergutmachungspotenzial Farrells Lord Doyle haben mag, fühlt man trotzdem mit ihm, denn die Performance, die man dargeboten bekommt, ist zu charismatisch, als dass man diesem intriganten Mistmenschen auch nur eine Sekunde böse sein könnte.

Es ist wirklich absurd auf was für einem hohen Niveau Colin Farrell agieren kann, denn „Ballad of a Small Player“ ist aufgrund von „A Big Bold Beautiful Journey“ nicht einmal seine beste Leistung des Jahres – und dennoch zum auf die Knie fallen gut.

„Ballad of a Small Player“: Eher ein Zweizeiler als eine Ballade

So gut der Film auf den ersten Schein wirken mag, muss man trotzdem festhalten, dass das Versagen überwiegend auf der inhaltlichen Ebene stattfindet: Nichts von dem, was man hier bekommt, ist auf eine gewisse Art und Weise neu. Was es mit Colin Farrells Lord Doyle auf sich hat, ist so offensichtlich, dass man spätestens nach fünf Minuten weiß, wohin die Reise gehen wird – was der Film weiß und deswegen damit auch recht schnell klaren Tisch macht.

Dennoch bleiben etliche Pacing-Probleme. Mal läuft die Story auf Hochtouren und in anderen Momenten ebbt sie schlagartig ab. Pulsierte das eigene Herz im einen Moment noch auf höchstem Niveau, fühlt man im nächsten Moment gähnende Langweile. Ständig wird Spannung kreiert, auf die emotionale Einöde folgt. Darüber hinaus weigert sich der Film, zu einem Ende zu kommen. In den letzten zwanzig Minuten gibt es drei bis vier Absprungpunkte, doch stattdessen arbeitet man auf eine enttäuschende Entwicklung hin …

„Ballad of a Small Player“: Zu hoch gepokert

Wer noch nie einen Film gesehen hat, wird (vielleicht) nicht erahnen können, auf welche „schockierende“ Wendung der Film hinarbeitet. Der Twist ist zwar nicht so schlimm wie das „es war alles nur ein Traum“-Klischee, aber das, was einem gegeben wird, ist auch nicht so weit davon entfernt. Wer nur für einen Moment darauf achtet, wie seltsam die Interaktionen zwischen zwei Charakteren sind, wird sich sehr schnell an gleich zwei Filmklassiker von 1999 erinnert fühlen.

Dabei sei gesagt: Einen Twist zu haben, ist per se nichts Schlimmes – auch nicht, wenn er vorhersehbar ist. Aber „Ballad of a Small Player“ ist sich so sicher, dass man als Publikum niemals darauf kommen könnte, worauf der Film hinarbeitet, dass man sich schon fest etwas für das Drehbuch und seinen Autoren schämt.

„Ballad of a Small Player“: Auf dicke Hose machen – trotz schlechten Pokerfaces

Prinzipiell steht „Ballad of a Small Player“ irgendwie zwischen den Stühlen. Der Film ist definitiv keine gigantische Katastrophe, aber wirklich gut ist er auch nicht. Das sorgt für ein sehr ambivalentes, wenn auch nicht gutes, Seherlebnis, in dem man dauerhaft hofft, etwas Tolles zu bekommen, aber am Ende bleibt nur heiße Luft übrig.

Colin Farrell Fans werden auf ihre Kosten kommen und Netflix-Abonnenten bekommen für ihr Geld häufig schlechteres, aber alle, die auf ein Meisterwerk hoffen, erhalten ein unausgereiftes Machwerk. Wer sich von dieser unwürdigen Ballade selbst einen Blick machen will, kann den Film seit dem 29.10. auf Netflix sehen.