Tanz der Teufel (und Teletubbies)

„28 Years Later: The Bone Temple“-Kritik: Hier ist der Teufel los

Der Antichrist ist im Klinsch mit dem Teufel, und dazwischen schlurfen die Zombies: Die Fortsetzung zu „28 Years Later“ ist jetzt schon der beste Film des Jahres!

Ralph Fiennes steht halbnackt vor Säulen aus Knochen.
Verboten gut: Nicht nur Ralph Fiennes ist grandios, sondern auch „The Bone Temple“. Foto: IMAGO / Landmark Media

„Die Hölle, das sind die anderen.“ Was Jean-Paul Sartre schon 1944 erkannt hat, wendet Drehbuchautor Alex Garland über 80 Jahre später erneut an – und vermengt diese These mit einem satanischen Kult, dem Teufel, der gleichzeitig auch Gott ist, und einem Haufen Untoter. Selten war ein Film, der im wahrsten Sinne des Wortes keine Gefangenen macht, besser …

„28 Years Later: The Bone Temple“: Worum geht es eigentlich?

Der Film setzt nahtlos dort an, wo der letzte Film aufgehört hat. Spike (Alfie Williams) ist mehr oder minder freiwillig Teil des Kults von Sir Lord Jimmy Crystal (Jack O’Connell) geworden und zieht mit diesem wahnwitzigen Mann und seinen „Jimmys“ durch das postapokalyptische England, um Taten der „Nächstenliebe“ zu vollführen. Durch das postapokalyptische England zieht auch Dr. Ian Kelson (Ralph Fiennes) und stärkt dabei seine Bindung zum „Alpha“ Samson (Chi Lewis-Parry). Während Kelson augenscheinlich eine Entdeckung macht, die das Blatt der Apokalypse wenden könnte, benötigt Jimmy den Arzt für ganz andere niederträchtige Machenschaften …

Slippin‘ Jimmy: Jack O’Connell mimt einen der eindrucksvollsten Bösewichte der jüngeren Filmgeschichte

Sir Lord Jimmy Crystal steht im Bone Temple. Im Hintergrund zwei weitere seiner Gefolgsleute.
Der wohl charmanteste Satanist des Jahres: Jack O’Connell (m.) ist jetzt schon der beste Bösewicht des Jahres. Foto: IMAGO / Landmark Media

„Are we Crystal?“, fragt Sir Lord Jimmy Crystal seine Jimmys, während sie alle um ein Lagerfeuer sitzen. Alle von ihnen sind aus den verschiedensten Gründen nervös … die meisten aber, weil ihr Anführer ihnen eine Audienz beim Teufel besorgt hat.

Jimmy Crystal ist etwas, was man im modernen Kino nicht mehr häufig bekommt. Nicht häufig ist in der zartbesaiteten Gesellschaft Platz für imposante Filmbösewichte – gibt es doch schon genügend Bösewichte in der echten Welt. Aber Jimmy Crystal ist eben kein Teil der echten Welt, sondern der Apokalypse – und dennoch erschreckend realitätsnah. Das Publikum bekommt jemanden vorgesetzt, der seit vielen Jahren etwas Falsches glaubt und verzweifelten Seelen seinen Irrglauben aufdrückt. Das Ergebnis dieser explosiven Mischung sind Machtspielereien, kaputte Gefolgsleute und viel, viel Gewalt. Es war selten schöner, wieder jemanden vorgesetzt zu bekommen, den man hassen kann. Alle, die Sir Lord Jimmy Crystal am Anfang etwas albern finden, schlucken diesen Gedanken spätestens dann herunter, wenn er seinen Jimmys die Wörter „shirts off“ entgegenwirft.

„Drippin’ in Fiennes“: Wenigstens einer hat in der Apokalypse Spaß

Das Gegenstück zu Sir Lord Jimmy Crystal ist ein oranger Doktor. Sobald Ralph Fiennes wieder als in Jod getränkter Arzt auf den Plan tritt, fühlt man sich seltsamerweise im Chaos des dystopischen Englands geborgen. Fiennes, der sonst gerne die Mundwinkel hängen lässt, gibt sich dieses Mal erstaunlich hoffnungsvoll und gut gelaunt – trotz des zugrunde liegenden Szenarios. Vom wortwörtlichen Tanz mit den Untoten bis hin zur von „Iron Maiden“ unterlegten Pyrotechnik-Show findet man bei diesem Mann alles. Wenn Sir Lord Jimmy Crystal die Antwort auf die Frage „Wie böse kann ein Mensch sein?“ ist, ist Dr. Ian Kelson die Antwort auf die exakt gegenteilige Frage. Ralph Fiennes ist nicht nur der schauspielerische Hoffnungsschimmer, sondern auch der Funke Hoffnung im verkommenen England.

Garland in Sicht: Die verspätete Abrechnung mit der Corona-Pandemie

Die grandiosen Leistungen seitens Fiennes und O’Connell hängen aber auch damit zusammen, dass ihrem schauspielerischen Schaffen ein fast genauso gutes Drehbuch zugrunde lag.

Drehbuchautor Alex Garland verliert sich wieder im Subtext und erzählt über so viel mehr als den doch etwas auserzählten Konflikt zwischen Infizierten und Unifizierten. Viel eher stößt Garland die Tür auf, um über die Corona-Pandemie und ihre Leugner und Leugnerinnen zu erzählen – passenderweise durch amoralische Satanisten vertreten. Auch im Kosmos des britischen Autors hat England genug von der Quarantäne und den ständigen Querelen mit den Untoten. Kelson sehnt sich nach der Ordnung und Struktur der ehemaligen Welt, Spike sucht nach seinem Platz in dieser Welt – nur Jimmy möchte aus opportunistischen Gründen an dem derzeitigen Chaos festhalten. Diese gegenteiligen Ideologien werden aber nicht klar in den Raum geworfen und ausdiskutiert, sondern stattdessen clever durch visuelle Darstellung dieser komplexen Konzepte verdeutlicht. Spätestens dann, wenn der Teufel gleichzeitig einen Akt Gottes vollführt, der besagte Teufel aber nicht einmal der wirkliche Teufel ist, freut man sich als Publikum, endlich mal wieder von einer Geschichte ernst genommen zu werden. Und so grandios all das sein mag, gibt es doch zwei kleine Probleme …

Problem Nr. 1: Aus dem Takt … bis zum dritten Akt

„Pacing“ beschreibt im Film den Vorgang, wie gut es gelingt, narrativ Strecke zu machen. Ein gut „gepaceter“ Film hat in jedem seiner Akte genügend Schauwerte, Ideen oder schauspielerische Leistungen, um am Ball zu halten. Der direkte Vorgänger „28 Years Later“ ist das perfekte Beispiel dafür. „The Bone Temple“ handhabt das leider etwas anders. Wechselnde Protagonisten oder Protagonistinnen in Filmen sind grundsätzlich kein Problem – man bedenke nur, wie hervorragend „Weapons“ (2025) diesen Ansatz zuletzt umgesetzt hat –, aber „The Bone Temple“ fokussiert sich auf zwei verschiedene Parteien, die kontinuierlich um Screentime ringen. Dadurch fühlt es sich eher so an, als würde man eine Sitcom mit klassischer A- und B-Plot-Struktur schauen. Das ist ärgerlich – insbesondere, weil sowohl die Perspektive von Dr. Kelson als auch die der Jimmys gleichermaßen interessant sind. Das zeigt sich spätestens dann, wenn beide Handlungsstränge aufeinandertreffen. Denn im letzten Drittel des Films wird noch einmal ordentlich Fahrt aufgenommen. Wenn man aber sein ganzes Pulver erst im dritten Akt verschießt, dann sind die beiden vorhergehenden Akte im direkten Vergleich doch etwas unspektakulärer.

Problem Nr. 2: Danny boilt, Nia DaCostat davon

Es gibt konzipierte Filmtrilogien, denen es guttut, wenn der Regisseur durchwechselt. Statt das offensichtliche Beispiel „Star Wars“ zu nennen, kann man sich auch genauso gut die jüngere „Planet der Affen“-Reihe zu Gemüte führen. Manche Regisseure haben einfach einen klareren Stil oder wissen mehr, was sie wollen. Auch in der „28 XY Later“-Reihe hat jetzt eine Staffelstabübergabe stattgefunden. Danny Boyle hat das Regiezepter an die blutjunge Nia DaCosta übergeben – und leider zeigt sich das. Vorab: Nia DaCosta ist fernab davon, eine schlechte Regisseurin zu sein. Ihre Modernisierung von „Candyman“ (2021) hat Tony Todd mehr als gelungen in die Neuzeit katapultiert. Dennoch fällt auf, dass es DaCosta noch an der Ausprägung eines inszenatorischen Stils mangelt. Sie arbeitet in „The Bone Temple“ viel mit Panorama-Shots, aber prinzipiell gibt es hier nichts, was nicht jeder andere Regisseur hätte inszenieren können. Dazu kommen gröbere Patzer: DaCosta hält an den richtigen Einstellungen zu kurz fest, während sie an falschen Einstellungen zu lang festhält. Das ist bisweilen frustrierend, aber nicht so schlimm, dass der Film nicht sichtungswürdig wäre. Und wahrscheinlich würden all diese Probleme nicht auffallen, aber wenn auf eine Regielegende wie Danny Boyle, der mit „28 Years Later“ bewiesen hat, dass man mit 69 Jahren noch lange nicht zum alten Eisen gehört, jemand wie Nia DaCosta folgt, dann ist es natürlich schwer, diese großen Fußstapfen auszufüllen.

Fiennes und gut: Kann Kino 2026 überhaupt noch besser werden?

Trotz der kleinen Kritikpunkte muss man dennoch sagen, dass 28 Years Later: The Bone Temple“ ordentlich vorlegt. Für dieses Jahr werden bereits viele (hoffentlich) großartige Filme erwartet, aber ob diese mit ebenjenem Film mithalten können, wird sich zeigen. Ich für meinen Teil zweifle aber zumindest daran, dass auch nur ein Bösewicht dieses Jahr mit Sir Lord Jimmy Crystal mithalten kann. Oder um es mit seinen eigenen Worten zu sagen: „How’s that?“