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„Und morgen die ganze Welt“: Der deutsche Kandidat für den Auslands-Oscar auf Netflix

Ab dem 05. Mai 2021 ist "Und morgen die ganze Welt" auf Netflix zu sehen. Ein Film über eine junge Frau, die bei ihrem Versuch, die Welt ein Stück besser zu machen, mehr und mehr Teil radikalisierter, junger Linker wird.

Und morgen die ganze Welt Filmbild
Ab dem 05. Mai 2021 ist "Und morgen die ganze Welt" auf Netflix zu sehen. Foto: Alamode Filmverleih

Regisseurin und Drehbuchautorin Julia von Heinz trat mit 15 Jahren selbst einer Gruppe junger Antifaschisten bei. Somit kann sie viele eigene Erfahrungen in den Film einbringen – auch wenn er eine (mehr oder weniger) fiktionale Problemstellung behandelt.

Schauspielerin Mala Emde verkörpert die 20-jährige Luisa, die ihrem gutbürgerlichen Elternhaus entkommen will und sich der Antifa anschließt. Auf ihrem Weg muss sie nicht nur zu sich selbst, sondern auch eine Antwort auf die Frage finden: Wie weit kann man gehen, bevor Widerstand zu blinder Gewalt wird?

Und morgen die ganze Welt Film
Luisa zieht von zuhause aus, um sich der jungen Antifa anzuschließen. Foto: Alamode Filmverleih
 

 

 

tvmovie.de hat Julia von Heinz und Mala Emde zum Interview getroffen.

tvMovie: Julia, du hast ja das Drehbuch geschrieben, zusammen mit deinem Mann, und auch den Film realisiert. Was war dein Gedanke hinter der Geschichte?

Julia: Der Gedanke dahinter war, für den Zuschauer etwas spürbar zu machen, was wir selbst erlebt haben. Erst praktisch euphorisch in eine solche Gruppe reinzugehen, dann langsam festzustellen: so homogen ist diese Gruppe gar nicht. Es gibt hier ganz verschiedene Haltungen, zwischen denen ich mich entscheiden muss. Den Zuschauer vielleicht auch mit diesen verschiedenen Haltungen zu konfrontieren. Sich aus dieser Gruppe auch wieder zu verabschieden, um sie dann neu zusammengewürfelt wiederzufinden. Also dieser Prozess, den Luisa im Film in einer recht kurzen, verdichteten Zeit durchlebt, haben wir über eine ganze Dekade erlebt – und wollten das spürbar machen.

tvMovie: Der Film beruht also tatsächlich auf deiner persönlichen Geschichte?

Julia: Entfernt. Ganz so spannend wie das, was die Protagonisten im Film erleben, war mein Leben nicht. Ich hab weder geschossen, noch hab ich Sprengstoff gefunden. Aber Gefühle, Motivationen, Beziehungen – all das ähnelt vielem von dem, was ich selbst erlebt habe.

tvMovie: Hat es das für dich schwieriger gemacht, Mala? Zu wissen, dass du Julia selbst verkörperst?

Mala: Ich hatte nicht wirklich das Gefühl, dass ich Julia spiele. Das war auch zwischen uns total klar – Julia hat mir immer total viel gegeben, mir dann dabei aber auch eine große Freiheit gelassen, die Figur so zu spielen, wie ich sie sehe, wie sie auch heute ist und dramaturgisch funktioniert. Trotzdem hatte ich aber einen anderen Respekt vor dieser Geschichte – das war auch das, was mich am Anfang so gereizt hast. Weil sie so eine Ahnung und so ein Herz dafür hat. Ich wusste, da steckt große Verantwortung und Liebe drin, also will ich diese Figur mit großer Behutsamkeit und großer Hingabe spielen.

Julia: Ich konnte aber auch von Mala viel über die Figur lernen. Bei so einer Arbeitsbeziehung ist das immer ein Wechselspiel. An irgendeinem Punkt kennt der Schauspieler die Figur noch besser, als ich, die sie geschrieben hat. Ich muss mich als Regisseurin in diesen 35 Drehtagen um viele Figuren kümmern, aber Mala steckt nur in Luisa drin. 35 Tage lang. Sie hat eine ganz andere Nähe zu Luisa als ich, die vor 20 Jahren mal etwas erlebt hat, das so ähnlich war.

Mala: Dafür ist Julia aber auch sehr offen. Andere Regisseure halten oft an ihrer Idee fest.

Julia von Heinz
Julia von Heinz ist Drehbuchautorin und Regisseurin des Films. Foto: Sebastian Wells / Agentur Ostkreuz

tvMovie: Wie würdet ihr Luisa beschreiben?

Julia: Ich würde sagen, dass wir am Anfang des Filmes eine Luisa haben und am Ende des Filmes eine andere Luisa. Die Luisa zu Beginn empfinde ich noch als suchend, sie ist auch ein bisschen unsicher. Sie weiß, mit ihrer Herkunft ist sie hier nicht unbedingt die coolste, die sich jetzt hier in dieser linken WG vorstellt. Das ist eine kleine Bürde für sie und etwas, das sie auch ein bisschen versteckt. Ich sehe, dass sie durchaus ein bisschen verhärtet und auch sicherer wird, auch härter und weniger durchlässig, um sich ganz am Ende wieder neu zu öffnen, aber auf eine Art gewachsen ist. Das sind drei Luisas, die zumindest ich im Film erlebt habe, als ich zugeschaut habe und die ich auch jetzt noch sehe, wenn ich den Film anschaue. So sehe ich Luisa.

Mala: Ich kann das gar nicht anders sagen, genau das ist es irgendwie. Es gibt diese Phase des  Härterwerdens, weil sie das Gefühl hat, etwas tun zu müssen. Aber dann merkt sie, damit kommt sie nicht weiter. Das macht sie einsam und eng. Sie läuft in eine Sackgasse und realisiert, dass sie einen Schritt zurück machen und sich eingestehen muss, sie hat sich verrannt. Um dieses Weiche wiederzufinden. Darin findet sich dann viel mehr Lösung und Zusammenfindung mit den alten Freunden.

Julia: Es war fast wie ein Trichter. Am Anfang hat sie alle – eine riesen Kommune. Dann wird es das Trio – mit Alfa und Lenor. Dann hat sie nur noch Dietmar, die anderen sind weg. Und irgendwann, als sie dann bei den Nazis durch diese Gruppe läuft, ist nur noch sie da. Und da ist der Weg zu Ende – sie geht erst wieder zu Dietmar, dann zu den Jungs und schlussendlich wieder zu allen anderen. Sie muss durch diesen Trichter, um zu verstehen: Diese Verhärtung kann nicht der Weg sein, man kann es nur zusammen schaffen.

tvMovie: Ihr habt gerade schon eine interessante Szene angesprochen – in der Luisa bei der Nazi-Versammlung ist und durch das Konzert spaziert. Kurz vorher sieht man sie ja noch mit der Waffe weiter oben stehen und auf sie zielen. Was hat sie dazu gebracht, die Waffe wegzulegen und sich zwischen die Nazis zu stellen?

Mala: Luisa hat das Bedürfnis, immer weiterzugehen. Sie weiß, sie muss etwas gegen die Nazis unternehmen und ist kurz davor, das zu tun. Aber dann merkt sie ganz intuitiv: Wenn ich das jetzt mache, dann zerspringt etwas in mir. Und zugleich fühlt sie das Dilemma in sich, nicht tatenlos zugucken zu können, wie der Rechtsdrall wächst. Sie muss etwas Größeres machen, um etwas zu ändern. Also legt sie die Waffe weg und läuft zum Sprengstoff, den ihre Freunde jedoch weggenommen und sie damit vor einer großen Dummheit bewahrt haben.

Julia: In dieser einen Szene, in der sie wirklich wie so ein Geist durch diese Nazis läuft, ist sie fast für mich unsichtbar geworden. Ich habe auch zu Mala gesagt: Spiel so, als gäbe es niemanden um dich herum. Achte auf niemandem, weiche niemandem aus. Sei unsichtbar. Das war für mich ein Bild dafür, dass ihr jetzt alles genommen wurde. Es ist nichts mehr übrig. Dieser Trichter und dieses Unsichtbarsein waren für mich Zeichen von absoluter Machtlosigkeit in diesem Moment. Was sich dann vielleicht auch auf den Zuschauer überträgt – diese Machtlosigkeit, solchen Liedern und solchen Texten ausgeliefert zu sein, mit nichts mehr in den Händen.

Mala: Dieses Nichtgreifbare. Dieses Bedürfnis, etwas zerschlagen zu wollen und auf einmal merkt man, man kann nichts tun. Wie dieser Albtraum, in dem man nichts zu greifen bekommt.

Porträt Emde Mala
Schauspielerin Mala Emde spielt die Rolle der 20-jährigen Luisa. Foto: Mathias Bothor

tvMovie: Der Film macht ja auch auf Probleme innerhalb der linken Szene aufmerksam. War das von Anfang an eine Idee dahinter?

Julia: Ja. Als ich vor langer Zeit schon einmal dachte, ich mache einen Film dazu, und selber noch ganz nah dran war, hatte ich einen noch zu romantischen Blick auf das Ganze, der irgendwie eher Antworten geben wollte, wie: Die Antifa ist super, macht alle mit. Das wäre damals die Aussage meines Films gewesen – den hätte sich allerdings wahrscheinlich niemand angeschaut. Mit den Jahren versteht man viel mehr. Über sich selbst, aber auch über die Gruppe und kann damit präziser und ehrlicher umgehen. Gleichzeitig wird man aber auch liebevoller, eben weil man ehrlicher wird. Ich würde sagen, bei all den kritischen Untertönen, die ich einbringe, bleibt es eine Liebeserklärung an diese Menschen.

tvMovie: Gibt’s noch eine Anekdote zu der Szene mit den erschossenen Tieren?

Mala: Ja! Also ich ernähre mich ja vegan und bin wirklich Tierliebhaberin, deswegen war es schon mal eine Herausforderung. Aber dann war es auch noch so, Michael musste ja die Kaninchen ausnehmen, während wir diese Szene gespielt haben und wir haben auch gesagt bekommen, wie man das macht. Normalerweise soll man nämlich nur den Bauch aufschneiden, aber er hat immer noch den Darm mit aufgeschnitten. Das heißt, es ist nicht nur ausgeblutet, sondern eben, naja du weißt, was ich sagen will. Und dieser Raum war nur etwa fünf Quadratmeter groß, da standen sieben Leute drin und es roch so beißend – jedes Mal wenn die Tür aufging, ging ein „WOA“ durch die Menge. Das war wirklich hart.

Julia: Aber wichtig war für mich natürlich an der Szene, dass man sieht: Die schreckt vor nichts zurück, notfalls. Denn ich finde, dann traut man ihr auch am Ende alles zu, als sie das Gewehr auf alle richtet. Ich wollte sie einmal so sehen um klarzustellen: Die scheißt sich nichts.

Interview und Text: Nina Nolte



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