Tatort Bremen

„Tatort“ heute: Dilettantisch wäre noch ein Kompliment – Kritik zum Fall „Wenn man nur einen retten könnte“ aus Bremen

Eine tote Frau vor dem Club – Grund genug für das Bremer-„Tatort“-Team, die Ermittlungen zu starten. Wie der Fall „Wenn man nur einen retten könnte“ ist, verraten wir dir in unserer Kritik …

Jasna Fritzi Bauer (r. frontal) und Tijan Njie (l. frontal) stehen vor einer Mutter und Tochter, deren Gesichter man nicht sehen kann.
Diese Woche muss Moormann (Jasna Fritzi Bauer, r.) alleine ermitteln – und dabei kommt eine ganz schön große Katastrophe raus. Foto: Radio Bremen/Magdalena Stengel

WG-Drama und unklare Verhältnisse: In Bremen ermittelt das „Tatort“-Team rund um Jasna Fritzi Bauer in dem Mordfall einer jungen Frau. Dafür wird ein Blick auf die jüngeren Mitglieder der Gesellschaft geworfen. Endet das in einem Klischee-Krimi oder wird eine pointierte Sozialstudie inszeniert?

„Wenn man nur einen retten könnte“: Darum geht es in dem „Tatort“

Vor einem Club wird eine junge Frau (Annika Gräslund) gefunden – sie ist tot. Es gibt kaum Hinweise auf einen möglichen Täter oder eine Täterin, und der gesamte Fall wird noch komplizierter, als Ermittlerin Selb (Luise Wolfram) während einer Verfolgungsjagd außer Gefecht gesetzt wird. Prompt muss Moormann (Jasna Fritzi Bauer) allein ermitteln – zumindest so lange, bis sie Patrice Schipper (Tijan Njie) mit ins Boot holt. Ihre erste Spur führt sie zu der WG der jungen Frau, wo sich unvorstellbare zwischenmenschliche Abgründe auftun …

Jasna geht gar nicht – der Rest aber auch nicht: Schauspielerisches Gefälle im „Tatort“

Auf einer inhaltlichen Ebene ist der „Tatort“ dieser Woche nicht vollends schlecht, aber technisch wird wirklich auf allen Ebenen versagt. Das fängt allen voran bei den Schauspielern und Schauspielerinnen an. Jetzt waren Fälle aus Bremen nie wirklich die, die durch großartige schauspielerische Leistungen geglänzt haben, aber „Wenn man nur einen retten könnte“ setzt dem Fass die Krone auf.

Das fängt mit Jasna Fritzi Bauer an, die kess und launisch durch Bremen zieht, als müsste sie gleich Horst Schimanski Konkurrenz machen. Der sonst so stark benötigte Gegenpol Luise Wolfram liegt diese Folge überwiegend auf dem Krankenbett und lässt sie freidrehen, was zu einem furchtbaren Seherlebnis führt.

Als wäre das nicht schlimm genug, ist der Rest des Casts aber auch nicht unbedingt besser: Von Schauspielern, die es nicht vermögen, Heroinsüchtige zu spielen, über Mütter, die den Tod der eigenen Tochter so unnatürlich wie überhaupt verkraften, bis hin zu Dichtern aus der Schauspielhölle – Bremen legt mit einem derartigen schauspielerischen Gefälle vor, dass andere „Tatort“-Teams diesem erst noch gerecht werden müssen.

ADR aus der Hölle: Wo der Bremer-„Tatort“ noch versagt

Doch bei dem schlechten Schauspiel hört es nicht auf: Unfassbar viele Szenen sind nachsynchronisiert und lassen Raum für die berechtigte Frage, ob der Tonmann oder die Tonfrau im Urlaub war.Aber selbst wenn der Ton stimmt, stimmen ganz andere Dinge nicht: Immer wieder wandeln Bauer und Njie über die Straßen Bremens und fassen Dinge zusammen, die dem Publikum schon klar waren. Darüber hinaus werden die Gespräche meist an einem Ort angefangen und enden an einem anderen, was prinzipiell sonst kein Problem wäre – aber die Länge der Strecken und die letzten Sätze der Gespräche passen von Geografie und Gesprächslänge nicht zusammen.

Nur Klischees: Wenn der „Tatort“ zu bemüht modern sein will

Eine weitere Talfahrt im „Tatort“ ist meist das Darstellen junger oder moderner Sachverhalte. Da eine Wohngemeinschaft im Mittelpunkt der Handlung steht, ist man diesen Themen leider wohl oder übel ausgesetzt. Aber …

Das ist keine Repräsentation. Es werden einfach nur Klischees benutzt, um behaupten zu können, dass man repräsentative Intentionen gehabt hat. Keiner dieser dargestellten jungen Menschen ist auf irgendeine Art und Weise das Ebenbild von Personen, die es tatsächlich im echten Leben gibt, sondern auch nur Strohmänner und Strohfrauen, die existieren, um einer Agenda gerecht zu werden. Aber das ist das, was passiert, wenn Personen, die in ihrer Lebensrealität so weit von dem entfernt sind, wovon sie erzählen wollen, Drehbücher für den „Tatort“ schreiben.

Zwischen Prostitution von Minderjährigen und peinlicher Romantik: „Wenn man nur einen retten könnte“ ist Müll

„Wenn man nur einen retten könnte“ ist eine Mischung aus „Neue Vahr Süd“ für Arme und bemühtem Streben nach Relevanz. Ich weiß nicht recht, wer sich davon angesprochen fühlt, aber das ist mit Abstand wohl das wirrste „Tatort“-Drehbuch der aktuellen Saison.

Wer schon immer mal richtig leiden wollte, sollte heute Abend den Bremer „Tatort“ schauen. Aber prinzipiell sollte man es bleiben lassen, damit die daraus resultierenden niedrigen Quoten endlich das Signal senden, dass niemand ein solches Armutszeugnis verdient hat.