Schwülstige Dauerwerbesendung ohne Biss: Kritik zu „Die Millionenidee“ mit Ralf Dümmel
Ralf Dümmel will auch abseits der „Höhle der Löwen“ nach neuen Produktinnovationen suchen. „Die Millionenidee“ ist jedoch nicht eure Zeit wert.

Wenn Ralf Dümmel in „Die Höhle der Löwen“ Gründerinnen und Gründern einen Deal anbietet, erhält er in den meisten Fällen den Zuschlag. Für viele ist Dümmel schließlich der sympathische Wunschlöwe, der als „Mr. Regal“ zudem gute Verbindungen zum Einzelhandel mitbringt.
Es überrascht daher nicht, dass nun gerade Dümmel auserkoren wurde, um ein wenig vom „Löwen“-Erfolg zu Sat.1 (und somit zur Konkurrenz) zu bringen. Allerdings geht „Die Millionenidee“ in eine völlig andere Richtung und ist weniger eine Investmentshow als ein gefühlsduseliger Blick hinter die Kulissen des neuesten Lidl-Prospekts.
Good Vibes Only

Zunächst klingt „Die Millionenidee“ wie ein niedrigschwelliger „Die Höhle der Löwen“-Ableger für den Jedermann von nebenan. Hier werden nämlich keine fertigen Produkte oder gar erste Erfolge erwartet, eine gute Idee reicht schon aus. Über 6000 Menschen haben sich somit bei „Die Millionenidee“ beworben, zu sehen bekommt man natürlich nur einen Bruchteil und das auch nicht in Form eines ausgedehnten Pitches, sondern in einem kurzen Bewerbungsvideo. Dümmel und sein Team schütteln gelegentlich lachend den Kopf ob der gebotenen Hirngespinste, aber Scherze auf Kosten der Bewerberinnen und Bewerber gibt es nicht, alles soll stets positiv bleiben.
Schnell einigt man sich auf vier Ideen, die das Potenzial zur „Millionenidee“ haben sollen: Eine Wärmflasche mit Duft, eine fluoreszierende Zahnpasta für Kinder, eine zu erwärmende Einlagesohle, die die eigene Fußform annimmt, und eine leicht abnehmbare Malerrolle. Welche dieser Produkte werden am Montag nach der Ausstrahlung deutschlandweit bei Lidl im Regal stehen? Das klärt „Die Millionenidee“ auf möglichst unspektakuläre Art.
Eine „Millionenidee“ ist noch nicht dabei

Offiziell haben die Produkte auf dem Weg zum Finale drei Schritte zu durchlaufen: den Ideencheck, den Expertencheck und die Produktentwicklung. Diese Kategorien sind allerdings recht schwammig und bevorzugen eigentlich Ideen ohne vorhandene Prototypen. Die duftende Wärmflasche zum Beispiel, die später den Namen Happy Hotty erhält, wird nie getestet, stattdessen besucht Erfinder Jerimo Ralf Dümmel nur in einer Lagerhalle und bekommt dort „sein Produkt“ erstmals zu sehen.
Das Schicksal der Malerrolle Rollfix entscheidet sich in einem Duell zwischen den Interior-Influencern Julian und Marian, die um die Wette streichen müssen. Skeptiker könnten meinen, dass sich der Ausgang dieses Wettstreits recht leicht manipulieren ließe, fest steht aber, dass Rollfix den Kampf für sich entscheidet.
Schwerer hat es da die Einlegesohle, die von Mitarbeiterinnen eines Altersheims getestet werden soll. Als eine der Sohlen nicht richtig in den Schuh passen will, eröffnet Ralf Dümmel, dass ihm das Thema „halbe Größen“ eh schon auf den Magen schlägt. Letztendlich schafft es „Korki“ zwar ins Finale, aber eigentlich haben Dümmels Zweifel das Schicksal des Produkts schon besiegelt.
Die fluoreszierende Zahnpasta schafft es als einziges Produkt nicht ins Finale, denn die zeitaufwendige Entwicklung und die damit verbundenen Kosten rentieren sich nicht für Dümmels Team.
„Die Millionenidee“ leistet wenig Überzeugungsarbeit
Um die große Enthüllung über Erfolg oder Misserfolg für das Finale aufzuheben, verwehrt uns „Die Millionenidee“ einen Blick auf den letzten, spannendsten und alles entscheidenden Schritt – die Verhandlung mit Lidl.
Echte Verhandlungen und eine Erklärung für die letztendlichen Entscheidungen bekommt man also nicht. Allerdings können die meisten Lidl-Kunden recht erfolgreich auf ihr Bauchgefühl vertrauen, wenn es um die Auswahl der Produkte geht. Eine Malerrolle braucht fast jeder mal und sie sind oft genug in ihrer klassischen Form bei Lidl im Angebot, gleiches gilt für Wärmflaschen – sei’s drum, dass „Happy Hotty“ in der Sendung nun eigentlich nie wirklich vorgestellt oder von unvoreingenommenen Kunden getestet wurde. „Die Millionenidee“ und Lidl vertrauen wohl darauf, dass diese Produkte einfach im Warenkorb landen, weil man sie im Fernsehen gesehen hat.
Bei den Einlegesohlen wäre es hingegen unwahrscheinlich, dass Lidl genug Platz freiräumt, um zahlreiche unterschiedliche Größen anzubieten, und Kinderzahnpasta lässt sich nicht gut genug präsentieren und geht in den großen Auslagen wohl eher unter.
Mr. (R)egal

Das Interesse an neuen Produkten machte bereits „Die Höhle der Löwen“ so erfolgreich, aber dort geht es nicht nur um das Produkt allein, sondern auch um die Reaktion der Löwen. Es wird eben nicht nur gelobt, sondern auch nachgefragt und kritisiert, nach dem Pitch hat man eine recht genaue Ahnung davon, ob man das Produkt brauchen könnte.
Anders bei „Die Millionenidee“: Hier wird man gewissermaßen vor vollendete Tatsachen gestellt, die von Dümmel auserwählten Produkte – und es müssen Produkte sein, anders ließen sich die „Ideen“ ja nicht bei Lidl verkaufen – gelten zunächst alle erstmal als gut. Wie gut sie sind, entscheidet letztendlich die Führungsetage von Lidl, aber da wir diesen Schritt nicht erleben, wird ein Großteil der Laufzeit mit Hausbesuchen von Ralf Dümmel bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern gefüllt.
Dabei wird ordentlich mit der Emotionskeule geschwungen. Die Tränen fließen, alle emotionalen Schicksalsschläge der Vergangenheit werden geteilt, während Ralf Dümmel durchgehend Gänsehaut hat. Das kennt man aus anderen Shows, genau wie die unzähligen Zeitlupenaufnahmen von Leuten mit verschränkten Armen, die sich langsam zur Kamera drehen, einen echten Mehrwert sucht man hier aber vergebens.
Wer einfach neugierig ist, welche Produkte ab Montag bei Lidl zu finden sein werden, sollte lieber direkt Lidl ansteuern und sich somit Zeit und Nerven sparen. Einen gelungenen „Höhle der Löwen“-Ersatz während der Winterpause sucht man jedenfalls vergeblich.







