Nationalmannschaft

Vorletzter Kader vor der WM-Nominierung: Was hat Julian Nagelsmann wirklich vor?

Der DFB-Coach liefert bei der Verkündung des Kaders für die Testspiele im März nur wenige Antworten, es stellen sich umso mehr Fragen. Unsere Meinung dazu.

Julian Nagelsmann bei DFB Pressekonferenz
War die Wahl von Julian Nagelsmann für den DFB-Kader die richtige? Das werden die Testspiele gegen Ghana und die Schweiz zeigen. Foto: IMAGO / Jan Huebner

DFB-Trainer Julian Nagelsmann stellte bei der Pressekonferenz zur Kadernominierung am vergangenen Donnerstag gleich eine Sache klar: Es gab „viel Diskussionen“ im Trainerteam vor der endgültigen Nominierung.

Es wird wenige Monate vor der Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko merklich ernst.

Das macht auch Sinn, schließlich debattieren die über 80 Millionen Bundestrainer:innen seit der Bekanntgabe auch über seine Auswahl.

Zwar konnte der ehemalige Bundesligacoach einige Themen, die er selber in seinem Kicker-Interview aufgemacht hatte, wieder einfangen, dafür aber auch für neue Debatten gesorgt.

Zumindest wenn man mich fragt.

Aber gehen wir das ganze doch mal chronologisch von hinten nach vorne durch.

Die Torhüter

Es ist und bleibt einfach so: Deutschland hat immer genügend Keeper, die zur internationalen Klasse gehören. Das gilt auch für Oliver Baumann von der TSG Hoffenheim. Dahinter hat Nagelsmann dann schon die Qual der Wahl, denn mit Noah Atubolu vom SC Freiburg und Finn Dahmen aus Augsburg klopfen bereits zwei junge Torhüter an der Tür, die beide mit extrem guten Leistungen auf sich aufmerksam machen.

Ende März müssen beide aber damit leben, dass Jonas Urbig vom FC Bayern und Alex Nübel vom VfB Stuttgart zum Kader gehören. Der Nationaltrainer begründet dies bei Urbig zum einen damit, dass er auch gute Leistungen bei den Bayern zeigt, zum anderen aber auch damit, weil er eben den Bayern-Block im Kader aus dem Vereins-Alltag eben sehr gut kennt.

Generell ein Faktor, der für Nagelsmann sehr wichtig zu sein scheint. Dabei rief er ja zum Amtsantritt noch die Nominierungen nach Leistungsprinzip aus. Aber dazu später mehr.

Wir dürfen am Ende gespannt sein, wer hinter Baumann in die USA reisen darf. Der Hoffenheimer-Keeper scheint unter Nagelsmann aber gesetzt zu sein.

Die Verteidiger

Hier wirds in meinen Augen schon kniffliger. Auf der linken Seite bleibt zum Beispiel Maxi Mittelstädt zu Hause, bei der EM noch mit David Raum auf dieser Seite im Zweikampf und damals gesetzt. Im Verein blieb er zuletzt einige Male auf der Bank. Es bleibt bei ihm also spannend, ob er am Ende den Trip nach Nordamerika mitmachen darf.

Die Causa Antonio Rüdiger

Jemand der aber in den letzten Monaten wegen seiner Leistung abseits des Platzes immer wieder auffiel ist Antonio Rüdiger.

„Was ich sagen kann, ist, dass Antonio sich unglaublich committet, was die Nationalmannschaft angeht. Dass er einer ist, der die Familie Nationalmannschaft auch extrem schützt und alles dafür tut, dass wir erfolgreich sind“, so Nagelsmann.

Das kann man gerne so sehen. Aber wer zuletzt so im Zentrum der Aufmerksamkeit stand, wie eben Rüdiger, dann - finde ich - sollte der Nationaltrainer ein Zeichen setzen.

Sei es nämlich das „harte Foul“ (um es milde auszudrücken) gegen Getafe vor einigen Wochen, nachdem ihm sein Gegenspieler Diego Rico vorwarf, „er habe ihn verletzen wollen“. Rico war der Meinung, dass Rüdiger ihm das Gesicht zertrümmern wollte und unterstellte dem Real-Profi im nächsten Satz, ihn absichtlich gefoult zu haben.

Wenn er mich falsch erwischt hätte, wäre ich da einfach liegen geblieben, platt auf dem Spielfeld“, so der 33-jährige Spanier.

Und ganz ehrlich? Ich hab mir die Szene wirklich mehrfach angeschaut, es bleibt zumindest der Eindruck von Vorsatz bei mir hängen.

Die Bild-Zeitung titelte nach der Partie: „So darf Rüdiger nicht mit zur WM“. Ich bin selten einer Meinung mit diesem Medium – dabei hatten sie allerdings einen Punkt -, das würde ich aber bei jedem Spieler schreiben, der sich so verhält.

Auch schon 2025 gab es Vorfälle

Uns allen ist sein Ausraster im Pokal vor einem Jahr gegen Barcelona noch gut in Erinnerung. Nach einem Platzverweis beleidigte der gebürtige Berliner den Schiedsrichter hörbar auf Deutsch und schmiss noch eine Rolle Tape nach dem Unparteiischen.

Der spanische Verband sperrte ihn daraufhin für sechs Spiele, vom DFB wurde er dafür öffentlich gerügt. Rudi Völler appellierte an seine Vorbildfunktion. Dabei war Rüdiger schon im April 2025 mit einer Kopf-Ab-Geste gegen Atletico Madrid in der Champions League aufgefallen.

Stellen wir bei solchen Vorfällen das Leistungsprinzip über die Vorbildfunktion? Ich finde die Frage sollte zumindest erlaubt sein.

Die Mittelfeldspieler/Stürmer

An dieser Stelle einen großen Respekt an die Jungs von Calcio Berlin – kam schon eine Kiste Bier von Anton Stach in Berlin an?

Kleiner Spaß am Rande – aber hier geht es Beispielsweise um eine der Diskussionen, die sich Julian Nagelsmann mit seinem „interessanten“ Interview im Kicker selber beschert hat.

Anton Stach spielt nämlich eine wirklich herausragende Saison für Leeds in der Premier League, auf der Sechser und Achter Position. In seiner ersten Spielzeit auf der Insel ist er auf Anhieb Stammspieler, trifft vier Mal selber und kommt auch noch auf drei Assists. Laut Nagelsmann ist er aber kein Kandidat für die Stammelf, weil er nicht Kopfballstark ist.

Nur eine Bemerkung am Rande: Anton Stach ist 1,94 Meter groß – klar, das macht ihn nicht automatisch zum kopfballstarken Spieler. Aber ... come on. Wenigstens hat Nagelsmann möglicherweise bemerkt, wen er da zumindest in seinen Gedanken außen vor gelassen hat und Stach für die zwei Spiele gegen die Schweiz und Ghana nominiert.

Gilt die gebrachte Leistung wirklich?

Nun aber zum angesprochenen Leistungsprinzip und einer kleinen Rüge meinerseits an die am Donnerstag anwesenden Journalisten.

Liebe Kolleg:innen, warum stellte keiner von Ihnen eine Frage bzgl. der Nominierung von Leroy Sané? Wenn Nagelsmann doch auch in der PK mehrfach von Leistung sprach, dann kann man doch diese Berufung des Galatasaray-Profis zumindest hinterfragen.

22 Mal stand er diese Saison im Kader, davon 20 Mal in der Startelf. Seine Bilanz in der Süper Lig? Sechs Tore und vier Vorlagen. Zum Vergleich – Anton Stach liefert auf einer defensiveren Position und in einer stärkeren Liga zwei Tore weniger und halb so viele Assists.

Karim Adeyemi kommt beim BVB auf eine ähnliche Bilanz (sechs Tore, drei Vorlagen) wie Sané, bleibt aber in dieser DFB-Periode zu Hause, damit ein Kevin Schade sich auch beim DFB beweisen kann.

Wenn Nagelsmann wirklich nach dem Leistungsprinzip gegangen wäre, dann hätte er auch Kevin Schade und Adeyemi nominieren können. Aber das sind nur meine fünf Cent zu diesem Thema.

Kevin Schade kriegt schließlich für diese zwei Spiele den Kader-Platz aus Gründen der Parität. Adeyemi und BVB-Kollege Beier waren bei den vorherigen DFB-Spielen dabei und kennen einige Profis aus der Nationalmannschaft aus dem eigenen Verein.

Bei Kevin Schade ist das in Brentford nicht der Fall. Eine Handhabung, die definitiv lösungsorientiert ist. Es wird spannend, wer sich hier durchsetzen kann. Denn am Ende wird Nagelsmann wohl nur mit drei Konterspielern ins Turnier gehen.

Goretzka besser geeignet für Reihe zwei, als Stiller?

Aber zurück zum Thema Leistungsprinzip. Denn wenn es wirklich darum geht, warum schafft es dann ein Bankspieler des FC Bayern wieder in den DFB-Kader? Ja, ich spreche von Leon Goretzka.

Wenn wir an die vergangenen WM's zurückdenken, dann haben wir alle verstanden, warum ein Lukas Podolski im Kader war. Der Mann ist einfach ein Gewinn für jede Mannschaft mit seinem Humor und seiner Art. Ich würde mich jetzt aber mal aus dem Fenster lehnen und sagen, dass Leon Goretzka jetzt eher nicht die Stimmungskanone ist, wie ein Poldi.

Manch einer spottete im Netz schon, was Goretzka gegen Nagelsmann in der Hand haben könnte, soweit würde ich jetzt nicht gehen. Aber dass ein Spieler, den die Bayern am Ende der Saison ablösefrei ziehen lassen, so regelmäßig im Kader der Nationalelf steht und dort nicht von Anfang an spielt, verwundert mich persönlich sehr.

Allerdings nicht so sehr, wie die Nicht-Nominierung von Angelo Stiller. Wir erinnern uns an die EM 2024 - Toni Kroos kommt extra für das Heimturnier zurück in die DFB-Elf und Nagelsmann baut die Mannschaft um den Real-Star herum.

Zwei Jahre später haben wir endlich wieder einen Spieler, der von der Spielweise an Kroos erinnert – das Interesse von Real soll übrigens schon geweckt sein. Trotzdem schafft der Stuttgarter Führungsspieler Stiller es nicht in den Kader von Nagelsmann.

Auf die WM Chancen von Stiller angesprochen, setzte Nagelsmann zu einem interessanten Vergleich an, der einige Rückschlüsse ermöglicht: „Ihr (Journalisten a.d.R.) habt, die meisten zumindest, auch irgendeinen Vorgesetzten, der vielleicht für diese Rolle geschaffen ist, der aber vielleicht nicht dafür geschaffen ist, jeden Tag ein Artikel zu schreiben.“

Heißt im Umkehrschluss: Stiller ist einer der Kandidaten, der erstens nicht in der Startelf stehen würde und zweitens auf der Bank bei der Weltmeisterschaft für Unruhe sorgen könnte?

Das öffentlich so über einen Spieler anzudeuten, der in seinem Verein unumstritten ist, finde ich ziemlich hart und wenig stilvoll. Auch wenn man es hinter einem interessanten Vergleich versteckt.

Gesamtblick auf den Kader

Es war vieles zu erwarten. Nach dem Kicker-Interview von Julian Nagelsmann konnte mit einigen Nominierungen gerechnet werden; dass Anton Stach es trotzdem in den Kader schaffte, hat mich persönlich genauso überrascht wie die Entscheidung, Angelo Stiller zuhause zu lassen.

Was mich generell wundert, ist der Fakt, dass ein Philipp Treu vom SC Freiburg bisher so gar nicht in der Kader-Diskussion vorkommt. Es wird doch immer wieder über die Links- und Rechtsverteidiger-Position gesprochen. Vor allem über die Lücke, die nach Joshua Kimmich kommt, von dem wir alle ja wissen, dass er sich auf der sechs sieht – Philipp Lahm lässt grüßen.

In Treu hätte Nagelsmann einen Spieler, der bewiesen hat, dass er auf beiden Seiten nicht nur in Liga 2 überzeugen kann, sondern auch mit dem SC auch in der Europa League schon auf beiden Positionen wirklich gute Spiele gemacht hat.

Wenn es darum geht, ob wieder ein Spieler überraschend für den finalen DFB-Kader nominiert werden könnte – ich würde mein Geld auf Philipp Treu setzen (nicht nur wegen seiner Vergangenheit am Millerntor).

Mit einigen seiner Äußerungen und Nominierungen hat sich Julian Nagelsmann zumindest in meinen Augen keine Gefallen getan. Wenn die Nationalmannschaft in den zwei folgenden Testspielen aber überzeugt, muss ich ihm am Ende recht geben.