Trotz Verzögerung ausgestrahlt

Kontroverse bei den BAFTAs: Gast mit Tourette ruft rassistische Beleidigungen

Bei den BAFTAs sorgten Zwischenrufe mit rassistischen Beleidigungen für Empörung. Die Folge ist eine hitzige Debatte rund um das Thema Inklusion.

John Davidson und Robert Aramayo posieren für die Kameras.
John Davidson (l.) verließ die Preisverleihung vorzeitig. Foto: IMAGO / Future Image

Bei den BAFTAs in London kam es am Sonntagabend zu einem Moment, der aktuell weltweit für Aufsehen sorgt: Während die Schauspieler Michael B. Jordan und Delroy Lindo einen Preis auf der Bühne präsentierten, rief ein Mann laut eine rassistische Beleidigung in den Saal.

Grundlage der Debatte ist eine komplizierte Verknüpfung aus Inklusion, Schutz vor rassistischer Sprache und der Frage, wie ein Sender mit solchen Situationen im Fernsehen umgeht.

Was passiert ist

Bei dem Mann handelte es sich um John Davidson. Er steht im Zentrum des britischen Independent-Films „I Swear“, der von einem Mann mit Tourette-Syndrom handelt. Davidson setzt sich seit Langem für mehr Bewusstsein für die Erkrankung ein und sagte CNN bereits vor der Show, dass er sich Sorgen um seine unwillkürlichen Tics mache.

Der Schauspieler Robert Aramayo, der Davidson im Film verkörpert, gewann später am Abend den Preis als „Bester Hauptdarsteller“. Davidson schilderte, Aramayo habe ihn intensiv studiert und ihm Fragen gestellt wie: „Wenn du einen Tic hast, weißt du, woher er kommt? Was ist mit Tic-Auslösern?“ Auf dem vollen roten Teppich sagte Davidson außerdem: „Bestimmte Dinge – so wie heute, viele Leute um mich herum – ich spüre, weißt du, mehr Tics, falls ich ausraste. Verschiedene Situationen können verschiedene Emotionen und Tics und so auslösen.“

Das Publikum war vor Beginn der Veranstaltung darauf hingewiesen worden, dass Tics oder unwillkürliches Fluchen vorkommen könnten; Davidson erhielt im Saal sogar großen Applaus. Nach dem Zwischenruf bat Moderator Alan Cumming um „Verständnis“ für die „starke und beleidigende Sprache“. Er erinnerte das Publikum daran, dass Tourette-Syndrom eine Behinderung sei und Tics unwillkürlich seien, und sagte: „Wir entschuldigen uns, falls Sie heute Abend beleidigt sind.“

Delroy Lindo wirkte nach dem Ausbruch besonders schockiert, machte dann aber weiter. Er und Jordan präsentierten anschließend den ersten Preis des Abends für „Beste visuelle Effekte“ an „Avatar: Fire and Ash“.

Warum die TV-Zuschauer anders reagierten

Für viele Menschen zu Hause war die Situation deutlich schwerer einzuordnen als im Saal. Die BBC sendet die BAFTAs mit zwei Stunden Verzögerung und kürzt das dreistündige Live-Event zu einer kompakteren TV-Fassung. Zwar waren einige von Davidsons Ausrufen hörbar, aber die „stärkste“ Sprache sei für TV-Zuschauer nicht immer eindeutig gewesen. Zudem schaffte es Cummings erste Erklärung nicht in die Ausstrahlung. Das führte zu Verwirrung und Spekulationen in den sozialen Medien.

Gleichzeitig steht nicht nur Davidson in der Kritik, sondern auch die BBC: Auf Nachfrage bekräftigte der Sender zwar gegenüber CNN die Entschuldigung von Alan Cumming, reagierte aber nicht auf Fragen, warum der Moment trotz der langen Verzögerung nicht aus der TV-Ausstrahlung entfernt wurde.

Hier verschärft sich die Debatte zusätzlich: Eine politische Äußerung wurde in derselben Sendung nämlich anders behandelt. Akinola Davies Jr., der als Gewinner für das „Outstanding British Debut by a Writer, Director or Producer“ (für „My Father’s Shadow“) ausgezeichnet wurde, beendete seine Rede mit der Bemerkung „Free Palestine“. Dieser kurze Satz sei Berichten zufolge aus der BBC-Ausstrahlung herausgeschnitten worden; die BBC antwortete auf eine Anfrage dazu nicht.

Damit entsteht ein zentraler Vorwurf, der die Kontroverse mit antreibt: Warum bleibt ein Moment mit rassistischer Beleidigung in der Sendung, während „Free Palestine“ offenbar nicht zu hören war?

Die Kritik: „Inakzeptabel“

Auf Instagram und X wurde Davidson scharf kritisiert. Schauspieler Jamie Foxx kommentierte unter einem Videoausschnitt: „Von all den Wörtern, die du hättest sagen können, bringt Tourette dich dazu, DAS zu sagen? Nein, er hat das so gemeint. Inakzeptabel.“

Während diverse Kommentare Davidson Rassismus vorwerfen, hinterfragen andere, ob seine Anwesenheit bei den BAFTAs die richtige Entscheidung war: „Ich denke, ein Teil von Intersektionalität und Empathie ist, die eigene Störung zu verstehen und wie sie das öffentliche Leben beeinflussen kann. Davidson hätte die Weitsicht haben sollen, so einen Vorfall vorherzusehen. Das ist kein privates Event oder eine Familienfeier, das ist eine weltweit im Fernsehen übertragene Preisverleihung.“

Durch viele Beiträge zieht sich auch die Vermutung, dass es bei einer derartigen Situation kaum eine einzige korrekte Lösung gibt: „Was gestern Abend bei den BAFTAs passiert ist, ist ein echtes Beispiel für konkurrierende Rechte – auf der einen Seite, jemanden mit einer Behinderung einzubeziehen, der jedes Recht hat, dabei zu sein, und auf der anderen Seite, Menschen davor zu schützen, von rassistischen Beleidigungen angegriffen zu werden. Ich weiß ehrlich nicht, wie das irgendjemand zusammenbringen soll.

Die Tourette-Erklärung

Das Tourette-Syndrom ist eine neurologische Störung, die motorische und vokale Tics umfasst – von Zuckungen und Husten bis hin zu vollständig artikulierten Sätzen oder Schimpfwörtern. Ein kleiner Teil der Betroffenen erlebt Coprolalie: das unwillkürliche Aussprechen sozial unangemessener Wörter oder Phrasen.

Diese Wörter werden nicht wegen ihrer Bedeutung „ausgewählt“, sondern werden von der betroffenen Person als unerwünscht und belastend erlebt. Forschende klassifizieren Coprolalie als komplexen vokalen Tic, nicht als absichtliche Sprache oder bewusste Entscheidung.

Gleichzeitig erklärt genau diese medizinische Einordnung nicht automatisch, wie sich ein Publikum – insbesondere Menschen, die von Rassismus betroffen sind – in dem Moment fühlen „soll“. Denn selbst wenn die Äußerung unwillkürlich ist, bleibt ihre Wirkung natürlich real. Genau deshalb wird die Lage als so kompliziert empfunden: Die Grenze zwischen Verständnis für eine Behinderung und dem Schutz vor rassistischer Sprache ist in einer Live-Show nur schwer zu ziehen.

In der zweiten Hälfte der Zeremonie waren die Ausbrüche nicht mehr zu hören, als Davidson offenbar den Raum verlassen hatte. Laut Variety ging Davidson aus eigenem Antrieb und wurde nicht von der BAFTA aufgefordert.

Quellen

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