Die Geister, die Fatih rief – Kritik zu „Geister“
Nach Jahren der Pause liebäugelt Fatih Akin in seinem neuesten Film „Geister“ erneut mit der Liebe. Doch fängt der Kult-Regisseur diese immer noch genauso gut ein wie damals?

Es ist schon etwas absurd: Jahrelang beschweren sich Kritik sowie das Publikum darüber, dass im Kino kaum noch verträumte, märchenhafte Filme stattfinden, und nun starten diese Woche mit „Wildwood“ und „Geister“ gleich zwei solcher Filme in den deutschen Kinos. Letzterer verspricht dem Publikum eine einfühlsame Geschichte über eine zum Scheitern verurteilte Liebe – aber löst Fatih Akin dieses Versprechen auch wirklich ein?
Worum geht es in „Geister“?

Für Faris (Eren M. Güvercin) und Farasha (Mariam Dawoud) könnte es gar nicht besser laufen. Immerhin haben sie ihr Abitur in der Tasche und glauben, auf der daraus resultierenden Abifeier im jeweils anderen ein Objekt romantischen Interesses gefunden zu haben. Jedoch hat das Schicksal andere Pläne und führt schlussendlich dazu, dass Farasha nach der Feier bei einem Autounfall stirbt, bei dem ausgerechnet Faris am Steuer saß. Von tiefer Trauer geplagt, ist Faris' Überraschung umso größer, als ihm Farasha in seinen Träumen begegnet und ihm offenbart, dass sie noch 40 Nächte hat, um ihre gescheiterte Liebe ausleben zu können.
Kreisliga gegen Champions League
Per se ist „Geister“ ein emotional berührender Film, der beweist, dass Fatih Akin weiterhin versteht, wie man ein Publikum die komplette Bandbreite der Emotionen spüren lässt. Und während „Geister“ einen doch meist mit positiven Gefühlen zurücklässt, gibt es einen Faktor, der zumindest einen kleinen negativen Beigeschmack hinterlässt.
Einer der Geister, die Fatih Akin rief, namentlich Eren M. Güvercin, ist der Rolle, die er hier ausführen soll, noch nicht vollends gewachsen. Während der Jungdarsteller in der Vergangenheit in „DRUCK“ und zuletzt in der Serie „Banksters“ eigentlich recht positiv aufgefallen war, merkt man in „Geister“, dass doch noch etwas Luft nach oben ist. Wie bereits gesagt, verlangt der Film die komplette Bandbreite der Emotionen ab – nur nicht von Güvercin, der die meiste Zeit doch eher emotional unterkühlt wirkt. Leider auch in den Momenten, in denen seine Figur das gar nicht sein sollte.
Besonders auffällig wird dieses Zukurzkommen immer dann, wenn er sich eine Szene mit Mariam Dawoud teilt, die hier ihr augenscheinliches Schauspieldebüt gibt und beweist, dass Erfahrung nicht immer das Maß aller Dinge sein muss. Sie gibt sich herrlich verletzlich, herrlich verliebt, herrlich stur und herrlich charismatisch, während ihr Spielpartner noch versucht, aus dem selbstgebauten Tal der Trauer zu entkommen.
Fernsehturmbau zu Babel
Es fällt nahezu etwas schwer zu glauben, dass Fatih Akin, der Hamburg doch als Motiv für seine Filme liebt, nahezu sieben Jahre seit „Der Goldene Handschuh“ gebraucht hat, um sich der Stadt mal wieder anzunehmen. Aber ebenso wie die Liebe zwischen Faris und Farasha scheint auch Akins Liebe für Hamburg nicht wirklich zu verblassen.
In einer Stadt, in der man meinen möge, dass nahezu alles bereits gefilmt wurde, erklimmt Akin im wahrsten Sinne des Wortes neue Höhen, die sich dieses Mal in Form des Hamburger Fernsehturms äußern. Zwar wurde dieser für den Film nur als Kulisse nachgebaut, jedoch dürfte das all jenen, die diese Information nicht besitzen, gar nicht auffallen, denn gerade dann, wenn Faris auf dem Turm sitzt, sieht es so aus, als wäre er gerade wirklich in schwindelerregenden Höhen.
Darüber hinaus schenkt Akin auch wieder den Stadtteilen Licht, die sonst eher als unsichtbar gelten. Ja, Wilhelmsburg hat gewissermaßen mit „Soul Kitchen“ schon sein eigenes kleines Fatih-Akin-Denkmal bekommen, aber allein die Tatsache, dass Farasha und ihre Familie dort wohnen, macht den Film umso authentischer. Für mich selbst ist aber vor allem das gespenstisch leer gefegte Bild der U4-Endhaltestelle Elbbrücken eines der schönsten in „Geister“.
Passt ein Film wie „Geister“ überhaupt zu Fatih Akin?
„Geister“ ist einer dieser Kinostarts, bei denen Leute tatsächlich schon im Voraus viele Meinungen haben, da der Film bereits auf einigen deutschen Filmfestivals lief. Und während die Kritik den Film überwiegend positiv betrachtet, scheint ein gewisser Teil des Publikums den Film als zu kitschig zu erachten – und tut so, als wäre das eine Akin-Unart.
Dabei stimmt das gar nicht. Abgesehen von der Tatsache, dass es vor allem in Zeiten wie diesen wichtiger denn je ist, kitschig zu sein, ist Fatih Akin schon immer ein kleiner Romantiker gewesen. „Im Juli“ ist eine absolut kitschige Romanze, die aber Anklang beim Publikum fand, da der Film herrlich leichtfüßig war. Und „Gegen die Wand“ ist vielleicht nicht unbedingt kitschig, aber einfühlsam und sinnlich.
Diese Versatzstücke lassen sich auch in „Geister“ finden und sorgen dafür, dass man den Film irgendwo in der Mitte zwischen „Im Juli“ und „Gegen die Wand“ einordnen kann – nicht unbedingt qualitativ, aber immerhin als Maßgabe dafür, was einem emotional abverlangt wird. Und das muss man „Geister“ lassen: Es ist ein Film, der dem Publikum emotional etwas abverlangt … aber wie in der Liebe liegt es im Auge des Betrachters, ob man sich das tatsächlich abverlangen möchte.







