„Doitscha – Alles geht vorüber“: Die wahre Geschichte hinter dem ARD-Film
In „Doitscha – Alles geht vorüber“ gerät eine jüdisch-nichtjüdische Familie zwischen Antisemitismus und Identitätsfragen unter Druck. Hinter Adriana, Georg und ihren beiden Söhnen steckt eine echte Familie.

Am Mittwoch, 4. November, zeigt Das Erste um 20:15 Uhr den neuen Fernsehfilm „Doitscha – Alles geht vorüber“. Im Mittelpunkt steht Adriana Alkalaj (Oriana Schrage), Leiterin eines jüdischen Theaters in Köln, die mit ihrem nichtjüdischen Mann Georg (Mark Waschke) und den beiden Söhnen David (Yahli Yogev) und Sammy (Adam Lukas) zusammenlebt.
Während David zunehmend mit seinem Vater über Religion und seine Verbundenheit zu Israel streitet, wird Sammy in der Schule antisemitisch angefeindet. Adriana muss gleichzeitig mit Erwartungen an ihre Rolle als jüdische Stimme in der Öffentlichkeit umgehen. Doch wie viel davon basiert tatsächlich auf einer wahren Geschichte?
Ist „Doitscha – Alles geht vorüber“ eine wahre Geschichte?
Die kurze Antwort lautet: nicht direkt – aber sehr vieles hat einen realen Kern. Grundlage des Films ist Adriana Altaras’ 2015 veröffentlichter Roman „Doitscha – Eine jüdische Mutter packt aus“, in dem die Schauspielerin, Regisseurin und Autorin stark mit ihrer eigenen Familiengeschichte spielt.
Altaras selbst lebt in einer Konstellation, die jener im Film auffällig ähnelt: Sie ist Jüdin, arbeitet als Schauspielerin und Theaterregisseurin und hat mit dem nichtjüdischen deutschen Komponisten Wolfgang Böhmer zwei Söhne. Einer davon ist der inzwischen bekannte Schauspieler Aaron Altaras, der unter anderem in „Unorthodox“ und „Die Zweiflers“ zu sehen war und sogar einen kleinen Auftritt in „Doitscha“ hat.
Auch der Roman beschäftigte sich bereits mit den Konflikten einer jüdischen Mutter, eines nichtjüdischen Vaters und ihrer beiden Söhne. Trotzdem handelt es sich weder beim Buch noch beim Film um die exakte Nacherzählung von Altaras’ Familienleben.
Hauptdarstellerin Oriana Schrage bringt es auf den Punkt: „Es ist ja kein Biopic, sondern steht als Exempel für so viele Familien.“
Hinter Adriana steckt Autorin Adriana Altaras

Die Parallelen gehen allerdings noch weiter. Adriana Altaras wurde 1960 in Zagreb als Tochter jüdischer Eltern geboren, die während des Zweiten Weltkriegs im jugoslawischen Widerstand gegen die Nationalsozialisten kämpften. Nach politischen Problemen in Jugoslawien gelangte Altaras als Kind zunächst nach Italien und später zu ihren Eltern nach Deutschland.
Damit ähnelt auch die Familiengeschichte der realen Autorin jener von Adriana im Film. Gleichzeitig verarbeitet Altaras in ihren Büchern immer wieder auf humorvolle Weise die Frage, was es bedeutet, als Jüdin in Deutschland zu leben und eine Familie zu haben, in der unterschiedliche kulturelle und religiöse Hintergründe aufeinandertreffen.
Selbst ein zentrales Motiv des Films hat einen realen Vorläufer: Altaras hielt 2011 in der Frankfurter Paulskirche tatsächlich eine Rede zum Gedenken an die Novemberpogrome von 1938. Teile davon fanden später Eingang in den Roman „Doitscha“.
Der 7. Oktober veränderte die Geschichte des ARD-Films
Allerdings stammt das Buch bereits aus dem Jahr 2015. Für den Film mussten Regisseurin Ester Amrami und ihr Ehemann und Co-Autor Momme Peters den Stoff deshalb erheblich aktualisieren.
Vor allem der Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und die gesellschaftlichen Folgen veränderten das Drehbuch grundlegend. Amrami erklärte dazu: „Seit dem 7. Oktober ist vieles anders.“
So träumt David im Film davon, nach Israel zu gehen, während sein Vater dagegenhält. Adriana wird in einer Talkshow zur israelischen Politik befragt, an ihrem Theater kommt es bei einer Veranstaltung mit einem regierungskritischen israelischen Autor zu Protesten und ihr jüngerer Sohn erlebt Antisemitismus in der Schule.
Diese konkreten Ereignisse sind nicht als wahre Erlebnisse der Familie Altaras zu verstehen. Sie wurden für den Film entwickelt, sollen aber Erfahrungen und Konflikte spiegeln, mit denen jüdische Menschen in Deutschland seit dem 7. Oktober verstärkt konfrontiert werden.
Auch Oriana Schrage bringt ihre eigene Geschichte mit
Eine weitere interessante Ebene entsteht durch Hauptdarstellerin Oriana Schrage selbst. Sie wurde in Israel geboren, wuchs unter anderem in Köln und Brasilien auf und hat ebenfalls einen jüdischen Hintergrund.
Als sie das Drehbuch las, erkannte sie deshalb zahlreiche Parallelen zu ihrem eigenen Leben. Ihre Eltern kamen aus der Guerillabewegung in Brasilien, während Altaras’ Eltern Partisanen gewesen waren. Auch Schrages Vater war katholisch sozialisiert – ähnlich wie Adrianas nichtjüdischer Ehemann Georg im Film.
„Doitscha – Alles geht vorüber“ verbindet somit drei Ebenen miteinander: die biografisch geprägte Romanvorlage von Adriana Altaras, neu geschaffene Geschichten über das jüdische Leben nach dem 7. Oktober und persönliche Erfahrungen der Beteiligten.
Genau deshalb ist der Film keine „wahre Geschichte“ im klassischen Sinn. Seine Figuren und Ereignisse sind fiktionalisiert – die Lebensrealitäten, Konflikte und Familienkonstellationen dahinter sind jedoch alles andere als erfunden.
„Doitscha – Alles geht vorüber“ läuft am 4. November 2026 um 20:15 Uhr im Ersten und ist bereits in der ARD-Mediathek abrufbar.
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