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"The Last of Us 2" im PS4-Test: Spiel mir das Lied vom Tod

Mit "The Last of Us 2" setzt Sony die emotionale Reise von Joel und Ellie durch das postapokalyptische Amerika fort. Ob das Spiel tatsächlich der letzte große Meilenstein für die PS4-Generation geworden ist, verraten wir euch im Test.

The Last of Us 2 Ellie mit Gitarre
Gitarre statt Mundharmonika: Mit großer Spannung wurde "The Last of Us 2" für PS4 erwartet. Waren die hohen Erwartungen tatsächlich berechtigt? Das erfahrt ihr im TVMovie.de-Test! Sony Playstation

getestet von David Rams

Am Ende war die Lüge. Knapp 15 Spielstunden sind wir vor mutierten Klickern weggerannt. Wir mussten töten. Wir wurden verraten. Wir haben auf dem Weg Mitstreiter verloren und uns durch ein postapokalyptisches Amerika durchgeschlagen, in dem Moral, Gesetze und Mitgefühl keinen wirklichen Platz mehr haben. Und trotzdem war die finale Lüge am Ende von "The Last of Us" der ultimative Schlag in die Magengrube, der auch lange nach dem Spielabspann nachgehallt hat. Es ist ein Kompliment an die Kunst des Geschichtenerzählens des Entwicklerstudios Naughty Dog, dass "The Last of Us" seit seinem Release im Jahr 2013 für die PlayStation 3 zu den beliebtesten Spielen des vergangenen Jahrzehnts gehört. Deshalb ist es nur passend, dass das Team um Game Director Neil Druckmann uns am Ende des Lebenszyklus' der PS4 zurück zu unserem liebgewonnen Duo Ellie und Joel nimmt – und uns gekonnt einen weiteren Schlag in die Magengrube verpasst, den wir in dieser Form tatsächlich nicht erwartet hätten.

Dabei haben Ellie und Joel knapp fünf Jahre nach Ereignissen von "The Last of Us" so etwas wie ihren inneren Frieden gefunden in der postapokalyptischen Realität: Beide sind aktive Mitglieder der autarken Community rund um Joels Bruder Tommy in Jackson, Wyoming, die nicht nur Strom aufweist, sondern tatsächlich auch ein Stück Lebensalltag. Zu Beginn des Spiels kämpft Ellie folgerichtig nicht sofort gegen mutierte Menschen, sondern vor allem mit den Auswirkungen einer eskalativen Feier vom vergangenen Abend. Auf dem Weg zur täglichen Patrouille begegnen wir schnieken Gemüsegärten, seifen ein paar freche Kids ordentlich mit Schnee ein und erleben die leicht angespannte Stimmung zwischen Ellie und Dina nach ihrem folgenreichen Kuss, dem fast die versammelte Gemeinschaft beiwohnen konnte. Behutsam führt uns das Spiel in die Steuerung von "The Last of Us 2" ein und setzt gleichzeitig doch jene Hebel in Bewegung, die die emotionale Achterbahnfahrt in den kommenden 25-30 Stunden Spielzeit beherrschen werden. 

The Last of Us 2 Ellie Dina
Die Anspannung zwischen Dina und Ellie ist sicht- und spürbar       Sony Playstation
 

Don’t f*ck with Ellie | Atemlose Kämpfe

Es mag wohl niemanden überraschen, doch "The Last of Us 2" ist keine hübsche Lebenssimulation, in der wir mit Ellie in der Post-Apokalypse einen Gemüsegarten hochziehen müssen und mit ein paar Knopfdrücken unser Liebesleben wieder auf Vordermann bringen. In der düsteren Spielewelt von Naughty Dogs neuestem PS4-Epos lässt der wahre Horror natürlich nicht lange auf sich warten: Auf unserer ersten Patrouille begegnen wir den ersten "Runnern" und "Klickern", die dank der aufgemotzten Soundkulisse bedrohlicher sind als je zuvor. Glücklicherweise ist Ellie mit einem Messer bewaffnet und kann so vor allem die gefährlichen Clicker mit einem geschickten Stealth-Angriff ins endgültige Jenseits schicken. Auch im Zweikampf mit Runnern oder anderen menschlichen Widersachern gibt es eine Neuerung: Mit Druck auf die L1-Taste kann Ellie Angriffen ausweichen. Im Trubel der Kämpfe ist das manchmal leichter gesagt als getan, doch die Nahkämpfe fühlen sich durch die Ausweichmechanik deutlich dynamischer und abwechslungsreicher an als im Vorgänger. Das liegt auch an unserer wendigen Protagonistin, die springen, kriechen und mittlerweile auch schwimmen kann und sich deutlich schneller durch die teilweise sehr weitläufigen Spielgebiete bewegt, als noch Joel im ersten Teil.

Das muss die gute Ellie auch: Denn nicht nur Klicker & Co. finden Ellie zum Anbeißen gut, auch die Mitglieder mehrerer verfeindeter Fraktionen haben es auf sie abgesehen. Besonders die Scars bzw. Seraphites, eine Art fanatischer Kult, die sich untereinander per Pfeifgeräuschen verständigen und im Kampf oft geschickt als Team vorgehen, sind dank ihrer Regencapes schwer zu erkennen, versiert im Umgang mit dem Bogen und tödlich effektiv im Nahkampf. Natürlich ist Ellie alles andere als machtlos: Neben dem obligatorischen Arsenal an Schusswaffen kann Ellie wiederum selbst ihre Pfeile aus dem Hinterhalt nutzen, "Last of Us"-typisch per Flaschen oder Backsteinen für kurze Ablenkung sorgen oder sich mit anderen Hilfsmitteln aus ihrer misslichen Lage befreien. Daneben gibt wieder aus Teil 1 bekannt die gewohnten Waffenupgrades und in diesem Spiel auch einen deutlich umfangreicheren Fertigkeitenbaum in verschiedenen Kategorien. Etwas nervig: Die Spezialfertigkeiten einer Kategorie könnt ihr nur nacheinander freischalten.

The Last of Us 2 Sony Playstation Ellie Dina
Ellie im Kampf gegen ein Mitglied der "Scars" Sony Playstation

Insgesamt fünf Schwierigkeitsstufen lassen sich zu Beginn von "The Last of Us 2" auswählen, doch können jederzeit (auch in einzelnen Unterpunkten) während des Spiels angepasst werden. Auf der mittleren Stufe geht die KI bereits ziemlich clever und oft im Team vor. Streckt ihr einen Gegner bspw. per Bogen in der Nähe eines weiteren Widersachers nieder, kann dieser erkennen aus welcher Richtung der Pfeil kam und verständigt daraufhin seine Mitstreiter. Weil die Areale, in denen Spieler auf Gegner treffen, oftmals viel weitläufiger sind, bleiben euch zwar deutlich mehr taktische Möglichkeiten und Vorgehensweisen, gleichzeitig sind die Gebiete auch herausfordernder und umfangreicher als im ersten Teil. Glücklicherweise leisten euch eure KI-Begleiter (trotz einiger weniger Aussetzer in unserer Testfassung) in einigen Teilen des Spiels wertvolle Unterstützung.

 

Wer braucht schon Open World? | Brillantes Environmental Storytelling

Einer der wohl größten (und nachvollziehbarsten) Kritikpunkte am Vorgänger war die sehr schlauchige und lineare Spielwelt, in der sich Joel und Ellie von einer Schleich- oder Kampfpassage zur Nächsten gehangelt haben. Auch diesem vermeintlichen Schwachpunkt hat sich Naughty Dog in "The Last of Us 2" angenommen: Die Gebiete sind nur deutlich größer und abwechslungsreicher, sondern bietet auch viel mehr Anreize, um sie zu erkunden. Bestes Beispiel ist eines der ersten großen, frei bereitbaren Gebiete in Seattle: Mehrmals in Folge findet Ellie Hinweise und Fundstücke, die sie wiederum zum nächsten Ort auf ihrer Karte führen, in dem wertvolle Ressourcen darauf warten gefunden zu werden. Mag die Geschichte um Ellie, Joel & Co. sowieso schon mitreißend erzählt sein, ist es doch gerade das Storytelling der Spielwelt, dass "The Last of Us 2" so gut gelingt, wie kaum einem anderen Spiel zuvor.

The Last of Us 2: Ellie reitet mit dem Pferd durch Seattle
Die Erkundung der Spielewelt bietet viele Anreize        Sony Playstation

Inmitten dieser apokalyptischen und lebensfeindlichen Welt nimmt sich das Spiel immer wieder die Zeit, um uns schwermütig bspw. in einen zerstörten Plattenladen zu führen, in dem Ellie durch das Regal stöbert und plötzlich in Erinnerungen schwelgt. Diese Spielewelt hat ihren eigenen Charakter: Sie ist nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern erzählt immer wieder ihre eigene melancholische Geschichte von einer Zeit, die völlig aus den Fugen geraten ist. Die schönsten und wahrscheinlich brutalsten Momente von "The Last of Us 2" hatte ich, als sich das Spiel eben genau diese Zeit nimmt, um uns vor Augen zu führen, was hätte sein können und was einstmals war, nur um uns kurz darauf wieder in die bittere Realität zurückzuwerfen.

 

Herzzerreißende Story | Das schönste Spiel auf der PS4?

Zur Story wollen und dürfen wir an dieser Stelle tatsächlich nicht viel sagen: In keinem anderen Spiel dieser Generation hatte ich derart oft Gänsehaut, Tränen in den Augen oder musste den Controller für einige Minuten zur Seite legen, weil mich die Ereignisse einfach völlig überwältigt haben. Naughty Dog liefert mit "The Last of Us 2" das mit Abstand beste narrative Spiel dieser Konsolengeneration ab. Den absurden Gerüchten rund um die Leaks und eine vermeintliche Agenda im Studio schmettert das Team rund um Neil Druckmann eine mitreißende, herzzerreißende und unfassbar trostlose Geschichte rund um Vergeltung, Erlösung, Schmerz und Hoffnung entgegen mit den wohl glaubwürdigsten Figuren, denen wir in einem Videospiel bisher beiwohnen durften. "The Last of Us 2" ist im besten Sinne wie ein mitreißender Spielfilm, nur gleichzeitig auch ein brillantes Spiel.

All das wird von einer Präsentation unterstützt, die uns teilweise den Atem raubt: Was Naughty Dog am Ende der letzten Konsolengeneration noch einmal aus der PS4 und PS4 Pro rausholt, ist teilweise schwer zu begreifen. Neben den fast schon lebensechten Figuren bestechen die herausragenden Texturen und die sehr lebendige Spielwelt. Das tolle Sound-Design haben wir bereits angesprochen – und auch Komponist Gustavo Santaolalla liefert wiederum einen atmosphärischen Soundtrack der Extraklasse ab, der das Geschehen zu jeder Zeit perfekt untermalt. Vielleicht hätte die Geschichte in der zweiten Spielhälfte sogar noch etwas gestutzt werden können, allerdings ist das Meckern auf dem wirklich allerhöchsten Niveau.

 

Fazit

The Last of Us 2 | Sony | Naughty Dog
Auf Rachemission in "The Last of Us 2"      Sony Playstation

Zum Ende der Konsolengeneration liefert Naughty Dog mit "The Last of Us 2" das Spiel ab, an dem sich alle zukünftigen Konsolenspiele wohl messen lassen müssen: Fast jeder Aspekt des Originals, wie die schlauchige Spielewelt oder die etwas eintönigen Schleich- und Kampfpassagen, wurde deutlich verbessert. Daneben ist "The Last of Us 2" wohl eines der besten narrativen Spiele ist, die jemals entwickelt wurden. Das Team um Game Director Neil Druckmann schafft es eine mitreißende Geschichte zu erzählen, die nicht nur mit herausragend inszeniert ist, sondern uns den Schmerz und die Hoffnungslosigkeit jeder einzelnen Spielfigur spüren lässt. Themenkomplexe wie Ethik, Moral, Religion, Gender-Identität und Sexualität werden mit einer Ernsthaftigkeit und Sorgfalt aufgegriffen, wie wir uns das von vielen (zukünftigen) Spielen wünschen würden.

Auch deshalb ist "The Last of Us 2" tatsächlich der vermutlich letzte große Höhepunkt dieser Konsolengeneration und das (bisher) beste Spiel für die PlayStation 4

"The Last of Us 2" erscheint am 19. Juni 2020 exklusiv für die PS4 und PS4 Pro. Einen Einblick ins das Spiel bekommt ihr im nachfolgenden Video:

 

 

 



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