„Spotlight“ – aber mit Wotan

„Tatort“ heute: Blasphemie, wer das gut findet – Kritik zu „Schweigen“ mit Wotan Wilke Möhring

Die zweite Runde der „Tatort“-Sommerpause präsentiert Wotan Wilke Möhring in pathetischem Quatsch. Warum „Schweigen“ eine Vollkatastrophe ist …

Wotan Wilke Möhring steht für den „Tatort: Schweigen“ neben Hannes Hellmann, der Sportkleidung trägt.
Glauben ist alles … zumindest für Falke (Wotan Wilke Möhring), der hofft bald das Kloster verlassen zu dürfen. Foto: ORF/ARD/NDR/Kai Schulz

Es gibt gewisse Dinge, die der „Tatort“ nicht anfassen sollte. Nicht etwa, weil es zu kontroverse Themen für diese Reihe geben würde, sondern vielmehr, weil es der Reihe an der notwendigen Finesse mangelt, sensible Themen aufzuarbeiten. So zum Beispiel die heutige „Tatort“-Wiederholung „Schweigen“, die den Missbrauch von Minderjährigen in der katholischen Kirche behandelt – und kläglich daran scheitert, diesem Themenkomplex gerecht zu werden.

„Schweigen“: Handlung des „Tatort“ mit Ermittler Falke

Nach einem traumatischen Erlebnis hat sich Ermittler Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) in ein Kloster zurückgezogen. Doch sein emotionaler Heilungsprozess wird vom Todesfall des Pfarrers Otto (Hannes Hellmann) unterbrochen, der bei einem Wohnwagenbrand ums Leben kommt.

Erste Ermittlungen zeigen, dass der allseits beliebte Diener Gottes gar nicht das weiße Schaf ist, für das ihn alle gehalten haben, denn Falke findet Kinderpornografie, die unweigerlich dem Pfarrer gehörte. Schnell wird klar, dass nicht nur Otto in diese Schandtat involviert ist, sondern auch etliche andere Anhänger der katholischen Kirche, die alles tun, um ihren reinen Ruf zu bewahren.

Warum man „Schweigen“ sollte, wenn man nichts zu sagen hat

Ich weiß zum ersten Mal nicht recht, wo ich anfangen soll, denn an „Schweigen“ ist vieles falsch. Am einfachsten wäre es wohl zu sagen, dass man mit diesem Thema viel zu spät dran ist. „Schweigen“ erschien 2024, die ersten Nachrichten rund um Missbrauchsvorwürfe in der katholischen Kirche bereits in den 80ern.

Per se ist es nicht schlimm, sich einer älteren Thematik für einen Kriminalfall anzunehmen – immerhin ist das Thema weiterhin in der katholischen Kirche präsent –, aber man sollte wenigstens etwas Neues beizutragen haben. Doch in einem typischen Fall des öffentlich-rechtlichen Unmuts macht man das Fass rund um Kindesmissbrauch nur auf, damit man ebenfalls etwas dazu beigetragen hat. Lösungsansätze, Aufklärung oder gar fundierte Kritik fehlen hingegen vollkommen, denn wie so häufig stellt man sich zwischen alle Stühle, um niemandem auf die Füße zu treten …

Der schwarz-weiß kondensierte Kosmos des „Tatort“

„Das ist totaler Quatsch, den du redest.“ Dieser Satz, der in „Schweigen“ fällt, lässt sich auch vollends auf den Umgang mit der Kindesmissbrauch-Thematik beziehen. Wenn man schon nichts Neues beizutragen hat, könnte man wenigstens meinen, dass das, was man präsentiert, fundiert aufgearbeitet ist – aber, oh Überraschung, das ist es natürlich nicht.

Was mich unfassbar an „sozialkritischen“ „Tatort“-Episoden nervt, ist, dass die Fälle immer so tun, als würde das Thema, das man anspricht, nur im kondensierten Kosmos des Falls existieren. Nie sagt jemand mal, dass diese Geschichte, die man hier als schockierend verkaufen möchte, auf weltweiten Tatsachen basiert und nicht nur diese eine Gemeinde betrifft.

Das Problem hierbei ist, dass man wie immer ein schwarz-weißes Bild in der ARD zeichnen möchte. Die katholische Kirche ist zwar schlecht, aber wenn man nur auf diesem Standpunkt verharren würde, könnte man ja das doch eher ältere ARD-Publikum verärgern, weshalb man auch der anderen Position gerecht werden muss. Das funktioniert vielleicht bei manchen Fällen, die andere Themen verhandeln, aber nicht beim Thema Kindesmissbrauch in einer religiösen Institution. Wenn es so schwer ist, Stellung zu beziehen, dann lasst die Ermittler am Ende eurer Fälle wenigstens sagen, was die Moral der Geschichte ist – bevor Leute noch anfangen, Dinge zu verallgemeinern.

Selbst verliehene Gravitas: Zwischen Schädelschmerzen und Pathos

Darüber hinaus setzt man in „Schweigen“ auf eine ganz einfache Rechnung und hofft, dass niemandem auffällt, dass man weder dem Thema noch dem Hauptdarsteller irgendeine Gravitas verliehen hat, nur weil Wotan Wilke Möhring neben religiösen Statuen platziert wird.

Viele Personen lassen sich gerne davon blenden und glauben, dass etwas automatisch narratives Gewicht mitbringt, nur weil es schockierend und/oder düster ist. Doch nur weil etwas Gefühle hervorruft, heißt das noch lange nicht, dass es auch sehenswert ist.

Dem setzt Wotan Wilke Möhring die Krone auf, der in „Schweigen“ komplett am Thema vorbeispielt. In einer Szene behauptet er, „so einen Helm“ zu haben, weil er in der Nacht zuvor getrunken habe. Das Problem ist nur, dass er vergisst, besagten „Helm“ auch wirklich zu spielen. Die Krone der Schöpfung ist aber eine Szene, in der sein Charakter voller schlecht gespieltem Pathos Religionskritik üben soll, sich aber nicht traut, diese wirklich auszusprechen. Da war wohl nicht nur der Schauspieler, sondern auch das Drehbuch limitiert.

Kann der Hamburger „Tatort“ bitte für immer „Schweigen“?

Es ist bemerkenswert, wie sehr man versucht, Ermittler Falke irgendeine Relevanz zu verleihen – von Doppelfolgen bis hin zu „Religionskritik“ –, aber stets daran scheitert. Der Hamburger „Tatort“ hat selten etwas wahrhaft Ehrliches zu erzählen und das ist in „Schweigen“ nicht anders.

Wer sich heute Abend wirklich langweilt, kann den Fernseher gerne einschalten – aber auch nur, um am Montag zu wissen, über welchen Quatsch die Arbeitskollegen am Wasserspender sprechen.

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