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Sprühsahne auf dem Glied: Interview mit Skyler Gisondo und Meredith Wever zu „Primetime“

Skyler Gisondo und Meredith Wever spielen in „Primetime“, einem der besten Filme des Jahres, mit. Doch wie stehen die Schauspieler zu „To Catch a Predator“? Und können sie noch Sprühsahne genießen?

Skyler Gisondo schaut zweifelhaft einen Fernseher an.
Skyler Gisondo spielt in „Primetime“ Decoy Dan. Foto: IMAGO / Landmark Media

Das Letzte, was man bei Interviews zu „Primetime“ denken würde, ist, dass die Beteiligten trotz der Thematik des Films derartig spaßen können. Aber wer Skyler Gisondo bereits als Jimmy Olsen aus James Gunns „Superman“ kennt, weiß, dass der 30-Jährige ein ziemlicher Sympathieträger ist. Dasselbe gilt aber auch für Meredith Wever, die ebenso wie Gisondo in „Primetime“ an der Seite von Robert Pattinson spielt.

Doch wie ist es eigentlich, sich beruflich mit Pädophilie auseinandersetzen zu müssen? Wann haben die beiden sich das erste Mal anerkannt gefühlt? Und wieso geht Skyler Gisondo eigentlich Sprühsahne aus dem Weg? All das und viel mehr im TVMovie-Interview zu „Primetime“.

Der Notgroschen für Schauspieler und Schauspielerinnen

Meredith Wever schaut verschmitzt um die Ecke.
Meredith Wever gibt als Produzentin Andie in „Primetime“. Foto: IMAGO / Landmark Media

Jonas Kretzer, Redakteur TVMovie: Eure Charaktere Dan und Andie sehnen sich danach, Anerkennung und Wertschätzung für das zu bekommen, was sie leisten. Wann hattet ihr als Schauspieler und Schauspielerin das erste Mal das Gefühl, für eure Arbeit Anerkennung zu bekommen?

Meredith Wever: Vor weniger als drei Minuten habe ich mich von Skyler sehr wertgeschätzt gefühlt. Er sagte etwas sehr Rührendes über einen Moment, den wir gemeinsam während einer Szene hatten. Und gerade diese Situationen sind die, die ich am einflussreichsten und bedeutsamsten finde – insbesondere, wenn sie von einem anderen Schauspieler oder einer anderen Schauspielerin kommen. Bonuspunkte, wenn man die Arbeit dieser Schauspieler und Schauspielerinnen ebenfalls sehr bewundert und respektiert.

Skyler Gisondo: Insbesondere, wenn die Person eine Emmy-Gewinnerin ist (lacht). Aber es geht nicht nur um die Preise und die Lorbeeren, denn Meredith ist da an was dran. Wir hatten diesen Moment bei den Filmfestspielen in Venedig, wo wir realisiert haben, dass man, wenn man schauspielt, nicht unbedingt miteinander über das spricht, was man tut – man macht es einfach. Man denkt über eine Million Sachen nach, von denen man denkt, dass sie niemals jemand wahrnehmen würde. Aber wenn ein Kollege oder eine Kollegin dir im Nachhinein Lob für eine kleine Nuance oder Sache gibt, dann ist das sehr schmeichelhaft. Und in diesen Momenten, wo ich denke, dass ich nicht gut bin, denke ich daran zurück, was Meredith gesagt hat.

Meredith Wever: Solche Komplimente sind eine Art Notgroschen oder Resttank, wenn man nicht die beste Leistung bringt oder mit Leuten arbeiten muss, die nicht unbedingt nett zu einem sind.

Kretzer: Aber wenn ich fragen darf: Welcher Moment aus „Primetime“ war es, der Skyler so beeindruckt hat?

Meredith Wever: Er hat mich auf den Moment hingewiesen, wo wir alle zusammen in einer Polizeistation stehen. Meredith entscheidet sich in dem Moment, die Kontrolle zu übernehmen und Chris zu retten – oder eher das Geschehen zu manipulieren. Und ich glaube, dass Skyler sagte, dass viele Schauspieler und Schauspielerinnen diese Sache auf eine bestimmte Art und Weise spielen würden, ich aber etwas vollkommen anderes daraus gemacht habe.

Skyler Gisondo: Es kam ziemlich unerwartet. Wenn man eine Szene betrachtet, dann kann man sich nur so viele Arten und Weisen vorstellen, wie diese Szene ausgehen kann – also hat man die Form in etwa schon vor Augen. Aber die besagte Szene fand an unserem ersten Drehtag statt und Meredith und ich kannten uns noch nicht. Und plötzlich präsentiert sie etwas derartig Unerwartetes. Es war die beeindruckendste Version der Szene, die man sich hätte vorstellen können, und keine andere Schauspielerin hätte das tun können, was sie in dem Moment tut. Dem Moment wohnt nur eine stille Kraft inne – es war großartig. Und über solche Dinge redet man leider nicht, wenn man arbeitet.

Meredith Wever: Ja, man macht seinen eigenen Job. Man beendet den Tunnelblick meistens erst dann, wenn man mit etwas fertig ist.

Kommt ein Remake von „West Side Story“ mit Skyler Gisondo?

Kretzer: Wo wir gerade dabei sind, Dinge auf die eine oder andere Art und Weise zu tun: Das Musical „Rent“ spielt eine kleine, aber feine Rolle in „Primetime“. Habt ihr ein liebstes Musical und würdet ihr gerne mal in einem mitspielen?

Skyler Gisondo: Gute Frage.

Meredith Wever: Ich möchte in keinem Musical mitspielen, aber als Kind habe ich viel Zeit mit der „Rocky Horror Picture Show“ verbracht. Hast du schon mal ein Musical gemacht?

Skyler Gisondo: Nein, aber als Kind habe ich „West Side Story“ geliebt. Damit hatte ich eine regelrechte Obsession und habe den Film immer und immer wieder gesehen. Und in den letzten paar Jahren habe ich mich auch in „Singing in the Rain“ und „La La Land“ verliebt – letzteren Film habe ich mittlerweile wahrscheinlich 15-mal gesehen. Was das Mitspielen in einem Musical angeht, bin ich mir eher unsicher. Das ist eine große Aufgabe, aber ich würde niemals nie sagen.

Meredith Wever: Ja, ich hätte auch „ich würde niemals nie sagen“ sagen sollen. Ich bin da offen und theoretisch verfügbar.

Kretzer: Skyler, wenn ich das sagen darf, aber als du „West Side Story“ erwähnt hast, habe ich dich sofort zwischen all den Jungs in „Gee, Officer Krupke“ vorgestellt – das würde perfekt passen.

Skyler Gisondo: Danke, man. Das ist sehr nett. Lass es uns durchziehen.

S ist für Sprühsahne

Kretzer: Ja, lass es uns durchziehen. Hast du Steven Spielbergs Handynummer? Um etwas leichtfüßig zu bleiben: Könnt ihr nach „Primetime“ immer noch Sprühsahne genießen?

Skyler Gisondo: Auch das ist eine gute Frage. Ich war niemals ein Sprühsahne-Genießer. Demnach wurde mir nicht unbedingt etwas genommen. Wenn ich aber einer gewesen wäre, dann würde ich wohl wahrscheinlich keine Sprühsahne mehr essen. Irgendwie kam es mir nie ganz logisch vor, etwas mit Sahne einzusprühen.

Meredith Wever: Meine Fähigkeit, Sprühsahne zu genießen, wurde mir nicht genommen – dafür braucht es deutlich mehr.

Kretzer: Hattet ihr bereits vor „Primetime“ Berührungspunkte mit „To Catch a Predator“?

Meredith Wever: Ich bin alt genug, um es erlebt zu haben, als es im TV lief. Mich beschleicht das Gefühl, dass es an dieser Stelle eine Art Generationslücke geben könnte. Personen, die etwas jünger sind als ich, entdecken die Show und was sie war aufgrund von „Primetime“ zum ersten Mal. Die jüngeren Generationen wachsen nun mit kontinuierlichem Internetzugang, Handys in ihren Taschen und Kameras überall auf. Das könnte dafür sorgen, dass die Existenz einer solchen Sendung vielleicht nicht allzu schockierend wirkt.

Skyler Gisondo: Als ich groß wurde, war die Sendung Teil des Zeitgeists. Einige der ersten Memes sind aufgrund von „To Catch a Predator“ entstanden und damit war die Sendung immer irgendwie präsent – auch wenn ich etwas zu jung war, um die Sendung zu schauen, als sie lief. Aber ich habe sie immer wahrgenommen und all die daraus entspringenden viralen Clips auch. Lance Oppenheimer, unser Regisseur, hat mal gesagt, dass Chris Hansen für ihn eine Art mythologische Figur war, als er groß wurde.

Ist „To Catch a Predator“ noch zeitgemäß?

Kretzer: Aber glaubt ihr, dass es in diesen modernen Zeiten überhaupt noch einen Platz für eine Sendung wie „To Catch a Predator“ geben könnte oder haben sich das Fernsehen und die sozialen Medien genügend weiterentwickelt, dass man solche Konzepte kategorisch ablehnt?

Meredith Wever: Ich glaube, dass das stark vom Sender abhängig ist. Es gibt sicher Sender, bei denen ein solches Konzept seine Rückkehr „feiern“ könnte. Das hängt immer davon ab, welches Publikum man versucht zu bannen und was für einen Appetit dieses Publikum mitbringt. Ich belasse es mal bei Ja.

Skyler Gisondo: „To Catch a Predator“ ist eine Art Zeitkapsel. Die Idee, Entertainment mit Berichterstattung und dem Polizeiapparat zu kombinieren, ist heutzutage nicht mehr so bahnbrechend wie damals. Um vollends ehrlich zu sein: Ich bin mir etwas unsicher, ob eine solche Sendung heute noch passieren könnte.

Meredith Wever: Shows solcher Art existieren schon noch, aber sie finden mittlerweile eher im Internet statt. Und sie können entweder informell oder etwas plump sein. Dass solche Shows nicht mehr existieren, würde ich demnach nicht sagen.

Hagelt es bald Oscars für Wever und Gisondo?

Kretzer: Das hat seine Richtigkeit. Da ihr beide meiner Meinung nach phänomenal in „Primetime“ seid, stellt sich folgende Frage: Habt ihr bereits eure Dankesreden für die Oscars vorbereitet?

Skyler Gisondo: Haha, das ist sehr nett. Aber … nein.

Meredith Wever: Ja, das ist wirklich sehr nett, aber erst mal versuchen wir, das heutige Junket zu überleben.

Skyler Gisondo: Aber was man Meredith lassen muss, ist, dass sie die beste Emmy-Dankesrede aller Zeiten hatte. Die würde ich mir vielleicht ausleihen.

Meredith Wever: Fühl dich frei. So oder so, vielen Dank für das Kompliment.

Kretzer: Eine letzte Frage stellt sich aber noch: Du hast gerade gesagt, dass du das heutige Junket überleben willst. Ich habe in der Vergangenheit bereits viele Interviews geführt und frage mich immer, wie das wohl für die Personen auf der anderen Seite sein muss. Was für ein Gefühl ist das, dort zu sitzen und Fragen zu beantworten?

Meredith Wever: Ich finde es schwierig, authentisch zu bleiben, wenn man dieselbe Antwort alle fünf Minuten wieder und wieder gibt – selbst wenn es eine ehrliche Antwort ist. Man kommt sich dann manchmal wie ein Lügner oder eine Lügnerin vor, wenn man die Wahrheit erzählt.

Skyler Gisondo: Genau das ist es. Es ist der Traum, einen Film zu machen, den Leute sehen und im Nachhinein darüber sprechen, und es ist schön, mit ihnen dann auch in den Dialog gehen zu können. Es ist zwar einfacher, eine Person an seiner Seite zu haben – aber auch das kann gelegentlich peinlich werden, denn die Person neben dir muss sich anhören, wie du dich wiederholst. Deswegen ändert man einige Details und früher oder später fühlt es sich so an, als hätte man sich etwas ausgedacht.

Meredith Wever: Aber wie Skyler schon sagte: Es ist hilfreich, jemanden an seiner Seite zu haben.

Jonas Kretzer: Vielen Dank. Das war sehr lehrreich.

Skyler Gisondo: Aber bei dir haben wir uns nichts ausgedacht.

Meredith Wever: Dir haben wir die Wahrheit erzählt.

Skyler Gisondo: Danke für deine großartigen Fragen.

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