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"Highwaymen“: Ist die Legende von Bonnie & Clyde eine Lüge? Kevin Costner im Interview

Für Netflix' neuste Eigenproduktion schlüpfte Kevin Costner in die Rolle des Ordnungshüters, der Bonnie & Clyde dingfest machte. Im Interview versuchte er, die Sicht auf das Verbrecherduo ins richtige Licht zu rücken.

„The Highwaymen“ mit Kevin Costner u Woody Harrelson auf Netflix: Bonnie & Clyde waren nicht die, für die wir sie halten
"Highwaymen“: Laut Kevin Costner waren Bonnie & Clyde nicht die, für die wir sie halten. Foto: Merrick Morton/Netflix

The Highwaymen“ erzählt von einer Liebesgeschichte, die jedermann bekannt sein dürfte: Die des Gangster-Liebespaares Bonnie Parker und Clyde Borrow. Gemeinsam brach das junge Paar das Gesetz und versetzte Amerikas Strafverfolger in Angst und Schrecken. Die Allgemeinheit hingegen liebte die Idee einer unerschütterlichen Liebe, die allen Widrigkeiten trotzt und feierte Bonnie und Clyde wie Superstars. Kein Wunder also, dass es die Polizei in den Dreißigern so schwer hatte, dem blutigen Streifzug der beiden ein Ende zu setzen.

 

„The Highwaymen“: Schon wieder ein Film über Bonnie & Clyde?

„The Highwaymen“ erzählt die vielfach filmisch aufgearbeitete Geschichte aus einer neuen Perspektive. Im Zentrum stehen nicht Bonnie und Clyde, ihre Lebensumstände und ihre Motivation für die blutigen Taten, sondern die Gesetzeshüter, die sie letztendlich zur Strecke brachten: Frank Hamer (Kevin Costner) und Maney Gault (Woody Harrilson).

Unter der Regie von Jon Lee Hancock gelingt Netflix damit eine echte Neuauflage einer uralten Geschichte – und die Entzauberung eines Mythos. Denn Bonnie Parker und Clyde Barrow waren nicht nur jung, schön und verliebt, sie waren auch knallharte Verbrecher, die 14 Menschen ermordeten.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Ein von @trose____ geteilter Beitrag am

TV Movie Online-Redakteurin Anna Peters traf „Frank Hamer“-Darsteller Kevin Costner in Madrid zum Interview und sprach mit ihm darüber, ob die Ereignisse rund um das Verbrecher-Paar lange Zeit verzerrt wurden.

TV Movie Online: Herr Costner, glauben Sie, vor diesem Film wurden die historischen Ereignisse falsch dargestellt? Spätestens wenn man „The Highwaymen“ schaut, macht sich das Gefühl breit, alle Vorgänger-Filme haben dazu beigetragen, einen Mythos zu erschaffen und die Geschichte übermäßig zu romantisieren?

Kevin Costner: „Als ich den 1967er ‚Bonnie und Clyde‘-Film [mit Warren Beatty und Faye Dunaway] sah, war ich 13 Jahre alt und ich habe ihn geliebt. […] Mein Familie stammt auch aus Oklahoma – sie lebten in diesen Flüchtlingscamps. Sie haben alles verloren. Sie deponierten ihr Geld in der Bank und plötzlich war alles weg. Es hat ihr Leben verändert und sie haben sich nie wieder davon erholt. […]

Natürlich muss es für Bonnie und Clyde hart gewesen sein - auch so lange in ihrem Auto zu leben. Es war heiß und unhygienisch. Frank Hamer hat sie über einen Zeitraum von 104 Tagen verfolgt. Aber das hatte nichts Glamouröses. Wir müssen die andere Seite betrachten. Stell dir vor, dein Vater ist Polizist, geht an die Arbeit und kehrt nie wieder zurück. Alle Welt liebt Bonnie und Clyde, aber viele Menschen haben einen Elternteil an sie verloren. Diese Gewalt – das sind Abgründe, die gerne ignoriert werden. Diese Geschichte wird definitiv oft romantisiert. Außerdem wurden in diesem Film von 1967 nicht nur viele Menschen ermordet, sondern auch der Ruf von Frank Hamer.“

In wiefern?

„Das kann ich dir sagen. Der Typ war eine lebende Legende und wurde in seinen Kreisen über allen Maßen respektiert. Aber in ‚Bonnie und Clyde‘ haben sie drei historische Personen zusammengeworfen und ihn neu erfunden. Frank Hamer war niemals auf diesem Rücksitz. Seine Frau – sie war übrigens in zwei Schießereien mit ihm und hat selbst ein paar Leute getötet – hat den Film 1967 gesehen und gesagt, ‚schämt euch, ihr habt keine Ahnung, was für ein Held mein Mann wirklich war.‘ Sie hat Waner Brothers daraufhin verklagt. Es war Rufmord. Deshalb hat sich die Produktionsfirma auf einen Vergleich eingelassen. Seine Familie musste 60 Jahre warten, um in einem Film eine andere Version ihres Vaters und Großvaters gezeigt zu bekommen.“

Und wie erklären Sie sich die Idealisierung von Bonnie und Clyde?

„Sie wurden eben zu Berühmtheiten und als Celebrity kommt man mit vielem durch. Außerdem fühlten sich die Menschen damals von den Banken und der Regierung betrogen. Deshalb erschien jeder, der diesem System offene Verachtung entgegenbrachte, wie ein Held. Auch die Presse hat die Ereignisse falsch dargestellt. So hat es die Sensationsgier besser befriedigt – den Leuten war langweilig.“

Und wie denken Sie über Frank Hamer? War er ein Held?

„Die meisten Helden sind stille Typen. Deswegen bemerkt man sie manchmal nicht. Wir halte uns alle für ach so mutig, aber nur eine Handvoll Menschen kann das wirklich von sich behaupten. Frank Hamer hat übrigens viel mehr Menschen getötet als Bonnie und Clyde. Er war ein Menschenjäger. Er war dafür geschaffen, aber er hat es nicht genossen."

Wie steht es mit Bonnie Parker? War sie Ihrer Meinung nach einfach nur ein naives Mädchen, das sich in eine Situation manövrierte, aus der sich irgendwann nicht mehr herauskam, oder war sie wirklich die Femme fatale, als die sie oft dargestellt wird?

„Bonnie Parker war keineswegs naiv. Sie war verheiratet und ist mit Clyde abgehauen. Aber sie ist in sehr schwierigen Verhältnissen aufgewachsen. Aber das Gleiche gilt für meine Vorfahren, aber die haben niemanden ermordet. Mein Großvater hat das Trinken angefangen – es macht etwas mit einem. Aber bei ihr war das etwas anderes. Sie war eine eiskalte Killerin. Bonnie und Clyde waren wie füreinander geschaffen.

Und noch etwas zu Clyde Barrow! Man geht ja davon aus, dass er im Gefängnis missbraucht wurde. Er hat seinen Zellengenossen [daraufhin] getötet. Außerdem wollte er sich der Gefängnisarbeit entziehen und schnitt sich drei Zehen ab. Drei Tage später wurde er entlassen – schlechtes Timing.“

Rückt „The Highwaymen“ die Geschehnisse und die historischen Figuren ins richtige Licht?

„Dieser Film wurde nicht gemacht, um die Dinge zu begradigen. Es war einfach die Art und Weise, wie die Filmemacher es aufziehen wollten und ich habe an das Drehbuch geglaubt. Jeder weiß doch: Jede Geschichte hat mehrere Versionen. Natürlich haben Gejagte auch einen Jäger. Reicht der für eine Story? Die Macher von ‚The Highwaymen‘ haben daran geglaubt und ich glaube, es ist ihnen gelungen, diesen Aspekt interessant darzustellen. Von den Bösen zu erzählen, ist immer schillernder – gute Menschen interessieren die Leute nicht so sehr. Helden sind oft still. Frank Hamer wollte im Nachhinein nicht einmal darüber sprechen. Ihm wurden 1000 Dollar für ein Interview angeboten, das er ablehnte.“

Wie stellten Sie sicher, dass den Zuschauern mit einer ruhige Figur wie Frank Hamer nicht langweilig wird?

„Das hat nicht viel mit mir zu tun. Der Drehbuchautor hat einfach gute Arbeit geleistet. Außerdem finde ich, Langeweile entsteht eher, wenn jemand die ganze Zeit redet. Woody [Harrelsons] Figur beispielsweise. Man denkt sich, ‚What the fuck‘ – ständig singt er, dann will er die Knarre, die Hamer hat. Wir alle kennen so jemanden. Aber diese Figuren zu kombinieren, das macht es interessant...“

Vielen Dank für das nette Gespräch!

 

Ab dem 29. März ist das Crime-Drama auf Netflix verfügbar!

* Anna Peters 

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