Kino

"Eleanor & Colette" - Interview mit Helena Bonham Carter: "Eleanor war eine Heldin!"

In ihrem neusten Film "Eleanor & Colette" schlüpfte Helena Bonham Carter in die Rolle der psychisch kranken Eleanor und fand in ihr Inspiration und eine Seelenschwester, die sie nun für immer begleiten wird.

The Crown Helena Bonham Carter
Die Rolle der Eleanor in „Eleanor & Colette" lag Helena Bonham Carter sehr am Herzen. Getty Images

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Hollywood die wahre Geschichte von Eleanor Riese verfilmt, denn eine bessere Story könnte kein Drehbuchautor schreiben.

Eleanor (Helena Bonham Carter) ist eine Patientin in einer psychiatrischen Klinik, in die sie sich selbst eingewiesen hat. Die falsche Medikation löst bei ihr Nebenwirkungen aus, die ihren Gesundheitszustand immer weiter verschlechtern. Sie engagiert die ambitionierte Rechtsanwältin Colette Hughes (Hilary Swank), um die Klinik zu verklagen. Obwohl die zwei Frauen unterschiedlicher nicht sein könnten, entwickelt sich eine tiefe Freundschaft zwischen ihnen, die auch erste Rückschläge nicht zerstören kann.

TV Movie.de-Redakteurin Selina Jüngling traf "Eleanor"-Darstellerin Helena Bonham Carter am Rande der Europa-Premiere in Essen und sprach mit ihr über die Dreharbeiten, Filmpartnerin Hilary Swank und den Einfluss, den Eleanor auf sie selbst hatte.

TVMovie.de: Wo haben Sie "Eleanor & Colette" das letzte Mal gesehen?

Helena Bonham Carter: "Ich habe ihn in Toronto gesehen und das Publikum war hervorragend. Außerdem saßen die echte Colette und der echte Mort neben mir und das war sehr beängstigend - und gleichzeitig auch sehr bewegend. Als das Publikum herausgefunden hat, dass die beiden unter ihnen sitzen, sind alle aufgestanden. Die zwei haben den Film wirklich geliebt."

Wie haben Sie zum ersten Mal von dem Projekt erfahren?

"Seltsamerweise wurde ich anfangs gefragt, ob ich Colette spielen will. Das ist jetzt glaube ich 15 Jahre her. Susan Sarandon war damals als Eleanor angedacht. Sie wäre wirklich gut gewesen. Wie das bei vielen Filmen so ist, hat sich über die Jahre noch viel verändert. Dann hieß es, dass wir in Deutschland drehen würden und Bille [August, Regisseur; Anm.d.Red.] wurde engagiert. Ich wurde gefragt, ob ich nicht Eleanor spielen möchte und habe zugesagt. Davon hab ich wirklich profitiert."

Inwiefern haben Sie davon profitiert?

"Es hat mich mehr gereizt, sie zu spielen. Ich habe gespürt, dass wir eine ähnliche Wesensart haben. Ich fand sie extrem humorvoll und witzig, abgesehen davon, dass sie unglaublich mutig war. Es gab so viele Dinge und Charakterzüge von ihr, die wir unbedingt richtig darstellen wollten. Ich wusste, dass es sehr befreiend sein würde, sie zu spielen. Sie ist sehr unbefangen und hemmungslos. Ich persönlich mag es, Figuren darzustellen, deren inneres Kind sehr ausgeprägt ist. Und sie hatte ein großes Kind in sich. Ich dachte einfach, es wäre wunderbar, sie in meinem Leben zu haben. Und wie sie in mein Leben gekommen ist (lacht)!"

Haben Sie selbst schon einmal durch Bekannte oder ähnliches Erfahrungen mit psychischen Krankheiten gemacht?

"Über Depression und diese Krankheiten weiß ich viel. Ich hatte einige Begegnungen damit. Ich glaube, es ist auch etwas, was oft missverstanden wird. Diese Themen sind oft viel zu komplex, um darüber zu urteilen. Aber wie es Colette sagte, Eleanor war nicht paranoid oder schizophren. Sie wurde fehldiagnostiert und dazu kamen dann noch die ganzen Medikamente, die die ganzen Symptome ausgelöst haben. Sie hatte so etwas wie eine Panikattacke, diese Art von Angst hatte sie in sich, die ich glücklicherweise noch nie erlebt habe. Ich habe aber schon Menschen mit dieser Angst getroffen. Das Gehirn ist eine sehr empfindliche Sache."

Haben Sie mit der echten Colette gesprochen? Wie hat Sie Eleanor beschrieben?

"Colette hat mir sehr geholfen. Ich habe mit ihr geredet. Ich denke, wenn du eine echte Person spielst, bist du dafür verantwortlich, sie so genau wie möglich darzustellen. (Helena Bonham Carter zeigt einen Ordner, in der alle ihre Unterlagen zu Eleanor abgeheftet sind) Das ist ihre Handschrift. Man bekommt davon einen guten Einblick in ihren Charakter. Sie war sehr gebildet, wie man an der Handschrift sieht.

Außerdem habe ich mit Mort und Colette viele E-Mails geschrieben. Ich habe sie gefragt, wie sich ihre Krankheit gezeigt hat. Wie stellt man jemanden dar, der ein kleines bisschen anders ist, ohne ihn herablassend zu behandeln oder zu übertreiben? Colette meinte, es äußerte sich nicht nur in ihrem Gang sondern auch in ihren Stimmungsschwankungen. Sie war emotional irgendwie weniger erwachsen.

Helena Bonham Carter spielt oft außergewöhnliche, verrückte Rollen, wie hier die Bellatrix Lestrange in den „Harry Potter"-Filmen.

Dann kamen die Medikamente dazu, durch die sie anfing undeutlich zu sprechen, sodass man denkt 'Oh Gott, diese Person ist sehr krank'. Aber eigentlich war sie das nicht, es war die Medikation. Das war das Wichtigste an Eleanor. Sie hat geschrien, um gehört zu werden und um gesehen zu werden durch all diese Nebenwirkungen. Es war wie eine Tarn-Jacke oder Camouflage. Ihr musste zugehört werden, wie einem Menschen.

Ich habe dann viele junge Menschen getroffen, die sehr krank waren und auf die die Medikamente schlechte Auswirkungen gehabt haben. Ich habe gemerkt, dass ich für sie sprechen muss. Und so war auch Eleanor. Als ich also mit Mort gesprochen habe, erklärte er, dass Eleanor das nicht nur für sich selbst tat, sondern für jeden in dieser Klinik. Sie war wie eine Gewerkschaft für alle Leute, die keine Stimme hatten. Sie war eine Kämpferin."

Wie haben Sie sich sonst auf die Rolle vorbereitet?

"Wenn ich eine echte Person spiele, lasse ich ihren Geburtstag von einer Astrologin untersuchen, einer Freundin von mir, die eigentlich immer recht hat. Sie sagte, dass Eleanors Geburtstag der Tag des Erbauers ist. Und es stimmt, sie erbaut und konstruiert Dinge. Es ist wie die 55 Stufen ["55 Steps", der Originaltitel des Filmes; Anm.d.Red.]. Sie brauchte 55 Stufen, um das Gesetz zu ändern. Sie war konsequent und hat sich gesagt 'Ich werde das ändern, damit kein anderer es tun muss'. Schritt für Schritt.

Die andere Sache, die die Astrologin herausgefunden hat, ist, dass sie eine verwundete Heilerin ist. Sie ist verletzt, aber sie heilt andere. Jedenfalls war es ein großes Geschenk, sie spielen zu dürfen.

Das Herz des Filmes ist die Freundschaft zwischen Eleanor und Colette. Wie haben Sie sich mit ihrer Filmpartnerin Hilary Swank verstanden?

"Wir hatten für den Dreh nur wenig Zeit und Budget. Alles wurde einfach zusammengeworfen. Es war völlig unklar, ob doch alles nochmal auseinander fallen oder ein Desaster werden würde. Ich habe Hilary erst drei Tage vor Drehbeginn getroffen - zu den finalen Vorbereitungen. Ich dachte nur: 'Wenn das nicht funktioniert, wird es der Film nicht schaffen, denn es ist eine Liebesgeschichte'.

Sobald sie den Raum betrat, dachte ich jedoch: 'Gott sei Dank!'. Sie ist eine wunderbare Person und hat ein großes Herz. Hilary ist sehr besonders, sehr großmütig. Sie hat dieses indianische Blut in sich. Sie ist wie Colette und besitzt auch diese spirituelle Seite. Hilary hat eine alte Seele. Wir haben uns sofort verstanden, da war ein unmittelbares Vertrauen. Außerdem ist Hilary keine Diva, obwohl sie schon jede Menge Filmpreise gewonnen hat."

Sie haben in einer psychiatrischen Klinik hier in Deutschland gedreht. Wie war die Atmosphäre an solch einem Ort?

"Das war eine lustige Geschichte. Am ersten Tag als Bille und ich dort hingekommen sind, um uns das alles anzuschauen, sind wir in diese Zelle gekommen und dann hat sich auf einmal die Tür geschlossen. Wir haben uns angeschaut und wir waren ganz alleine. Da war niemand mehr. Man konnte die Atmosphäre so genau spüren. Es war ein seltsamer Ort, man spürte viel Unglücklichkeit."

Schließen Sie jemals mit einer Figur, die Sie gespielt haben, komplett ab?

"Nein, ein Teil der Figur bleibt für immer bei dir. So gut wie immer. Manchmal ist es auch das motorische Gedächtnis. Manchmal denke ich 'Das erinnert mich an jemanden' und dann ist es eigentlich die Figur, an die man denkt. Zum Beispiel Eleanors Sprache, die an Judy Garland in 'Der Zauberer von Oz' erinnert. Einfach diese ganze Heftigkeit kommt manchmal zurück, auch, wenn es nur für eine Sekunde ist. Es war sehr angenehm, sie zu spielen, es war toll, sie zu sein. Ich habe jede Sekunde geliebt."

Was haben Sie von der Erfahrung mitgenommen, Eleanor zu spielen?

"Ich denke, sie ist sehr hilfreich. Manchmal, wenn das Leben schwer wird, kann man sich an bestimmte Leute wenden. Und Eleanor hilft mir. Wenn ich mich überwältigt fühle oder alles zu viel wird, denke ich daran, Schritt für Schritt zu gehen und das Hier und Jetzt zu nehmen und daraus etwas zu erschaffen, so wie sie. Das finde ich sehr hilfreich. Ich denke, sie hatte einen großen Einfluss auf mich."

Oft spielen Sie außergewöhnliche, teilweise verrückte Figuren. Wie erklären sie sich das?

"Es ist lustig, denn ich habe vor kurzem mit meiner Mutter darüber gesprochen. Meine Mutter ist Psychotherapeutin und in einer Art und Weise denke ich, dass wir beide Therapeutinnen sind. Ich therapiere eben durch meinen Job. Ich mag Krankheit, ich mag Krankheitslehre. Ich interessiere mich dafür, wieso manche Menschen anders sind.

Eleanor war ein Geschenk, denn jetzt gehe ich die Straße entlang und sehe Menschen, die krank erscheinen, es aber eigentlich nicht sind, weil es die Nebenwirkungen der Medikamente sind. Oder Parkinson. Ganz oft sehen wir diese Menschen und sind verängstigt, dabei sollten wir mitfühlend sein und uns fragen, wie es wohl ist, in diesem Körper zu stecken, der sich kaum noch bewegen kann.

Ich habe viel über das Gehirn herausgefunden und wie es verschiedene Krankheiten offenbart. Ich sehe jetzt die Vielfältigkeit. Es ist schrecklich, aber es ist auch faszinierend. Das ist aber auch der beste Teil, denn wie Mort gesagt hat: 'Du gibst den Leuten eine Stimme, die sonst keine haben.' Es hat mein Herz geöffnet und mir gezeigt, Leute nicht mehr zu verurteilen. Es ist wie eine komplett neue Erziehung, als ob man mir ein neues Paar Augen gegeben hätte.

Welche von den ganzen Rollen, die Sie in ihrer Karriere gespielt haben, ist ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

"Ich denke Eleanor. Ich finde, es ist unglaublich wichtig, dass die Menschen diesen Film sehen, nicht nur wegen mir, sondern auch wegen der Thematik. Sie war eine Heldin, die entdeckt werden musste."

„Eleanor & Colette" mit Helena Bonham Carter und Hilary Swank kommt am 3. Mai in die deutschen Kinos. Den Trailer seht ihr hier:

 


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