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"Zeit der Geheimnisse": Christiane Paul verrät wie Sonja tickt

Christiane Paul spielt in der Netflix-Serie "Zeit der Geheimnisse" die wilde, egoistische Sonja, die lieber von Ort zu Ort reist als zuhause für ihre Töchter da zu sein. Dass sie damit nicht zum Liebling der Zuschauer wird, ist der Schauspielerin und Zweifachmutter bewusst. Wie sie es geschafft hat, ihre Rolle dennoch zu verkörpern, ob Sonja eine zweite Chance verdient hat und welche Entscheidung Paul im Leben bereut, erzählt sie im Interview mit tvmovie.de.

Sonja-Darstellerin Christiane Paul steht überraschen an Weihnachten in der Tür
Als Sonja (Christiane Paul) überraschend zu Weihnachten aufkreuzt, löst das keinen Jubel aus. Katalin Vermes/Netflix

TV Movie Online: Wie haben Sie sich in ihre Rolle als Sonja hineinversetzen können?

Christiane Paul: „Ich denke, jeder Schauspieler muss seine Figur auf eine eigene Art verstehen. Wo die Probleme liegen, woher diese kommen und welche Konflikte sich daraus ergeben. Wichtig ist, zu akzeptieren, wie deine Figur agiert. Sonja gibt es in der Serie mit 19, dann mit 35 und mit 50 Jahren, von denen ich die beiden letzten gespielt habe. Gerade die 35-jährige Sonja hat einen wahnsinnig egomanen Lebensanspruch. Platzt überall rein, nimmt sich, was sie braucht und gibt allen anderen die Schuld daran, dass sie selbst in ihrem Leben nicht wirklich das gefunden hat, was sie sucht. Das war für mich als Mensch nicht so einfach, mit so einer Attitüde umzugehen. Und dann hat sie 15 Jahre später verstanden, dass sie Fehler gemacht hat und versucht, diese wieder gut zu machen, um das Leben wieder in richtige Bahnen zu lenken und ihren Platz darin zu finden. Das ist ein Weg, den ich total spannend fand. Daraus habe ich meine Figur aufgebaut – auch auf die Gefahr hin, dass sie nicht die Sympathieträgerin in der Serie ist.“

Hat Sonja eine zweite Chance verdient?

„Ich weiß nicht, ob Sonja eine zweite Chance verdient hat. Sie meint es aber aufrichtig. Sonja hat wirklich verstanden, was sie falsch gemacht hat und versucht nun, wieder anzuknüpfen. Es kann dafür auch zu spät sein. Sonja hat auf ihrem Weg so viel zerschlagen, ihre Kinder sind zudem schon erwachsen. Da nochmal neu zu starten, ist nicht einfach. Wenn die Töchter ihr die Chance geben, wäre das ein großes Glück für Sonja.“

Sich selbst zu finden und Kinder zu haben – ist das unvereinbar miteinander?

„Wenn man Kinder hat, muss man selbst zurückstecken. Als Mutter und Vater kannst du nicht ohne weiteres dein Leben so leben, wie du vielleicht willst. Denn auf der anderen Seite sind deine Kinder, deren Bedürfnisse du stillen musst. Du hast Verantwortung für sie und da fällt es manchmal schwer, die eigenen Wünsche zu verwirklichen. Gleichzeitig dürfen Eltern auch nicht auf der Strecke bleiben. Es wäre gut, einen Weg zu finden, beides auszubalancieren.“

Woran liegt es bei Sonja, dass sie ihre Kinder verlässt und lieber ein wildes Leben führt?

„Sonja zweifelt an der Liebe ihrer Mutter Eva und fühlt sich nicht wahrgenommen. Das macht sie ihr auch später zum Vorwurf. Genauso wie das Verhältnis von Sonja zu ihrem Vater Olaf, das auch spannungsgeladen ist. Er macht sie für den Tod ihres kleinen Bruders verantwortlich, was für Sonja ein erdrückender Vorwurf ist. Aus ihrer Sicht ist es so, dass ihre Mutter sich ihrem Vater geopfert hat und aus dieser unglücklichen Beziehung nicht rausgeht. Das kommt für Sonja selbst nicht infrage, weshalb sie aus der Familie ausbricht. Sie versteht viel zu spät, wie sehr Eva sie geliebt hat. Das ist echt spannend, wenn ich daran denke, wie Corinna Harfouch (Anm. d. Red.: Rolle der Eva) und ich diese Rollen verkörpert haben. Auf der einen Seite Eva, die überhaupt nicht verstehen kann, woher die Aggressionen und Abneigung von ihrer Tochter kommen. Und auf der anderen Seite Sonja, die alles ablehnt. Es wurde zuhause nie offen besprochen, wie die Beziehungsebene zwischen Mutter und Vater zustande kam und wie sich Sonja fühlt.“

Sonja bereut später ihre Entscheidungen. Gibt es etwas, dass auch Sie in Ihrem Leben bereut haben?

„Ich selbst hänge manchmal schon sehr an der Vergangenheit und blicke zurück. Aber ich glaube, alles gehört zusammen. Trotz allem, was ich auch an schmerzhaften Erfahrungen gemacht habe, bin ich dankbar für den Weg, den mein Leben genommen hat. Sollte ich jetzt aus irgendeinem Grund sterben, hätte ich mein Leben gelebt und alles gemacht, was ich machen wollte. Ich bereue nichts, denn ich glaube, dass alles auf seine Art richtig war. Einige Dinge würde ich nicht wiederholen, sondern heute anders machen. Das Wichtigste aber ist, dabei zu wissen, wen man mit seinen Entscheidungen tangiert und vielleicht sogar verletzt. Dann sollte man sich fragen, ob das wirklich sein muss. Das würde ich ungern wiederholen.“

Eva hätte ihr Geheimnis fast mit ins Grab genommen. Viele sind der Meinung, Kinder sollten die Geschichten ihrer Großeltern aufschreiben bevor es zu spät ist. Wie ist das bei Ihnen?

„Meine Großmutter hat mir die Fotos von ihrem Vater, ihrer Stiefmutter und auch ihrer leiblichen Mutter, die früh gestorben ist, gezeigt. Diese Bilder habe ich immer noch im Kopf und kenne auch so ungefähr die Familiengeschichte. Ich glaube, es ist wichtig, zu wissen woher wir kommen, um zu wissen, wer wir sind. Auch wenn es nur ein Fotoalbum ist und die Geschichten unserer Großeltern. Das ist das, was wir mit Kino, Literatur und Fernsehen zeigen. Denn darin erzählen wir auf gewisse Weise unsere Geschichten. Man muss sie nicht unbedingt aufschreiben, aber von Generation zu Generation erzählen. Das schafft bewusst oder unbewusst auch eine Verbindung.“

Interview von: Roxanna Kaufmann



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