Fernsehen

Würdelos? Shitstorm gegen Gudio Maria Kretschmer

Nach der ersten Folge seiner neuen Sendung „Deutschlands schönste Frau“, muss TV-Liebling Guido Maria Kretschmer ganz schön einstecken. „Ohne Niveau“, wettern die Zuschauer im Internet. Urteile wie „Eine Farce!“ oder „Zum Kotzen!“ sind auf Facebook und Co. zu lesen. „Habe mir mehr erwartet“, so die Antwort auf Nackt-Shootings, Zickenalarm und Dauergeheule. „Mit dieser Show haben Sie sich keinen Gefallen getan!“ Ist der Shitstorm gerecht? Wir haben genau hingeschaut

Guido Maria Kretschmer
Guido Maria Kretschmer (RTL/ Ralf Jürgens) RTL/ Ralf Jürgens

3,01 Millionen Zuschauer und 17 Prozent Marktanteil – eigentlich müsste sich Guido Maria Kretschmer nach dem Start von „Deutschlands schönste Frau“ (mittwochs, 21:15 Uhr, RTL) zufrieden die Hände gerieben haben. Das harte Urteil seiner Fans, sicherlich ein Wermutstropfen. Mindestens! Kritisiert werden nämlich auch die bissigen Kommentare des Designers über die Kandidatinnen: bei einem Spaß-Format wie „Shopping Queen“ durchaus passend, nicht aber in einer Sendung, die fast schon überbetont, wie wichtig innere Schönheit, Charme und Persönlichkeit sind – Werte, die im Verlauf der Sendung immer wieder an Glaubwürdigkeit verloren.

Die Psycho-Falle

Teils wirkte Kretschmer sogar überheblich. Zwar stellte er in Bezug auf die ständig weinende Kandidatin Vanessa (24) fest, dass das Fernsehen der falsche Ort für eine Therapie sei, andererseits klang er in „Deutschlands schönste Frau“ zumeist selbst wie ein Psychotherapeut, der die Verfassung der Kandidatinnen permanent analysiert – und neben guten Ratschlägen eben immer auch Häme für sie übrig hat. Zwischenzeitliches Süßholzraspeln ließ diesen Eindruck nicht mehr schwinden.

Hier die größten Vorwürfe im Check:

(1) Werden die Frauen vorgeführt?

Gleich die erste Kandidatin wurde zum Schmunzler: Alexandra (37) arbeitet als Meerjungfrau – was auch immer das bedeutet. Dass sich ausgerechnet die füllige Kandidatin im Bikini plus Meerjungfrauen-Schwanz als Erste in den Pool werfen musste, sicherlich kein Zufall. Kommentar: „Rollmöpschen – unten mit so ‘nem Schwänzchen dran.“ Alexandra selbst bezeichnete sich wenig später selbst als „Pottwal“. Man schämte sich fremd. Zu skurril!

Ob sich Monika (55) einen Gefallen damit tat, zu behaupten, sie wirke optisch wie Marilyn Monroe, bleibt fraglich. Zwischenzeitlich fühlte sich der Zuschauer wie im Zirkus: Hier die Bodybuilderin, dort die Dame mit gemachten Lippen, dann die sympathische Sam (30), die keine Haare mehr hat. Ach, und sie hatte auch noch eine schwere Kindheit: Ramona (32) kennt ihren Vater nicht und wuchs bei der alkoholkranken Mutter auf. „Wenn ich sie anrufe, kennt sie nicht mal meinen Namen.“

Exotinnen, Bosheiten und Häme förderten zwar den Unterhaltungsfaktor, nicht aber die Identifikationsmöglichkeiten mit den Frauen. Schade.

Auch das Nacktshooting wurde zum Aufreger. „Muss das sein, ich dachte hier geht es um innere Schönheit?“, ist jetzt im Netz lesen. Offensichtlich musste es. Schließlich ergab sich so die Möglichkeit, die verschiedenen Komplexe der Kandidatinnen ausgiebig zu beleuchten und zu interpretieren.

(2) Geht es wirklich um innere Schönheit?

Kretschmers Ansage, die Botschafterin für eine neue Frauengeneration zu suchen, klang großspurig. Nach der Sendung fragte sich der Zuschauer, ob „Deutschlands schönste Frau“ diesem Anspruch wirklich gerecht werden kann. Viele Kandidatinnen demonstrierten nämlich eindeutig, dass sie vor allem richtig schön lästern können.

(3) Auch nicht besser als „Germany’s next Topmodel“ und Konsorten?

Wer aufmerksam zusah, stellte fest, dass die Kandidatinnen überhaupt nicht anders präsentiert wurden als im gängigen Trash-TV: Kreischen beim Einzug in das luxuriöse Haus auf Mallorca (siehe GNTM), noch mehr Kreischen beim Verteilen von Beauty-Produkten des Sponsors, die es in jedem besseren Supermarkt gibt, herzzerreißendes Heulen als bekannt wurde, dass ein sinnliches Fotoshooting geplant ist. Uff!

Kretschmers Sprüche erreichten nie die Bosheit von Dieter Bohlen in „Deutschland sucht den Superstar“, hatten sich insgesamt trotzdem gewaschen. Das Lästern und Hetzen der Kandidatinnen selbst erinnerte stark an den „Bachelor“ – oder an das „Girlscamp“. Wer erinnert sich noch an die Sat.1-Sendung?

Das „Girlscamp“ war vor 15 Jahren speziell für folgenden Selektionsmodus bekannt: Jede Teilnehmerin bestimmte eine andere, die das Haus verlassen soll. Genauso grausam gesehen bei „Deutschlands schönste Frau“. Besser kann man Neid und Missgunst einfach nicht schüren. Wie schreibt die Süddeutsche: „Die Stimmung ist frostiger und fieser als in der gesamten Staffel des vergangenen Dschungelcamps. Der Zuschauer könnte sogar auf die Idee kommen, dass es selbst auf Miss-Wahlen harmonischer und fairer zugeht.“

Rita, mit 65 Jahren die älteste Kandidatin, brachte es auf den Punkt: „Natürlich schmeißt du die Konkurrenz raus!“ Genauso funktioniert Trash-TV.

P.S. Rita flog für ihre harte Herangehensweise selbst aus der Sendung, ebenso wie „Marilyn“-Monika und Heulsuse Vanessa, die mit den anderen Kandidatinnen sowieso nicht konnte. Auch Meerjungfrau Alexandra wurde rausgewählt. Von 20 gestarteten Frauen sind im Rennen um die Ehre, auf einem Werbeplakat für Wäsche abgebildet zu werden, aktuell noch 16 übrig. Zumindest dieser Ausgang war nicht abzusehen. In anderen Casting-Formaten werden nämlich immer Wege gefunden, um Drama-Tanten für den Showeffekt möglichst lang in der Sendung zu halten. Vielleicht hat „Deutschlands schönste Frau“ dank der Nominierungsrunde dann doch irgendwas unbestechlich Echtes.

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