Religiöser Machtmissbrauch

„Vertrau mir: Der falsche Prophet“: Die wahre Geschichte hinter der Netflix-Dokumentation

Ein falscher Prophet, eine abgeschottete Glaubensgemeinschaft und ein Undercover-Einsatz. Die Netflix-Doku „Vertrau mir: Der falsche Prophet“ erzählt eine verstörende wahre Geschichte.

Eine Frau mit weißem Cowboyhut und rosa Cowboystiefeln steht mit verschränkten Armen vor einer Reihe von Frauen in langen, schlichten Kleidern, die ihr den Rücken zuwenden; im Hintergrund ist eine karge Felsenlandschaft in warmem Abendlicht zu sehen.
Was hat es mit der Netflix-Dokumentation „Vertrau mir: Der falsche Prophet“ wirklich auf sich? Foto: Netflix

Mit „Vertrau mir: Der falsche Prophet“ veröffentlicht Netflix eine erschütternde vierteilige Doku-Serie, die weniger wie klassisches True Crime wirkt – und mehr wie ein Beweisstück vor Gericht. Im Zentrum steht Samuel Rappylee Bateman, ein selbsternannter „Prophet“, der in der Fundamentalistische-Kirche-Jesu-Christi-der-Heiligen-der-Letzten-Tage-(FLDS)-Gemeinde Short Creek ein perfides System aus Kontrolle, Manipulation und sexualisierter Gewalt etablierte.

Machtvakuum nach Warren Jeffs: Der Nährboden für Bateman

Die Geschichte beginnt mit einem Bruch: 2011 wurde der frühere FLDS-Anführer Warren Jeffs wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen zu lebenslanger Haft verurteilt. Zurück blieb eine zersplitterte Gemeinschaft in Short Creek – bestehend aus Hildale (Utah) und Colorado City (Arizona). Zwar prägten polygame Strukturen und fundamentalistische Glaubenssätze weiterhin das Leben vieler Bewohner:innen, doch eine zentrale Führung fehlte. Genau in dieses Machtvakuum stieß Bateman. Ehemalige Mitglieder berichten in der Doku, er habe behauptet, Jeffs sei entweder tot oder „entrückt“ worden – Botschaften würden fortan durch ihn übermittelt. So verschaffte er sich religiöse Legitimation, ohne offiziell ernannt worden zu sein.

Die „Samueliten“: Kontrolle durch Glauben, Isolation und Angst

Bis 2019 formte Bateman eine eigene Abspaltung innerhalb der FLDS, von Anhängern „Samueliten“ genannt. Laut der Doku nutzte er religiöse Rhetorik, finanzielle Abhängigkeiten und soziale Isolation, um seine Macht zu festigen. Loyalität wurde eingefordert – durch Zeugnisse, Geldspenden und in besonders verstörenden Fällen durch die „Übergabe“ minderjähriger Töchter als sogenannte „Mehrfach-Frauen“. Einige der betroffenen Mädchen waren erst neun Jahre alt. Zentrale Schauplätze sind das sogenannte „Blue House“, in dem Bateman mit ausgewählten Ehefrauen lebte, und das „Green House“, eine überfüllte Unterkunft für weitere Frauen und Kinder. Dort dokumentierten die Filmemacher zunehmende Anzeichen von Angst und psychischem Druck.

Undercover gegen den Propheten: Die Rollen von Christine Marie und Tolga Katas

Der außergewöhnliche Kern der Doku liegt im Material von Christine Marie und ihrem Ehemann, Videograf Tolga Katas. Marie kam 2015 nach Short Creek, um nach einer verheerenden Sturzflut humanitäre Hilfe zu leisten. Später gründete sie die Organisation „Voices for Dignity“, die Betroffene von Menschenhandel unterstützt. Was als soziale Arbeit begann, entwickelte sich zur investigativen Mission. Katas arbeitete bereits an einer Dokumentation über die FLDS-Gemeinschaft – ein Umstand, der ihnen Zugang verschaffte. Bateman wollte Teil des Films sein. Mit der Zeit dokumentierten sie jedoch zunehmend belastendes Material.

Ende 2021 zeichnete sie Gespräche auf, in denen Bateman ein sogenanntes „Buße“-Ritual schilderte – inklusive der Anweisung, dass seine „Ehefrauen“ mit anderen Männern schlafen sollten, während er zusah. Die Aufnahmen gingen an die Behörden und schließlich an das FBI.

Schuldspruch und Urteil: Das macht Samuel Rappylee Bateman jetzt

Im August 2022 wurde Bateman bei einer Verkehrskontrolle in Arizona festgenommen. In einem Anhänger fanden Beamte drei minderjährige Mädchen. Zwar kam er zunächst gegen Kaution frei, doch das FBI ermittelte weiter. Am 13. September 2022 lockte Tolga Katas Bateman unter dem Vorwand eines Interviews in ein Lagerhaus. Kurz nach dessen Eintreffen stürmten FBI-Agenten das Gebäude und nahmen ihn fest. Zeitgleich wurden mehrere Objekte in Short Creek durchsucht – darunter das Blue und das Green House. Im April 2024 bekannte sich Bateman schuldig – unter anderem wegen Verschwörung zum Transport Minderjähriger zwecks sexueller Ausbeutung und wegen Entführung. Seine Aktivitäten erstreckten sich über mehrere Bundesstaaten, darunter Arizona, Utah, Colorado und Nebraska. Am 9. Dezember 2024 wurde er zu 50 Jahren Haft verurteilt, zusätzlich zu lebenslanger Bewährungsaufsicht nach Verbüßung der Strafe. Mehrere Mitangeklagte wurden ebenfalls verurteilt.

Was wurde aus den Opfern von Samuel Rappylee Bateman?

Nach Batemans Festnahme kamen die betroffenen Minderjährigen in die Obhut des Jugendamtes in Arizona. Doch selbst dort waren sie nicht sofort sicher: Im November 2022 organisierten verbliebene Anhänger eine Aktion, um acht Mädchen aus der staatlichen Betreuung zu holen. Sie wurden über Kalifornien bis nach Washington gebracht, bevor Ermittler sie fanden und zurückbrachten. Heute stehen die Mädchen weiterhin unter staatlichem Schutz. Ihre Aussagen und die gesicherten Beweise waren entscheidend für den Ausgang des Verfahrens.

Quellen

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