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"The Irishman" | Interview: Warum Robert De Niro echte Gangster inspiriert

Knapp 25 Jahre nach "Casino" arbeiten Robert De Niro und Martin Scorsese für den Netflix-Film "The Irishman" wieder zusammen. Welches Feedback die Hollywood-Legende aus der Unterwelt bekommen hat und wie es war das "jüngere Ich" zu sehen, verriet er uns im Interview!

The Irishman Netflix Robert De Niro
In "The Irishman" spielt Robert De Niro den Kriegsveteranen und Mafia-Killer Frank Sheeran, der für den Mord des Gewerkschaftsführers Jimmy Hoffa verantwortlich sein soll! Netflix

„Ich habe gehört, du streichst Häuser?“ Eine eigentlich harmlose Frage, die dem gebürtigen Iren und Kriegsveteranen Frank Sheeran nicht nur einmal gestellt wurde. Sheeran hatte allerdings kein besonders großes Faible für Farbtöpfe, sondern ließ vor allem durch seinen Revolver dunkle Rottöne zeichnen - mit dem Blut seiner zahlreichen Opfer. Knapp 25 bis 30 Morde sollen auf das Konto des Sheeran gehen, der 1945 aus der Armee entlassen wurde und sich als LKW-Fahrer und Teilzeitkiller der Cosa Nostra einen Namen in der Unterwelt gemacht hatte. Sein vermutlich berühmtestes Opfer: Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa, der am 30. Juli 1975 spurlos verschwand und später für tot erklärt wurde.

Die vermeintlich wahre Geschichte des „Irishman“ Frank Sheeran hielt Autor Charles Brandt in seinem Roman „I Heard You Paint Houses“ fest, in dem Sheeran erstmals den Mord an Jimmy Hoffa gestand. Knapp 15 Jahre nach der Veröffentlichung der explosiven Biografie schlüpft Robert De Niro in die Rolle von „Frank Sheeran“ unter der Regie von Martin Scorsese (Goodfellas, Wie ein Wilder Stier). Der Netflix-Film markiert die erste Spielfilm-Zusammenarbeit des Duos seit "Casino" im Jahr 2004. Und doch fühlte sich alles sehr familiär an, wie Robert De Niro im Interview mit TV Movie Online betonte: „Unser ursprüngliches Projekt hat sich irgendwann in ‚The Irishman‘ verwandelt. Wir hatten über die ganzen Jahre Kontakt, um das Projekt zum Laufen zu bekommen. Es gab noch zwei weitere Kollaborationen, die fast gekappt hätten: Doch beide musste ich kurzfristig absagen. Wir hätten also vermutlich mehr Kontinuität gehabt, wenn es mit ‚The Irishman‘ früher geklappt hätte. Aber beim Dreh war alles, wie gewohnt: Wir waren direkt wieder in unserer Routine.“

The Irishman Robert De Niro Martin Scorsese Dreh
Robert De Niro (l.) und Martin Scorsese (m.) beim Dreh zu "The Irishman"     Netflix
 

"The Irishman": Das Mammutwerk mit „Forever Young“-Frischzellenkur

Ab dem 27. November 2019 ist „The Irishman“ bei Netflix zu sehen. Was jedoch nicht sichtbar ist, ist die 12-jährige Odyssee, die Robert De Niro und Martin Scorsese hinter sich bringen mussten, um den Film endlich veröffentlichen zu können. Selbst für einen Hollywood-Veteranen wie De Niro alles andere als Normalität: „Ich erinnere mich noch an die Werbebanner dieser alten MGM-Klassiker, auf denen geschrieben stand: ‚25 Jahre in der Entstehung!‘ So ähnlich haben wir uns jetzt auch gefühlt!“

Besonders die Finanzierung des Mammutwerks wurde zum Stolperstein – und die Tatsache, dass die beiden Hauptdarsteller Robert De Niro und Al Pacino mittels Computertechnologie teilweise knapp 50 Jahre verjüngt werden müssen. Doch mithilfe von Netflix und den CGI-Experten von ILM konnte „The Irishman“ realisiert werden. Und das Ergebnis kann sich tatsächlich sehen lassen – glaubt auch Robert De Niro, als er sein jüngeres zum ersten Mal auf der Leinwand sah: „Es war eine gute Erfahrung. Ich habe immer Scherze darüber gemacht, dass das meine Schauspielkarriere noch einmal 30 Jahre verlängert.“

Robert De Niro als Frank Sheeran
Robert De Niro als junger Frank Sheeran in "The Irishman" Netflix

Von Schönheits-OPs und dem Verjüngungswahn einiger Hollywood-Kollegen im wahren Leben hält der 76-Jährige aber gar nichts: „Jeder wird so geboren, wie er geboren wird. Solange man nicht eine schwerwiegende Krankheit oder einen Defekt hat, sollte man stolz darauf sein, wer man ist.“

 

"Becoming Frank Sheeran": Der Reiz einer umstrittenen Persönlichkeit

Ob Frank Sheeran stolz darauf ist, wer er zum Großteil seines Lebens war? Das lässt sich posthum natürlich sehr schwer beantworten. Tatsächlich klingt die Geschichte des Casa Nostra-Killers fast schon zu spektakulär, um wahr zu sein. Nachdem Robert De Niro die „Sheeran“-Biographie von Charles Brandt gelesen hatte, hat sich seine Meinung zu ihm klar geformt: „Ich habe einfach alles geglaubt, was er in der Vorlage erzählt hat. Die Gegebenheiten, die Dialoge und diese präzise Schilderung des Milieus erschienen mir einfach glaubwürdig. Und dann gab es plötzlich dieses Mysterium um diese zwei historisch bedeutenden Persönlichkeiten: Joe Gallo wurde eiskalt ermordet und niemand weiß bis heute, wer es war. Und Jimmy Hoffa ist plötzlich spurlos verschwunden. Hoffa hatte in dieser Zeit einen Status, der heute für eine politische Figur fast undenkbar ist: Er war fast so populär wie Elvis Presley. Mir war es wichtig, dass der Kontrast zwischen dem ikonischen Leben von Jimmy Hoffa und dem Dasein von Frank Sheeran gezeigt wird. Und auch das Drama, wie Frank zwischen die Fronten von Jimmy Hoffa und Russell Bufalino gerät. Letztendlich geht es in dieser Geschichte im Kern aber auch um den Tod.“

Dass De Niro seinen langjährigen Hollywood-Kollegen Al Pacino für die Rolle von Jimmy Hoffa gewinnen konnte, war ein absoluter Coup. Die vermutlich größere Überraschung jedoch ist das sensationelle Comeback von Joe Pesci, mit dem Pacino bereits an anderen Scorsese-Filmen wie „Goodfellas“ und „Casino“ arbeitete. Doch dafür brauchte es auch einiges an Überredungskunst: „Wir wollten Joe von Anfang an für den Film. Und ich habe ihn immer wieder versucht damit zu ködern, dass das vermutlich das letzte Mal sein wird, dass wir so etwas in dieser Größenordnung machen können. Es ging sehr lange hin und her. Aber er liebt Martin Scorsese, respektiert ihn sehr und ich bin ihm wohl auch nicht ganz unwichtig. Zum Glück hat er sich dann letztendlich für den Film entschieden.“

The Irishman Joe Pesci und Robert De Niro
Joe Pesci (l.) und Robert De Niro (r.) im ernsten Gespräch!    Netflix
 

Gangster-Kino à la Scorsese: Wie Robert De Niro die Unterwelt inspirierte

Doch Hand aufs Herz: Bei der Fülle an Gangster-Filmen, die Robert De Niro mittlerweile in seiner eindrucksvollen Vita stehen hat, dürfte der Schauspieler vermutlich schon mal neugierig geworden sein, was die bösen Jungs davon halten, was er auf der Kinoleinwand so treibt. Und tatsächlich berichtet der 76-Jährige vom „positiven“ Feedback aus der Unterwelt: „Einige von ihnen mögen die Filme wirklich gerne. Wir hatten diesmal auch einige Personen am Set, die tatsächlich schon Teil der Unterwelt waren. Und sie haben mir zumindest gesagt, dass sie gerne am Film mitgewirkt haben.“

Und in Zeiten von Instagram, Snapchat und Co. wird es auch in der Unterwelt immer schwieriger sich nach außen hin zu profilieren und Eindruck zu schildern. Doch anscheinend hat zumindest in New York aktuell ein „Irishman“ die Nase vorn: „Es gab tatsächlich jemanden, der dazu einen Artikel verfasst hatte. Ich bilde mir ein, dass das vor einigen Monaten in der New York Times berichtet wurde. Es ging hauptsächlich darum, wer welchen Trend als Erstes gestartet hatte. Es gab wohl einen irischen Untergrund-Chef, der sozusagen der Trendsetter im Gangster-Milieu in New York war. Also ist es bestimmt auch wahr, dass wir einige von ihnen inspiriert haben.“

 

The Irishman startet am 27. November 2019 auf Netflix. Was Hollywood-Superstar Al Pacino zu seiner ersten Zusammenarbeit mit Martin Scorsese zu sagen hatte, lest ihr in unserem Interview:

Text & Interview: David Rams

 

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