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„Terra X: Faszination Erde“ mit Dirk Steffens: „Egal wo ich hinfahre, sehe ich Naturzerstörung“

 „Terra X: Faszination Erde“ mit Dirk Steffens: „Egal wo ich hinfahre, sehe ich Naturzerstörung“
Seit zehn Jahren ist Dirk Steffens für "Terra X: Faszination Erde" unterwegs / ZDF Oliver Roetz

Seit zehn Jahren moderiert Dirk Steffens die atemberaubende Dokumentations-Reihe „Terra X: Faszination Erde“. Er erkundet die abgelegensten Orte unseres Planeten und begibt sich auf die Suche nach gefährdeten Tierarten. Er nimmt die Zuschauer mit auf Reisen in die Vergangenheit der Weltgeschichte, zeigt ihnen einzigartige Einblicke in das Leben von Naturvölkern und taucht ein in die faszinierende Welt unter Wasser.

Zu seinem Moderations-Jubiläum von „Terra X: Faszination Erde“ zeigt das ZDF ab dem 16. Dezember, immer sonntags um 19:30, drei Jubiläums-Sendungen.

Im Interview mit Michelle Welsing blickt Dirk Steffens auf zehn Jahre „Terra X: Faszination Erde“ zurück.

Herr Steffens, Sie waren schon in mehr als 120 Ländern. Hat sich Ihr Weltbild durch die Reisen verändert?

Als ich vor 25 Jahren angefangen habe, als Naturfilmer und Weltreisender zu arbeiten, habe ich das vor allem gemacht, weil ich großen Spaß daran hatte. Das war mein Traumberuf. Aber im Laufe der Jahre hat mich dieser Beruf, und das war nie meine Absicht, zum Umweltschützer gemacht. Naturfilmer sind die Augenzeugen des globalen Wandels. Als Journalist hat man zwei Möglichkeiten. Entweder man lügt, oder man erzählt beide Seiten der Geschichte. Ja, die Elefanten sind wunderbar und es sind tolle Bilder, aber sie sind auch durch Wilderei vom Aussterben bedroht. Ich finde die zweite Seite muss man heutzutage immer miterzählen. Es hat mein Weltbild also auf jeden Fall verändert. Ich habe grade die „Biodiversity Foundation“ gegründet. Der Artenschutz ist zu meinem Lebensinhalt geworden. Das ist das Resultat meiner Karriere als Naturfilmer. Es hat Besitz von mir ergriffen.

Im Süden Japans ist Dirk Steffens als Erntehelfer von nachhaltigen Algen im Einsatz / ZDF Oliver Roetz

Sie haben diese Veränderungen also hautnah miterlebt?

Genau ich bin Augenzeuge des globalen Wandels. Ich fahre seit über zwanzig Jahren nach Palau, ein kleines Land in der Südsee. Ein wunderbares Tauchrevier. Dort gibt es ein ganz großartiges Riff. Es ist schrecklich, wenn man sieht, wie die Meere sich verändern und die Riffe und Fischschwärme immer kleiner werden. Es gibt Orte, an denen ich schon so oft war, dass meine eigene Erinnerung mir erzählt, wie es aussehen müsste. Aber tatsächlich ist es so, dass es sich verändert hat und die Artenvielfalt zurückgeht. Mangrovenwälder verschwinden, die Korallen werden von Emissionen zerstört, das Meer wird wärmer und das Wasser immer saurer. Das Erschütternde ist, dass es überall auf der ganzen Welt passiert. Egal wo ich hinfahre, sehe ich Naturzerstörung. Das erschüttert mich zutiefst.

Gibt es ein Erlebnis, das Sie besonders berührt hat?

Ganz viele. Nach 25 Jahren bestehe ich überwiegend aus diesen beeindruckenden Erlebnissen. Das ist manchmal das kleine Kängurubaby, dem ich in einem Känguruwaisenhaus die Milchflasche geben konnte. Ich kann mich außerdem noch gut daran erinnern, als ich zum ersten Mal einem Hai begegnet bin. Das war vor fast 25 Jahren. Da war ich sehr aufregt. Mittlerweile habe ich Haie in fast jeder Größe gesehen. Das ist immer sehr spannend. An viele dieser Tauchgänge kann ich mich noch erinnern, als wäre es gestern gewesen. Und so glaube ich, besteht mein Wesen mittlerweile zum großen Teil aus der Summe all dieser Momente, die ich im letzten Vierteljahrhundert erleben durfte.

Dirk Steffens taucht auf Fidschi mit etwa 30 Bullenhaien, den sogenannten Müllmännern der Meere. / ZDF Oliver Roetz

Welche Expedition oder Folge von „Terra X“ hat Ihnen am meisten Spaß gemacht?

Eine der beeindrucktesten Expeditionen, die ich gemacht habe, war letztes Jahr im Kongo. Ich war zusammen mit Wissenschaftlern vom Max-Planck-Institut auf der Suche nach freilebenden Bonobos. Das sind die nächsten Verwandten von uns Menschen im Tierreich. Wir haben eine bis zu 99 Prozent genetische Übereinstimmung.

Dirk Steffens besucht im Kongo das einzige Bonobo-Waisenhaus der Welt. / ZDF Oliver Roetz

Diese Expedition war eine sehr, sehr große körperliche Strapaze. Man schläft irgendwo im Zelt, man kann ewig nicht duschen, überall hat man Zecken sitzen. Man muss durch die Sümpfe waten, es regnet den ganzen Tag, man muss die Ausrüstung schleppen. Doch nach all diesen anstrengenden Tagen bekommt man die Entschädigung.  Plötzlich kletterte ein Bonobo-Weibchen mit einem Jungen auf dem Arm an einem Baum entlang und hielt ganz nah vor mir an. Es blickte mir direkt in die Augen. Das sind Momente, die sich nicht bezahlen lassen. Das sind die „Million Dollar Moments“.

Was ist das Verrückteste oder Gefährlichste, das Sie jemals getan haben?

Bei einem „Terra X“-Dreh hat mir mal ein Vulkanbrocken das ganze Gesicht zertrümmert. Es musste von den Chirurgen in der Uniklinik komplett rekonstruiert werden. Übrigens nach einer Autogramm Karte vom ZDF, die sie ans OP-Bett geheftet haben. Sehr lustig. Denn mein Gesicht war so verunstaltet, dass man mich gar nicht mehr erkennen konnte.

Ansonsten gibt es gefährliche Situationen natürlich auf jeder Expedition. Man rutscht mal von einem Gletscher ab in eine Spalte. Manchmal sitzt eine Schlange vorm Zelt, die nicht da sitzen sollte. So etwa passiert schon recht regelmäßig. Doch insgesamt glaube ich, dass das Gefährlichste an einer Expedition die Autofahrt zum Flughafen ist. Die Wahrscheinlichkeit, im Straßenverkehr ums Leben zu kommen, ist auf jeden Fall größer, als durch den Biss eines Löwen.

Seit einem Jahrzehnt moderieren Sie „Terra X Faszination Erde“. Ab Ende November zeigt ZDF drei Jubiläumsfolgen. Wieso haben Sie sich unter anderem für die Ostsee entscheiden?

Dirk Steffens erkundet eines der ältesten Wracks, aus dem frühen 13. Jahrhundert in Schweden. / ZDF Oliver Roetz

Das ist, unter anderem, ein ganz banaler, fast egoistischer Grund: Weil ich dort wohne (lacht). Normalerweise trete ich meinen Dienst 10.000 Kilometer entfernt von zu Hause an. Für mich war es etwas ganz Besonderes, die ersten Drehtage zu Hause schlafen zu können. Ich kann mich nicht erinnern, dass das in meinem Beruf jemals so gewesen ist. Aber tatsächlich ist die Ostsee ein ganz relevantes Thema geworden. Sie ist ökologisch besonders anfällig. Es gibt mittlerweile sogenannte Todeszonen. Dort gibt es keinen Sauerstoff, also auch kein Leben. Diese Todeszonen sind mittlerweile so groß wie Dänemark. Sie sind gewachsen, weil die Menschen zu viele Nährstoffe einleiten. Zum Beispiel Gülle in der Landwirtschaft oder unzureichende Klärwerke. Die Wissenschaft hinter den Todeszonen hat mich interessiert.

Für einen Teil der Jubiläumsreihe reisen Sie nach Japan. Was hat Sie dort beeindruckt?

 

Japan ist ein großartiges Land. Eine meiner Lieblingsgeschichten ist die vom kleinen Kugelfisch, der ein unfassbar aufwendiges Nest baut. Es sieht aus, wie ein von Menschen gemachtes Kunstwerk auf dem Meeresboden. Ich habe eine Stunde neben diesem Nest gesessen und beobachtet, wie er es gebaut hat. Er hat hübsche Sachen wie Muscheln mit dem Maul aufgesammelt und sein Nest damit dekoriert. Die Weibchen, die vorbei schwammen, schauten sich die Nester ganz genau an. Sie paaren sich nämlich nur mit den Männchen, die die schönsten Nester bauen. Es war beeindruckend das zu sehen. Das ist ein Verhalten, das man bei Fischen gar nicht vermuten würde.  Wir unterschätzen die Fische sehr.

Welches Thema hat der dritte Teil, die Reise nach Indonesien?

Orang-Utans sind sind durch Palmöl-Plantagen stark gefährdet. / ZDF Oliver Roetz

In Indonesien ist das große Thema der Zusammenhang zwischen Palmöl, Orang-Utans und der großen Flächenvernichtung von Lebensräumen. Wenn Sie in einen deutschen Supermarkt gehen und alle Produkte aus dem Sortiment nehmen, in denen Palmöl drin ist, dann ist der Supermarkt mehr als halb leer. Das ist unglaublich. Das zeigt, wie wichtig dieses Zeug ist. Aber leider ist es der Grund dafür, dass immer mehr Urwald abgeholzt wird. Auf den gerodeten Flächen werden die Palmöl-Plantagen gebaut. Das hat wiederum zur Folge, dass die Orang-Utans keinen Lebensraum mehr haben und tausende andere Lebewesen auch nicht.

Sind Sie vor Reisen noch aufgeregt?

Vor dem Reisen an sich nicht. Das ist ja quasi wie Busfahren. Aber wenn ich vor Ort übernächtigt irgendwo aussteige, startet die Vorfreude. Wenn ich den Dschungel rieche und die Geräusche höre, das Prasseln des Monsunregens und das erste Mal wieder in die Augen eines wilden Tieres blicke, dann ist es genau wie beim ersten Mal. Das ist etwas, das sich nicht abnutzt. Deshalb bin ich der Meinung, dass ich den besten Beruf der Welt habe.

Dirk Steffens watet durch das Kongobecken auf der Suche nach Bonobos. / ZDF Oliver Roetz

 



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