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Stefan Bradl: Der nächste Teamkollege von Marc Márquez? | Interview

Am Wochenende findet das letzte Rennen der MotoGP 2019 in Valencia statt. Im Interview verrät Stefan Bradl, wie seine Chance stehen, Honda-Werksfahrer zu werden. 

Stefan Bradl: Der nächste Teamkollege von Marc Márquez? | Interview
Wird Stefan Bradl der nächste Teamkollege von Marc Márquez? Foto: dpa

Motorradrennfahrer Stefan Bradl, der seit dieser Saison Teil des Experten-Teams von ServusTV ist und seit zwei Jahren als Test- und Entwicklungsfahrer für das Honda-Werksteam arbeitet, kann mit seinen 29 Jahren schon auf eine erfolgreiche MotoGP-Karriere zurückblicken: 2011 wurde der Zahlinger Moto2-Weltmeister und stieg im Jahr darauf in die Königsklasse auf. Dort fuhr er zunächst für das LCR-Honda-Team, später dann für das Forward Racing-Team und Aprilia. Sein bestes Ergebnis in der MotoGP war 2013 ein zweiter Platz in Laguna Seca (Kalifornien). 2016 verabschiedete er sich vorerst aus der MotoGP, verrät im Interview mit tvmovie.de aber, dass er gerne wieder permanent fahren würde. Wird nach Jorge Lorenzos überraschendem Rücktritt, vielelicht sogar ein Platz im Honda-Werksteam frei?

Stefan Bradl feiert sein Podiumsplatz in Laguna Seca. Foto: dpa

Stefan, seit dieser Saison bist Du für ServusTV auch vor der Kamera tätig. Wie war es für Dich zwischen Motorrad und Experten-Mikro zu wechseln? Was reizt Dich an der Arbeit neben der Strecke?

„Aufregend. Ich habe die andere Seite vom Rennsport erlebt, die ich zwar kannte, aber nur wenn ich selbst interviewt wurde. So bekomme ich jetzt die ganzen Vorbereitungen mit, wie das Ganze aufgemacht wird und wie so eine Fernsehsendung abläuft. Das war sehr interessant. Die Arbeit ist mir von Anfang an nicht schwergefallen, weil ich mich natürlich mit dem Thema MotoGP gut auskenne und nach wie vor an der Szene sehr nah dran bin. Deswegen kann ich sehr viel Input geben.“

Hat Dich irgendwas bei den Abläufen oder im Allgemeinen bei deiner TV-Arbeit überrascht?

„Die Zeit vergeht sehr schnell. In einem geplanten Talk für zwei, drei Minuten unterhält man sich, ich bekomme zwei Fragen gestellt, beantworte diese und schon ist die Zeit wieder vorbei. Da fehlt mir noch ein bisschen das Zeitgefühl. Ich bekomme oft aufs Ohr gesagt ‚Kurze Anbindung. Kurze Antwort‘, damit wir unsere Vorgaben schaffen.“

Könntest Du Dir vorstellen, die Arbeit vor der Kamera weiterzumachen?

„Ich kann es mir vorstellen und ich werde es auch weiter machen. Aber an vorderster Stelle steht, wie meine eigene Karriere verläuft und ob sich noch eine Möglichkeit ergibt, wieder permanent aktiv zu sein. Aber die Arbeit vor der Kamera ist für mich ein toller Nebenjob, der mir sehr viel Spaß macht und in dem ich mich auch weiter verbessern will.“

Marc Marquez' Weltmeistertitel spricht ja auch für Dich und Deinen Beitrag zum Honda-Team, aber hättest Du es lieber noch ein bisschen spannender gehabt?

„Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust: Einerseits bin ich sehr nah an der Geschichte mit Honda dran und bin auch mit Marc relativ gut befreundet. Er hat es verdient Weltmeister zu sein. Da freut es mich, aber auf der anderen Seite wäre es für die Fernseh-Geschichte schon cooler gewesen, hätte sich die Weltmeisterschaft erst am Ende der Saison entschieden.“

Jorge Lorenzo Leistungen ließen dagegen zu wünschen übrig...

„Er hatte keinen Ansatz, wie er sich mit dem Motorrad verbessern kann. Dazu kamen die Verletzungen, die ihm extrem zu schaffen gemacht haben.“

Hattest Du mal die Chance mit ihm zu reden?

„Ich hatte schon diverse Gespräche mit ihm, da ging es natürlich hauptsächlich um die Technik und wie wir das Motorrad vertrauter für ihn machen können. Aber da hat mir auch die Motivation von ihm gefehlt. Er hatte keine Idee, was er da genau vorhat und deshalb ist es schwierig, die Geschichte rund um Lorenzo zu verfolgen. Noch dazu hatte er in seinem eigenen Team Marc Marquez, der momentan alles in Grund und Boden fährt und mit dem gleichen Motorrad überlegen die Meisterschaft gewonnen hat. Das hat es für ihn mental doppelt schwierig gemacht."

Eben hast Du gesagt, Du würdest gerne wieder permanent aktiv fahren und Du hast ja schon öffentlich gesagt, dass Du gerne Werksfahrer bei Honda wärst, wie schätzt Du Deine Chance ein, Teamkollege von Marquez zu sein? Gab es in diese Richtung schon Gespräche?

"Nein, da gab es noch keine Gespräche. Ich bin zufrieden mit meiner aktuellen Situation als Test- und Entwicklungsfahrer bei Honda und der Geschichte mit ServusTV. Aber wenn es so kommen sollte, bin ich natürlich nicht abgeneigt."

An welches Rennen erinnerst Du Dich am liebsten zurück?

"Ich glaube, das ist Qatar 2011 gewesen. Das war das erste Rennen der Saison und ich war in jedem Training und im Qualifying Erster. Ich habe das Rennen dann von der Pole-Position mit der schnellsten Rennrunde gewonnen. Ich habe wirklich das ganze Wochenende dominiert und es hat sehr viel Spaß gemacht. Gleichzeitig war der Druck aber auch sehr hoch, da jeder den Sieg von mir erwartet hat. Es war ein tolles Gefühl, diesen dann auch einzufahren."

2011 bist Du mit Kiefer Racing Moto2 Weltmeister geworden, was sagst Du dazu, dass das Team 2020 nicht mehr Teil der Moto2 ist?

"Das ist echt bitter. Ich habe super Erinnerungen an die Zeit mit den Kiefers. Sie haben eine sehr schwere Zeit durchgemacht als Stefan Kiefer 2017 gestorben ist. Ich wünsche ihnen, dass sie vielleicht in der Superbike unterkommen und dort ein Team aufbauen können. Die Jungs haben es einfach drauf und wissen wie Rennsport funktioniert. Ich hoffe, dass das Kiefer Racing Team weiter am Laufen bleibt.“

Was ist für Dich das Besondere an der MotoGP? Auch im Vergleich zur Superbike-WM, in der Du 2017 auch für Honda gestartet bist?

„Die Reglementänderungen der letzten fünf, sechs Jahre zeigen jetzt richtig Wirkung, wodurch die Hersteller und Fahrer enger zusammenrücken und konkurrenzfähig sind, mit Ausnahme von Marquez. Die MotoGP ist fahrerisch auf einem unglaublich hohen Level. Ich denke, dass es eine spektakuläre Rennserie ist und im Motorsport die Nummer 1. Ich erlebe es gerade von zwei Seiten. Einmal als aktiver, wie hart es ist, schnell zu fahren und die Zweikämpfe für sich zu entscheiden. Und auf der anderen Seite sehe ich es im Fernsehen und kann meine Expertise abgeben, was mir auch sehr viel Spaß macht und immer Spannung bietet. Und der Sound an der Rennstrecke, das ist noch richtiger Motorsport.“

Wie war es für Dich dieses Jahr wieder vor heimischem Publikum auf dem Sachsenring zu fahren und dann auch noch in die Top10?

„Das war das Highlight des Jahres für mich. Es hat sich ja dadurch ergeben, dass Lorenzo verletzt war und ich dann als Ersatz fahren durfte. Dazu dann noch am Sachsenring, im offiziellen Honda Werksteam mit einer guten Leistung, das war extrem cool!“

Hast Du dort auch viele Fans getroffen?

„Ja und auch sehr viel Support bekommen. Ich wurde richtig herzlich empfangen und alle haben mir die Daumen gedrückt. Dieses heimische, deutsche Motorsport-Gefühl habe ich von den Fans relativ schnell wieder entgegengebracht bekommen. Obwohl der Druck natürlich da war, konnte ich gut damit umgehen und es hat es extrem viel Spaß gemacht. Das war ein geniales Wochenende.“

Hat Dich die ganze Fanliebe dann auch beflügelt?

„Ja schon. Natürlich will man mit der extra Motivation, die einem die Fans geben, dann auch ein gutes Ergebnis abliefern. Im Motorradsport haben wir nicht viele deutsche Fahrer am Start, dadurch ist der Druck auf den eigenen Schultern sehr hoch, noch dazu in diesem Team. Einige haben mir gesagt ‚Ach Stefan, mit dem Motorrad ist es doch easy vorne mitzufahren‘, aber genau das ist nicht der Fall, es gehört viel Arbeit dazu. Es schwirrt dir so viel im Kopf herum, dass du es dann auf den Punkt kanalisieren und alles andere ausblenden musst. Ich bin ja schon etwas erfahren in diesem Geschäft und habe das am Sachsenring ganz gut auf die Kette bekommen.“

Du hast eben quasi selbst angesprochen, dass die MotoGP in Deutschland noch eine Randsportart ist. Findest Du das sehr schade?

„Ja, aber das werden wir so schnell nicht ändern, auch wenn die Sportart sehr spektakulär ist. In Deutschland fehlt einfach die Infrastruktur dahinter wie im Vergleich zur Formel 1. In den letzten 20 Jahren war vereinzelt immer mal wieder ein Deutscher vorne mit dabei, aber die Konstanz hat immer gefehlt. In einem sehr erfolgsverwöhnten Land kannst du damit nicht wirklich punkten, weil die breite Masse an Erfolg fehlt. So wie es Michael Schumacher in der Formel 1 gezeigt hat. Der war über Jahre hinweg das Idol und hat die Sportart auf ein neues Level gebracht, so ähnlich wie vorher beim Tennis Steffi Graf oder Boris Becker. So einen Hero haben wir in diesem Ausmaß leider nie gehabt.“

Wer war Dein Hero als Du angefangen hast?

„Eigentlich war es da schon Valentino Rossi. Als ich angefangen habe, war er gerade auf dem Sprung in die Königsklasse und hat dort die ersten Siege eingefahren. Richtig verrückt war es dann, als ich mit ihm zum ersten Mal zusammen auf der Strecke gefahren bin. Mittlerweile ist Rossi für mich ein super netter Kerl und wahnsinnig guter Rennfahrer, aber am Ende des Tages nur ein Gegner wie jeder andere auch.“

Alex Hofmann hat gesagt, es hätte dem Sport gutgetan, hätte Rossi noch seinen zehnten Titel geholt. Siehst Du das genauso oder denkst Du Marc Marquez hat ihm inzwischen den Rang abgefahren?

„Natürlich wäre es für Rossi phänomenal gewesen, seinen zehnten Titel zu holen. Er war 2015 auch sehr nah dran und ist nach wie vor auf einem super hohen Level. Es wäre cool gewesen, da er die größte Fangemeinde überhaupt hat. Aber mittlerweile muss man sagen, dass Marquez diese ziemlich gut übernommen hat und die neue Lichtgestalt im Motorradrennsport ist.“

Muss man als Testfahrer immer in Alarmbereitschaft sein, für mögliche Wildcard-Einsätze?

„Auf jeden Fall. Ich verfolge die ganze Geschichte, auch wenn ich gar nicht vor Ort bin, egal ob mit ServusTV oder als Testfahrer. Letztes Jahr hatte ich zum Beispiel drei ungeplante Einsätze und dieses Jahr waren es auch schon mehrere. Man muss immer parat stehen und schauen, dass man sich nach wie vor fit hält. Das hat mich die letzten zwei Jahre auch ordentlich auf Trab gehalten.“

Fährt ein Rennfahrer eigentlich auch privat Motorrad?

„Verhältnismäßig wenig. Kurz mal ins Freibad oder zum Eis essen, für größere Touren fehlt mir einfach die Zeit. Ich bin auch froh, wenn ich einfach mal ins Auto steigen kann und keinen Helm aufsetzen muss. Man muss das ganz klar differenzieren, ich kann mich auf der Rennstrecke austoben und die Geschwindigkeit und den Adrenalinschub erleben, das ist mein Vorteil und ich muss auf der Straße niemandem etwas beweisen. Ich habe auch nur ein langsames Touring-Bike und bin überhaupt nicht auf der Suche nach einer Herausforderung. Als Motorradfahrer bist du immer bestimmten Gefahren ausgesetzt, deshalb ist es wichtig, dass ich mich verkehrsgerecht verhalt.“

Vor kurzem wurde der erste vorläufige Moto-E Rennkalender für die nächste Saison bekannt gegeben. Was hältst Du von den E-Boliden und bist Du schon mal einen gefahren?

„Nein, ich bin noch keinen gefahren und ich bin auch nicht scharf drauf. Wir haben es dieses Jahr erlebt. Es gab die ersten Zwischenfälle mit abgefackelten Bikes. Für mich ist die ganze Geschichte zu früh ins Rollen gekommen. Ich glaube, der E-Motorsport auf zwei Rädern braucht noch Entwicklungszeit, auch um anständige Renndistanzen abspulen zu können und für die nötige Sicherheit zu sorgen.“

Interview: Madita Eggers 



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