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„Seven Seconds“-Rezension: Ist Justitia ihre Augenbinde verrutscht?

"Seven Seconds"
„Seven Seconds“-Rezension: Hat Justitias Augenbinde einen Riss? Foto: JoJo Whilden / Netflix

Unsere Serien-Empfehlung auf Netflix: „Seven Seconds“. Warum das Crime-Drama so sehenswert ist und alles über den Inhalt, die Darsteller und Staffel 2:

Die Kriminal-Serie „Seven Seconds“, die seit Februar auf Netflix zu sehen ist, entspringt der Feder von Veena Sud. Bereits mit „The Killing“ bewies die Serienschöpferin, dass sie ein Händchen für spannende Plots und eine stimmige, fesselnde Atmosphäre hat.

Mit „Seven Seconds“ schuf Veena Sud eine mutige Serie, die sich nah am Zeitgeschehen bewegt und den Finger in eine gesellschaftliche Wunde legt.

„Eine der größten Provokationen wenn ich all die Tötungen im Fernsehen […] sehe oder davon höre, ist für mich, immer und immer wieder zu erleben wie man diese jungen Menschen – sei es Tamir Rice oder Michael Brown oder Trayvon Martin – so lange am Boden liegen lässt“, begründet Sud in einem „CNN“-Interview ihre Motivation für die Serie.

„Es ist solch eine unglaublich gewalttätige und furchtbare Sache, an ein Kind zu denken, das in der Kälte liegt... Es ist eines dieser Bilder, die verdeutlichen, dass gewisse Leben in diesem Land eine Rolle spielen und andere nicht.“

 

Darum geht es in „Seven Seconds“

Peter Jablonski (Beau Knapp) ist auf dem Weg zu seiner schwangeren Frau. Dabei durchquert der junge Polizist einen Park. Jablonski ist nur kurz abgelenkt, es kommt zum Aufprall. Doch Peter hat keinen Baum erwischt, er hat kein Tier angefahren. Ein Schuh und ein verbeultes Fahrrad lassen die Tragweite des Unglücks erahnen.

Doch was als Unfall beginnt, entwickelt sich schnell zu einem grausamen Verbrechen, als die von Jablonski zur Hilfe gerufenen Polizei-Kollegen nicht dem Opfer helfen, sondern viel mehr daran interessiert sind, ihre eigene (weiße) Haut zu retten.

Mike DiAngelo (David Lyons), dem Leiter der Einheit, genügt ein Blick in den Straßengraben, um sein Urteil zu fällen: „Hast du gesehen, wer da hinten liegt? Für die Scheiße werden sie dich kreuzigen! Dafür werden wir alle bezahlen müssen. Du verstehst mich doch, Pete?“

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 Mike DiAngelo (David Lyons) muss nicht lange überlegen, um eine Entscheidung zu treffen. Foto: JoJo Whilden / Netflix

Die Polizisten lassen den 15-jährigen Afro-Amerikaner Brenton Butler (Daykwon Gaines) im Schnee liegen und vertuschen ihre Spuren.

 

„Seven Seconds“: Folge 1 muss man aushalten

Seven Seconds“ beginnt zwar mit einem Paukenschlag, Folge 1 allein schafft es allerdings nicht, den Zuschauer an die Serie zu fesseln. Das liegt zum einen an der bedrückenden Atmosphäre, zum anderen daran, dass die Vorstellung der verschiedenen Charaktere etwas zusammengeschustert wirkt.

Dem Zuschauer reicht die erste Folge nicht, um die Zusammenhänge zu begreifen und die komplexen Figuren richtig kennenzulernen.

Das Durchhalten lohnt sich allerdings, denn „Seven Seconds“ nimmt schnell Fahrt auf und hat einen spätestens nach Folge 2 völlig in seinen Bann gezogen.

 

„Seven Seconds“ zeigt ein zerrüttetes Amerika

Die Handlung von „Seven Seconds“ beginnt in einem vergifteten Klima, in dem Bandenkriminalität auf Polizeigewalt trifft und spitzt sich im Laufe der 1. Staffel immer weiter zu, bis Rassenkonflikte und Frustration überkochen.

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Die Drogenfahnder sind im Umgang mit den Straßengangs nicht zimperlich. Foto: JoJo Whilden / Netflix

Netflix hat sich damit an ein schwieriges Thema herangewagt und auf gewisse Weise die Serie zur „Black Lives Matter“-Bewegung entworfen.

Doch nicht nur Vorurteile, Rassismus, menschliche Abgründe und Verzweiflung stehen in Fokus des Crime-Dramas. Denn „Seven Seconds“ will zeigen, dass die Dinge eben nicht schwarz oder weiß sein müssen und verabschiedet sich so beispielsweise von der allzu starren Einteilung in die klassischen Kategorien von Bösewichten oder Helden.

Am plakativsten zeigt sich das, als Unsympath Mike DiAngelo verzweifelt versucht, ein bei einer Razzia entdecktes, totes Baby wiederzubeleben. Dabei lässt er ob der Verrohung und des Elends kurz seine Maske fallen und gibt eine menschlichere, verletzliche Seite preisgibt.

Die Figuren der Kriminal-Serie sind alles andere als eindimensional, was unterstreichen soll, dass niemand einfach nur böse oder gut ist.

 

„Seven Seconds“ lebt von seinen hervorragenden Darstellern

Clare-Hope Ashitey spielt KJ Harper, eine Staatsanwältin, die sich oftmals selbst im Weg steht. Als brillante Juristin und Tochter aus gutem Hause stehen KJ trotz ihrer Hauptfarbe alle Türen offen. Doch Harper hat ein Alkoholproblem und wird wegen ihres promiskuitiven Lebensstils von männlichen Kollegen nicht so ernst genommen, wie es ihr eigentlich zustünde.

Harper kämpft gegen ihre Abgründe und pendelt zwischen dem unbedingten Willen, das Verbrechen aufzuklären und vollständiger Resignation ob der Ungerechtigkeit des US-amerikanischen Rechtssystems.

Kontrastierend wird ihr die Figur des Joe 'Fish' Rinaldi (Michael Mosley) zur Seite gestellt. Der leitende Ermittler im Fall Brenton Butler ist genau wie KJ Harper ein Außenseiter, etwas kindisch, etwas eigenartig, doch durchaus liebenswert.

Clare-Hope Ashitey, Michael Mosley in "Seven Seconds"
Clare-Hope Ashitey als KJ Harper und Michael Mosley als Fish. Foto: Cara Howe / Netflix

Sie ist eine Frau, er ein Mann, sie ist schwarz, er ist weiß, doch vor allem letzterer Umstand spielt in ihrer eigenwilligen Dynamik kaum eine Rolle. Denn Netflix will es sich und seinen Zuschauern nicht zu einfach machen. Kaum etwas in „Seven Seconds“ ist, wie es scheint.

Umso bedauerlicher ist es, dass „Seven Seconds“ dem ungleichen Ermittler-Duo nicht noch mehr Raum gibt. Stattdessen verliert sich die Serie in einigen Längen, die dem Netflix-Drama dann doch ein bis zwei Minuspunkte einbringen.

Die herausragende Leistung der Hauptdarsteller macht dieses Manko jedoch mehrfach wieder wett. Denn mit Knapp, Ashitey und Mosley ist die Liste der überzeugenden Darsteller noch lange nicht beendet. Auch Nadia Alexander, die in „Seven Seconds“ einen Junkie aus reicher Familie spielt, ist in ihrer Rolle überzeugend.

"Seven Seconds": Regina King als Latrice Butler
Regina King als Latrice Butler. Was hatte es mit den Schwalben auf sich, die Brenton bastelte und verschenkte? Foto: JoJo Whilden / Netflix

Russell Hornsby, Regina King und Zackary Momoh gelingt es in den Rollen der Angehörigen Branton Butlers, den unterschiedlichen Phasen und Arten der Trauerbewältigung drei sehr verschiedene Gesichter zu geben.

 

„Seven Seconds“: Ist Amerika auf einem Auge blind?

Richtig packend wird die Kriminal-Serie vor allem in den letzten Folgen, als eine Gerichtsverhandlung den Schuldigen zur Rechenschaft ziehen soll. Doch wer ist das eigentlich?

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Mit Hilfe von Kadeuce Porter (Corey Champagne) will das Gericht klären, ob Brenton Butler Mitgleid in einer Gang war. Doch spielt das überhaupt eine Rolle?  Foto: JoJo Whilden / Netflix

Netflix hat einmal mehr bewiesen, dass gute Serien hier mittlerweile an der Tagesordnung sind. Immer wieder überrascht der Streaming-Anbieter mit unerwartet tiefgründigen und gut konstruierten Shows.

„Seven Seconds“ gleicht einer Ohrfeige. Doch es ist eine Ohrfeige, die den Zuschauer aufwecken möchte und ihn dabei nicht schont.

Die spannungsgeladene Serie ist damit ein echtes Must-See, denn sie beschäftigt sich mit einem Tabuthema und arbeitet es medienwirksam auf.

 

„Seven Seconds“: (Wann) kommt Staffel 2?

Man will mehr sehen von KJ Harper und weiter hoffen, dass sich endlich etwas an den gesellschaftlichen Zuständen ändert. Wer Staffel 1 gesehen hat, wünscht sich also eine 2. Staffel.

Ob es Staffel 2 von „Seven Seconds“ wirklich geben wird, ist leider noch unklar. Ebenso, wie ein möglicher zweiter Teil aussehen könnte, denn verschiedene Szenarien sind denkbar.

In einem Interview mit „CNN“ verriet Veena Sud, sie würde die Show im Fall einer Verlängerung gern analogisch fortführen, sich einer neuen Geschichte und einem anderen politischen Thema zuwenden, Jersey City jedoch als Setting beibehalten.

KJ Harper sucht am Ort des Verbrechens nach Antworten. Foto: JoJo Whilden / Netflix

Netflix sollte dieser wirklich guten Serie erneut die Möglichkeit bieten, so gekonnt auf gesellschaftliche Missstände wie Diskriminierung und die ungerechte Verteilung von Chancen (im Amerika des 21. Jahrhunderts) hinzuweisen, dass sich selbst die privilegiertesten unter uns ihre Existenz eingestehen.

Denn genau das gelingt „Seven Seconds“ in Staffel 1. Nicht umsonst fesselt die Serie den Zuschauer noch minutenlang nachdenklich vor dem Bildschirm, obwohl bereits der Abspann der letzten Folge läuft.

* von Anna Peters

 


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