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Primavera Sound 2019: My Kind of Festival | Festivalbericht

Das Primavera Sound 2019 ist Geschichte: Wir wagen einen Rückblick auf eine in jeder Hinsicht erinnerungswürdige Festivalausgabe. Das waren die Highlights des Primavera Sound 2019.

Primavera Sound 2019 Atmosphere Main Stage
Der Festivalbericht zum "Primavera Sound Festival 2019"! David Rams / Bruno Kelsch

Ein Festival ist auch immer ein Spiegelbild der Kontraste. Ich erinnere mich noch gut an eine Lollapalooza-Ausgabe in Berlin, als nach einem unheimlich-berührenden und fast schon intimen James Blake-Auftritt die Wartezeit zu Radiohead mit den absolut-eskalativen Klängen von Major Lazer unterlegt war. Und auch das Primavera Sound 2019 schleuderte einen immer wieder ohne große Umschweife in diese unglaublichen Extreme: Wie verarbeitet man die exzessiv-poppige Stimmung bei Carly Rae Jepsens Aufritt auf der SEAT Stage mit dem fast zum Zerbersten intensiven Auftritt von Julien Baker im Auditori? Klar ist: Das Primavera Sound 2019 hat mehr denn je eine programmatische Vielfalt an den Tag gelegt, die in dieser Breite und gleichzeitig auch künstlerischer Brillanz immer noch ziemlich unerreicht bleibt in der Festivallandschaft.

Mit dem diesjährigen Fokus auf Pop- und RnB-Bombast und damit verbundenen Instagram-Publikum kann ich ganz persönlich leider nicht sonderlich viel anfangen, auch wenn die Auftritte von Solange und vor allem Janelle Monáe ohne Zweifel in unzählige Bestenlisten der diesjährigen Primavera Sound-Ausgabe gehören. In einer eigenen Liga von künstlerischer Inszenierung und Performance gehört der späte Auftritt von FKA Twigs auf der Ray Ban-Stage, die mit ihrer unfassbaren Live-Show wirklich fast alles in den Schatten gestellt hat. Weniger bühnentechnischer TamTam, dafür noch einmal ein Stück mehr Emotionen lieferte wie bereits oben erwähnt Julien Baker, die am Donnerstag zum Festivalauftakt ihr Herz und ihre Seele im beeindruckenden Auditori-Saal entblößte. Mac DeMarco war mit seinem N64-Retro-Cappy, seiner guten Laune und Surfer Attitüde eigentlich die perfekte Antithese zu auf Hochglanz-polierten (Rock)Hymnen, wenn er mit "My Kind of Woman" nicht selbst für einen der emotionalsten Publikumsmomente des Wochenendes gesorgt hätte.

 

Primavera Sound 2019: Die schönsten (Alt-)Entdeckungen

Doch das Primavera Sound 2019 wäre nicht einmal halb so schön ohne die vielen Entdeckungen, die man im Line-up Jahr für Jahr machen kann. Cate le Bon ist spätestens nach ihrem brillanten und gefeierten Album "Reward" kein Geheimtipp mehr, doch gerade im Clubkonzert-Rahmen im Apollo-Saal kam ihr intensiver Retro-Pop-Sound besonders schön zur Geltung. Trotz der etwas gewöhnungsbedürftigen und geruchsintensiven Location im neuen Heineken-Zelt brachte die britische Kombo The Comet is Coming das enthusiastische Publikum zum Kochen: Irgendwo zwischen psychedelischen Klängen, Space Rock, Funk und Nu Jazz sind es vor allem die unfassbaren Klänge von Saxophonist Shabaka Hutchings, die absolut mireißen. Hutchings unterstreicht hier einmal mehr, warum er zu den absoluten Ausnahmekünstlern der Jazz-Szene gehört. Wer das noch einmal genauer nachvollziehen wollte, hatte beim Auftritt von Shabakas weiterem Groß-Projekt Sons of Kelmet reichlich Gelegenheit: Mit vier Schlagzeugen, Saxophon und Tuba brachte Shabaka das Publikum schon am frühen Abend in regelrechte Ekstase.

Primavera Sound 2019 Sons of Kelmet XL
Shabaka Hutchings begeistert mit den "Sons of Kelmet XL"      Christian Bertrand / Primavera Sound 2019

Gerade die Ray-Ban-Stage schien in diesem Jahr ein richtig gutes Pflaster für einige Konzerthighlights zu sein – dazu gehörten auch gleich zwei „Oldies but Goldies“. Während Hip-Hop-Ikone Nas ein verdammt tightes und mitreißendes Medley seiner Hip-Hop-Hits auf Konzertlänge ablieferte, luden Suede mit ihren emotionalen Rock-Hymnen zum Mitsingen und Mitschmachten ein. Generell fiel beim Primavera Sound 2019 auch wieder auf: Gefühlt alle Künstler, die beim Festival auftreten, tun dies mit einer großen Leidenschaft und Spielfreude. Und das ist absolut keine Selbstverständlichkeit. Genauso wenig, wie die Tatsache, dass es das „Primavera Sound 2019“ mit seiner „New Normal“ Initiative ohne großes Herumreden geschafft hat ein ausgeglichenes Gender-Verhältnis im Line-up hinzubekommen. Und auch über die aktuelle Ausgabe hinaus soll „The New Normal“ bestand behalten: 2019 verzeichnete das Festival ein weiteres Rekord-Jahr. Auch dahingehend können sich die anderen „Großen“ ein Beispiel nehmen.

 

Primavera Sound 2019: Verbesserungspotential und Aussicht

Dass es bei knapp 200.000 Besuchern noch einige Verbesserungsmöglichkeiten gibt, ist natürlich klar: Beim traumhaften Sonnenwetter ist es eine Schande, dass es die Veranstalter nicht schaffen viel mehr Wasserstellen für die Besucher einzurichten. Der Zugang zum Strandbereich des Primavera Sound-Festivals war zwar in diesem Jahr nicht ganz so dramatisch verstopft, doch die Brücke bleibt immer noch eines der unangenehmen Nadelöhre im ansonsten schicken und freiläufigen Festivalgelände am Parc del Fòrum. Einen der großen Negativpunkte der vergangenen Jahre konnte das Festival auf höchst charmante Art und Weise lösen: Dass bei Insidern in "Mordor" getaufte Gelände zwischen den beiden Main Stages, das sich normalerweise vor allem als Staubwüste hervorgetan hat, wurde in diesem Jahr mit einem schicken Kunstrasen überzogen. Den Main Acts gemütlich sitzend am Boden zuzulauschen hatte tatsächlich seinen ganz eigenen Charme.

 

Primavera Sound Atmosphere
Chillige Atmosphäre vor den Main Stages         David Rams / Bruno Kelsch

Für das Jubiläumsjahr 2020 haben sich die Macher schon verdammt viel vorgenommen: Neben dem Schwesterfestival in Porto lädt diesmal auch eine ganz eigene Primavera-Ausgabe in L.A.. Daneben dürfen wir uns vermutlich auch über ein Primavera Sound London freuen, das aufgrund eines ziemlich eindeutigen Screenshots wohl schon mehr oder weniger feststeht. The Bigger the better? Hoffentlich vergessen die Verantwortlichen bei allen Superlativen nicht, was den Charme des Primavera Sound überhaupt ausmacht. Allzu bange muss einem wohl nicht werden: Denn die Ankündigung der weltweit exklusiven Shows von Pavement beim Primavera Sound Festival 2020 ist ein erster Schritt in die richtige Richtung.

 

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