Kino

KVIFF 2018 Kritiken: Profile | The Guilty – Kein Raum für Fehler

Beim Karlovy Vary Film Festival wird es klaustrophobisch: Die Protagonisten von "The Guilty" und "Profile" sehen sich mit Extremsituationen konfrontiert. Und haben nicht nur sprichwörtlich keinen Raum, um Fehler zu machen. Was das Besinnen auf limitierte Örtlichkeiten mit dem Zuschauer macht, sehen wir beim KVIFF 2018.

The Guilty Karlovy Vary 2018
Schuldig - oder nicht? Mit "The Guilty" und "Profile" begeben wir uns beim Karlovy Vary International Film Festival in klaustrophobisch enge Räumlichkeiten Film Servis Festival Karlovy Vary

aus Karlsbad berichtet: David Rams

Ist ein Macbook-Bildschirm wirklich Kino? Zumindest in Timur Bekmambetows "Profile", der bei der Berlinale 2018 sein Weltpremiere feierte, spielt sich der komplette Film auf dem Desktop einer britischen Journalistin ab. Ganz so klaustrophobisch geht es beim strafversetzten Polizisten in Gustav Möllers "The Guilty" zwar nicht zu, doch ausgerechnet in seiner letzten Schicht wird Protagonist Asger Zeuge einer dramatischen Entführung, die ihm alles abverlangt. Beide Filme spielen mit den Sehgewohnheiten: Doch zahlt sich die örtlich limitierte Erzählform auch für den Zuschauer aus? Das versuchen wir im 2. Artikel zum KVIFF 2018 zu klären.

KVIFF 2018: Profile von Timur Bekmambetov

Steht uns möglicherweise ein brandneues Film-Genre ins Haus, auch wenn es Regisseur Timur Bekmambetow so nicht wirklich bezeichnen würde?! Seine "Desktop"- bzw. „Screen Life“-Filme seien nämlich kein Genre, sondern viel mehr eine neue Art von Filmsprache. 2014 debütierte der Horror-Film „Unfriended“ und bildete sozusagen den Startschuss für all jene Filme, die sich ausschließlich auf Computer- bzw. Smartphone-Bildschirmen abspielen. Bei der Berlinale 2018 feierte dann schließlich "Profile" von Regisseur Timur Bekmambetov ("Wächter der Nacht", "Wanted") und hebt sorgt vor allem wegen seiner Aktualität und Brisanz für viel Gesprächsstoff.

Profile beim KVIFF 2018
Auf den Spuren des IS in "Profile"          Film Servis Festival Karlovy Vary

Basierend auf den wahren Erlebnissen der französischen Journalistin Anna Errelle, erzählt "Profile" die Geschichte der britischen Redakteurin Amy (Valene Kane), die sich für eine investigative Geschichte von IS-Kämpfern anwerben lassen will. Amy entwirft einen gefakten Facebook-Account, auf dem sie sich als radikale muslimische Konvertitin ausgibt, die sich mit den Taten des IS sympathisiert. Binnen kurzer Zeit wird Amy von Bilal ("Star Trek Discovery"-Star Shazad Latif) kontaktiert, einem britisch-stämmigen IS-Kämpfer, der für die Terror-Miliz eine zentrale Rolle in Syrien spiellt. Der Kontakt zwischen Bilal und Amy wird zunehmend intensiver und intimer, was sich auch auf Amys Umfeld auswirkt…

Hochspannung generiert Bekmambetov in seinem Desktop-Thriller in Momenten, in denen Amy bereits eine Nachricht abtippt, die sie möglicherweise in große Gefahr bringen könnte und im letzten Moment nicht abschickt. Spannungstechnisch funktioniert das Geschehen auf der Kino-Leinwand erstaunlich gut, auch weil das Sujet einfach unheimlich viel hergibt. Mit zunehmender Laufzeit führt Bekmambetov sein vermeintlich authentisches Konzept mit vielen erzählerischen Kniffen leider ziemlich ad absurdum. Nichtsdestotrotz ist „Profile“ ein spannender Ableger der „Desktop“-Film-Bewegung, die laut Bekmambetov im kommenden Jahr noch deutlich Zuwachs erhalten soll. Ob man statt aufwendigen Sets und beeindruckenden Landschaften lieber den Iphone-Hintergrund im Kino sehen möchte, müssen die Zuschauer dann für sich entscheiden.

 

KVIFF 2018: The Guilty von Gustav Möller

Auf seinen Bildschirm starrt auch Polizist Asger (Jakob Cedergren), wenn seine die Anrufer der Notruf-Zentrale durchgestellt werden. Eigentlich würde Asger seinen Kollegen viel lieber draußen im Feld helfen – doch nach einem Zwischenfall wurde der störrische Polizist zunächst strafversetzt bis sich die Lage in einem internen Verfahren geklärt hat. Vorerst ein letztes Mal ist der Polizist am Headset im Einsatz – und bekommt es mit  den üblichen Anrufern zu tun, die entweder von einer Prostituierten abgezockt worden oder betrunken vom Fahrrad gefallen sind. Doch der Anruf einer zunächst scheinbar verwirrten Dame erweckt Asgers Aufmerksamkeit: Nach einigen Rückfragen ist sich Ager sicher, dass die Frau entführt wurde. Seine letzte Schicht wird zum ultimativen Nervenspiel…

KVIFF 2018 The Guilty
"The Guilty" Film Servis Festival Karlovy Vary

Im Grunde ist "The Guilty" in seiner Form noch limitierter als "Profile": Schließlich verzichtet Möller fast komplett darauf visuelle Elemente einzustreuen, sondern benutzt fast durchgehend Nah- oder Detailaufnahmen von Asger und seiner Umgebung, die er mit den Telefonaten auf der Audio-Ebene kombiniert. "The Guilty" spielt sich komplett in der Notrufzentrale der Polizei ab, auch wenn man sich manchmal wünschen würde, Asger würde sich Jack Bauer-mäßig ins Abenteuer stürzen und die Entführungsgeschichte kurzerhand selbst regeln.

Nebenbei streut Möller konsequent dramatische Elemente ein, die uns die Hintergrundgeschichte von Asger näher bringen. "The Guilty" ist ein kluger Hybrid aus Drama und Thriller, der aus dem minimalen Setting tatsächlich viel rausholt, auch wenn die Verhaltensweisen seiner Protagonisten manchmal auch Rätsel aufgeben. Dennoch bietet der minimalistische Film viele Wendungen, die die Spannung über die komplette Spielzeit hoch halten.

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