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"Ku'damm 56": Am Scheideweg von Tradition und neuen Wegen

Ku'damm 56
Maria Ehrich und August Wittgenstein in der ZDF-Produktion "Ku'damm 56" /ZDF/Stefan Erhard

Frauen gehörten noch in die Küche, Männer hatten das Sagen - aber nicht mehr lange. Der ZDF-Dreiteiler "Ku'damm 56" zeigt uns das Erwachen der Emanzipation. Bedrückend, aufrüttelnd und mit erfrischendem Humor entführt die grandiose Schauspielerriege in eine Zeit, die mit heutigen Wertevorstellungen nicht mehr viel zu tun hat.

Wie sehr Menschen in der damaligen Weltordnung zu leiden hatten, weil sie nicht ins Schema passten, zeigt August Wittgenstein als "Wolfgang von Boost". Seine Figur trägt seit vielen Jahren ein Geheimnis mit sich herum, das sein Leben gefährden würde, käme es heraus. Im Gespräch mit TV Movie Online-Redakteurin Laura Schäfer verrät Wittgenstein, warum ihm der Dreh trotz der Tragik seiner Figur Spaß machte und weshalb wir trotz (fast) gelungener Emanzipation in einem "Irrgarten" stecken.

Kudamm 56
Die Hauptdarstellerinnen: Emilia Schüle, Sonja Gerhardt, Claudia Michelsen und Maria Ehrich

TV Movie Online: Herr Wittgenstein, es war ja damals eine ganz andere Welt. Die Menschen sahen anders aus, redeten anders, dachten anders. War es schwierig, sich in diese Zeit hineinzuversetzen?

August Wittgenstein: Grundsätzlich macht es mir wahnsinnig viel Spaß, mich mit einer anderen Epoche zu beschäftigen. Aber es war auch schwierig. Ich weiß nicht, ob man der Geschichte immer gerecht werden kann. Man kann nur recherchieren, was es noch von früher gibt. Ob man das 1:1 hinbekommt wie es tatsächlich war, kann wahrscheinlich nur die Generation beantworten, die damals noch gelebt hat.

TVM: Was war denn das Überraschendste, das Sie bei Ihrer Recherche entdeckt haben?

AW: Die Gespräche mit der Kostümbildnerin waren super spannend. Denn meine Figur des Wolfgang, die ausgebildet ist und aus einer guten Familie stammt, würde niemals zu Hause die Hemdsärmel hochkrempeln. Es sind solche Kleinigkeiten, mit denen das Kostüm genau beschreibt, in welcher Zeit man sich befindet. Wenn man in die Kleidung schlüpfte, hat man gleich eine andere Haltung angenommen. Das hat mich sehr positiv überrascht.

TVM: Im Laufe der Filme merkt man sowohl bei den Frauen, als auch bei deiner Figur, dass Sexualität damals noch ein ziemliches Tabu-Thema war. Wie sehen Sie das aus heutigem Blickwinkel?

AW: Damals dachte man noch, dass Homosexualität eine Krankheit sei, die es zu bestrafen galt - es war grauenhaft! Wolfgangs Schicksal ist daher extrem tragisch. Jeder Mensch hat Seiten an sich, die er nicht gerne zeigt. Wenn es aber um sexuelle Veranlagungen geht, ist das einfach brutal. Das ist schließlich essenziell für jeden Menschen.

Ku'damm 56
Die Idylle trügt: Helga (Maria Ehrich) und Wolfgang (August Wittgenstein) an ihrem Hochzeitstag

TVM: Trotz seiner Homosexualität hat Wolfgang Helga geheiratet...

AW: Ja, damals musste man das noch tun. Wobei ich schon glaube, dass sie eine innige Beziehung haben und Wolfgang Helga tatsächlich liebt. Er möchte um jeden Preis, dass diese Liebe funktioniert. Und sie auch. Gerade deswegen wird ihre Ehe aber auch zu einem Grab der Geheimnisse. Vielleicht gibt es heutzutage in vielen Ehen genau so viele Geheimnisse. (lacht)

TVM: „Ku’damm 56“ zeigt auch ganz deutlich, welchen Stellenwert Frauen damals hatten. Monika wird dafür gemobbt, dass sie nicht richtig putzen und kochen kann. Emanzipation ist schon die größte Errungenschaft, die wir haben, oder?

AW: Ja, absolut, wir sind da schon weit gekommen. Es muss damals für Frauen extrem unbefriedigend gewesen sein, so stelle ich es mir jedenfalls vor. Allerdings müssen wir jetzt mit einem Überangebot kämpfen. Da sind wir schon fast in einem Irrgarten. Früher war dagegen klar, wie es sein sollte.

"Für den Mann ist es nach der Emanzipation schwieriger geworden!" - August Wittgenstein

TVM: In der ganzen Emanzipation scheint der Mann etwas an seinem Stellenwert verloren zu haben...

AW: Auf der einen Seite lastet auf uns Männern immer noch die Erwartung, dass wir eine Familie ernähren können, aber auf der anderen Seite sollen wir emotional zugänglich sein. Es ist ein Balanceakt, den Männer momentan bewältigen müssen. Vielleicht stecken wir sogar in einer Krise und müssen herausfinden, was einen Mann ausmachen soll. Ein Problem ist auch, dass es nur sehr wenige Vorbilder gibt, an denen Mann sich orientieren kann. Während es für die Frau ein bisschen einfacher geworden ist, es für den Mann schwieriger geworden.

TVM: In der Reihe stehen Werte wie Familiensinn und Traditionsbewusstsein im Mittelpunkt. Wie wichtig sind Ihnen diese Werte als Spross eines alten Adelsgeschlechts?

AW: Mir sind sie wichtig, aber ich glaube, das geht den meisten Familien so. Da geht es in adligen Familien sicher nicht anders zu. Der Titel „Prinz“ ist mittlerweile auch nur noch ein Teil des Namens. Das ist nichts, womit ich hausieren gehe. Ich habe nichts getan, um diesen Titel zu verdienen und ich möchte an meiner Arbeit gemessen werden. Außerdem würde mein voller Name bei jedem Abspann gar nicht auf den Bildschirm passen! (lacht)

"Ku'damm 56": Dann läuft der ZDF-Dreiteiler

Eigentlich heißt der sehr sympathische 35-Jährige August Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg. Er feierte sein Kino-Debüt 2009 neben Tom Hanks in "Illuminati".

In diesem Jahr wird er auch noch in einem "Tatort" aus Stuttgart zu sehen sein. Jetzt kommt erst einmal "Ku'damm 56" und dieser Dreiteiler ist absolut zu empfehlen! Das ZDF zeigt die Teile am 20., 21. und 23. März jeweils zur Primetime um 20.15 Uhr.



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