Kino

Känguru-Chroniken: "Der Film ist nicht nur für Berliner Langzeitstudenten"

Die Bestseller-Verfilmung "Die Känguru-Chroniken" ist ein echter Kino-Hit. War trafen den Hauptdarsteller Dimitrij Schaad zum Interview

Die Känguru-Chroniken: Eine etwas andere Filmkritik
Dimitrij Schaad (rechts) hat die Hauptrolle in "Die Känguru-Chroniken" Bild: X-Verleih/Warner Bros.

Das Coronavirus macht auch vor dem Känguru nicht halt: Auch deshalb war der Kinostart von "Die Känguru-Chroniken" nur sehr eingeschränkt möglich. Jetzt, wo die Lichtspielhäuser wieder langsam öffnen, stürmt das kommunistische Beuteltier (mit einer Einstellung in 3D) wieder in die Kinos - wie in die Wohnung von Marc-Uwe:

Dabei musste es sich in Form halten - eine Corona-Plautze kann man sich im Kampf gegen Nazis schließlich nicht leisten. Schade nur, wenn der Mitbewohner nicht mitspielen will:

"Die Känguru-Chroniken" ist für den Schauspieler Dimitrij Schaad, der hier den Basketball auf die Nase bekommt, die erste große Hauptrolle in einem Kinofilm. Dass er dabei direkt in einer Bestseller-Verfilmung mitspielen darf, die direkt auf Platz eins der deutschen Kinocharts eingestiegen ist, war sicherlich ein merkwürdiges Gefühl. Genau dadrüber hat er mit "TV Movie Online"-Redakteur Matthias Holm im Interview gesprochen - und über Anfeindungen auf sozialen Netzwerken.

TVM: Fangen wir mal mit der langweiligsten Frage an: Seit wann kanntest du die „Känguru-Chroniken“? Erst mit dem Engagement beim Film?

Schaad: Ich kannte die Buchreihe schon vorher, hatte sie aber nicht gelesen. Erst mit dem Casting habe ich mich damit intensiver beschäftigt. Weil die Frage aber häufig gestellt wird, habe ich mir mal Gedanken gemacht: War das ein Nach- oder Vorteil? Ich glaube eher letzteres. So konnte ich mich in Ruhe einarbeiten, ohne davon eingeschüchtert zu sein, was das für ein Riesen-Ding ist. Dann geht man einfach entspannter an die Sache. Je weiter ich im Casting-Prozess kam, desto mehr habe ich dann gemerkt, okay, das ist ein Millionen-Bestseller mit einer gigantischen Fanbase. Da habe ich mir als Theater-Gurke dann eh keine Chancen ausgemalt.

Aber vielleicht war das genau dein Vorteil, dass du eben nicht das „normale“ Kino-Gesicht bist, dass man in jedem zweiten deutschen Film sieht. Hatte Marc-Uwe Kling denn viel Mitspracherecht beim Casting?

Ja, auf jeden Fall, zusammen mit dem Regisseur Dani Levy. Das war auch ein längerer Prozess, sie haben mich im Theater gesehen, ich habe mich mit Marc-Uwe getroffen, damit wir uns kennen lernen. Witzigerweise haben wir uns aber nie über die Figur an sich unterhalten. Aber so konnte ich seinen grundlegenden Vibe und auch sein Humorlevel viel besser verstehen.

Welches ja auch ganz anders ist, als man es vom deutschen Mainstream-Kino der letzten Jahre so kennt.

Absolut. Ich glaube auch, es wäre kontraproduktiv gewesen, einen großen Namen zu nehmen, wenn das Ursprungsmaterial schon so ein großes Ding ist. Aber es ist müßig darüber nachzudenken, ich bin es geworden und sehr froh drüber.

Hast du denn viel Freiraum bekommen, um der Figur deinen Stempel aufzudrücken? Schließlich geht es um das Alter Ego des Autors.

„Freiraum“ ist vielleicht ein trügerisches Wort. Marc-Uwe hat mir nie gesagt, wie ich es zu spielen habe. Das haben wir mit dem Regisseur herausgefunden. Und trotzdem gehe ich meiner Arbeit immer vom Text aus – und den hat er ja geschrieben. Je weiter ich den dann durchdringe desto mehr gibt er dann ja vor: Wann schwingt er am besten? In welcher Temperatur? Wie geht jemand, der so spricht, wie er offenbar spricht und so weiter.

 

Schaad: "Es gibt in Deutschland ein Problem mit Rechtsextremismus"

Jetzt haben die Bücher und auch der Film schon eine klare politische Einstellung. Hat man da keine Angst vor eventuellen Anfeindungen?

Alle beteiligten Leute sind Menschen mit einer Haltung. Sowohl Marc-Uwe als auch Dani Levy. Oder auch die Produktionsfirma X-Filme, die sich aus einem Anspruch der Widerspiegelung und Hinterfragung von Gesellschaft gegründet hat. Ich glaube, ich habe auch so eine Haltung und insofern haben wir uns das nie gefragt, ob das problematisch werden würde. Selbst wenn das Gespräch aufgekommen wäre, ob man vorsichtiger sein müsste, denke ich hätten alle Beteiligten gesagt: „Nein“, gerade dann müsste man doppelt so stark voran preschen. Es gibt in Deutschland ein Problem mit Rechtsextremismus. Jahre- und Jahrzehntelang wurde das ignoriert von der Politik und der Mehrheitsgesellschaft. Und jetzt befinden wir uns in einer entsetzlichen Zeit, in der auf deutschen Boden Politiker umgebracht werden und in Thüringen dieses unsägliche, groteske Wahl-Debakel passiert und in Hanau neun Menschen zum Opfer eines rassistischen Terroranschlags werden. Die AfD hat unbestreitbar den Nährboden für diese abscheulichen Taten bereitet. Wann wenn nicht jetzt sollte man denn bitte Haltung zeigen? Aber in erster Linie soll der Film unterhalten und zum Nachdenken anregen, es ist kein politisches Manifest.

Trotzdem ist es ja schon sehr offensichtlich, welche Partei zum Beispiel durch den Kakao gezogen wird. Ich hatte da schon die ganze Zeit die Twitter-Kommentare vor Augen.

Deswegen habe ich kein Twitter. (lacht) Wenn die Anhänger dieser Partei ihre Gefühle verletzt sehen – scheiß drauf. Sie verletzen seit Jahren die Würde von Millionen anderer Menschen.

Weil wir es eben kurz hatten: Würdest du den Film selbst als Mainstream-Kino bezeichnen?

Die Bücher sind ja überall beliebt – Kinder, Studenten, Alt-68er und allem dazwischen. Es ist schon merkwürdig wie breit die Leserschaft ist. Deswegen ist eine Film-Adaption natürlich eine, die sich an eine breite Gesellschaftsschicht richtet und nicht nur an Berliner Langzeitstudenten. Ich glaube, den Film kann man im gesamten deutschsprachigen Raum sehen, verstehen und Spaß haben. So abgegriffen das klingt, es ist ein Film für die ganze Familie. Kinder können daran Spaß haben, während die Erwachsenen ganz andere Zusammenhänge begreifen. Es ist kein Film, der sich dem Publikum anbiedert.  Aber ich glaube schon, dass er ein großes Publikum erreichen kann.

 

Was ist merkwürdiger, mit einer Puppe zu schauspielern oder sich selbst auf der Leinwand zu sehen?

Wie lief eigentlich der Dreh ab? Es wurde ja für das Känguru eine Puppe benutzt. War das nicht ein wenig merkwürdig?

Schon. Es wurde aber unterschiedlich gedreht. Wenn man das Känguru von hinten sieht, wurde eine Puppe benutzt, manchmal war es ein Tennisball und einen pinken Punkt, der mit gezeigt hat, wo ich hingucken muss. Dann gab es meinen wunderbaren Kollegen Volker Zack, der im Motion-Capturing-Anzug das Känguru gespielt hat.

Sowas kennt man vielleicht aus Hollywood-Produktionen, aber für Deutschland ist das schon recht ungewöhnlich.

Das wurde auch noch nie so gemacht, zumindest nicht mit dem Animations-Aufwand.

Es ist ja deine erste große Kino-Hauptrolle. Was war da am merkwürdigsten?

Sehr komisch ist es, sich selbst so lange auf der Leinwand zu sehen. An das Gefühl musste ich mich erstmal gewöhnen. Ich habe zwar kleinere Rollen oder in Kurzfilmen gespielt, aber es ist das erste Mal, dass ich mich über 90 Minuten sehen muss. (lacht) Aber ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis und freue mich drauf, den Film mit Publikum zu sehen.

Vielen Dank für das Gespräch



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