Fernsehen

Jenke von Wilmsdorff: "Ängste können mich nicht aufhalten!"

Er säuft, er kifft, er interviewt Auftragskiller und riskiert für seine Reportagen scheinbar Kopf und Kragen - Jenke von Wilmsdorff geht bis an die Grenzen der Belastbarkeit. Doch der coole Typ von RTL hat auch eine ernste Seite...

Jenke von Wilmsdorff
Jenke von Wilmsdorff (RTL / Stefan Gregorowius) RTL / Stefan Gregorowius

Seit 14 Jahren ist der gelernte Schauspieler Jenke von Wilmsdorff als Reporter auf der ganzen Welt im Einsatz. In China isst er in einem Penis-Restaurant, in Ciudad Juarez, Mexiko, interviewt er einen Auftragskiller und von Tunesien aus setzt er mit einem Flüchtlingsboot nach Lampedusa über. Ganz klar, dieser Mann kennt keine Angst!

Die Vermutung scheint sich auch zu bestätigen, als er 2013 zum ersten Mal mit "Das Jenke-Experiment" im TV zu sehen ist. Gleich sein erster Selbstversuch schlägt hohe Wellen: Einen Monat will Jenke von Wilmsdorff täglich Alkohol trinken und den Pegel von 1 Promille halten. Ein Reporter besoffen im Fernsehen? Ein Skandal! Doch der 49-Jährige bekommt das Vertrauen seines Senders RTL und darf noch weitere Experimente produzieren. Für die zweite Staffel reist er in die Niederlanden und probiert dort das Kiffen aus. Schlagzeilen sind ihm auch dafür sicher.

Am Montag startet um 21.15 Uhr auf RTL die dritte Staffel von "Das Jenke-Experiment" und TV Movie Online-Redakteurin Laura Schäfer sprach vorab mit Jenke von Wilmsdorff über die neuen Folgen, seine Ängste und die düsteren Seiten des Menschseins.


Herr von Wilmsdorff, Sie haben für "Das Jenke-Experiment" schon Joints geraucht, Alkohol gekippt und nonstop gegessen - gibt es etwas, was Sie nicht ausprobieren würden?
Jenke von Wilmsdorff: Ja, klar. Ich würde nichts machen, nur um zu provozieren. Wir widmen uns generell nur Themen, die Menschen interessieren, weil sie sie betreffen. Sie haben immer eine gesellschaftliche Relevanz. Ein No-Go ist es auch, wenn ich einen Schaden davontragen würde. Ich weiß, dass mein Körper in maximal vier Wochen, die ein Experiment dauern kann, eine Menge zu tun hat. Er muss sich damit auseinandersetzen und sich umstellen. Es dauert auch seine Zeit, bis er wieder zu seinem Normalzustand zurückkehrt. 

In der ersten neuen Folge setzen Sie sich mit dem Thema Stress auseinander. Wie sehr nimmt der heutzutage Einfluss aufs Leben?
Das Problem ist, dass es immer nur kleine Stresssituationen sind. Dem Bus hinterherlaufen, in den Supermarkt jagen vor Ladenschluss, schnell noch telefonieren, schnell noch dies und das online checken. Das summiert sich und am Ende des Tages ergibt das eine irre hohe Stressfrequenz. Man sollte sich den Stress bewusst machen und sich im Einzelnen fragen: 'Muss ich mich jetzt in dieser Situation so stressen? Oder kann das nicht bis morgen warten?' Oder: 'Mach ich jetzt etwas, das meinen Bedürfnissen entspricht, dann stellt sich doch die Frage, warum man es nicht abstellt. Nimmt man einzelne Moment heraus, entstresst sich alles und das kann definitiv jeder.

Wie wichtig sind Ihnen Auszeiten?
Sehr, sehr wichtig! Wir produzieren vier Experimente pro Jahr und natürlich merke ich, dass mich jedes einzelne körperlich und psychisch sehr in Anspruch nimmt. Da gibt es intensive Drehtage bis zu 16 Stunden Länge und manche Experimente ziehen sich auch über Nacht. Da ist es ganz wichtig, dass ich runterkomme. Das geht am besten beim Joggen, Starren in den Nachthimmel oder Baden in der Badewanne.

"Ich war früher angstgesteuert!"


Als Reporter sind Sie ja auf der ganze Welt im Einsatz, haben schon viele Reportagen in gefährlichen Situationen gedreht. Dabei haben Sie einmal verraten, dass Sie als Kind vor lauter Ängsten gehemmt waren. Wie haben Sie das geschafft?
Ich wollte sie einfach nicht mehr haben - und ich glaube, das ist der Schlüsselsatz. Ich wollte diese Ängste nicht mehr haben, weil mir bewusst wurde, wie sehr sie mich einschränken, einengen, mich in meiner persönlichen Weiterentwicklung hindern. Ich wollte nicht auf der Stelle stehen bleiben. Das ging mit diesen Ängsten, die ich als kleiner Junge und jugendlicher Mensch hatte, nicht. Ich habe viele Situationen, die ich erleben wollte, vermieden. Ich war angstgesteuert und hatte immer zu viele Gedanken im Kopf, die gegen mich gearbeitet haben. Ich habe mich dann mit meinen Ängsten auseinandergesetzt und jede einzelne hinterfragt: 'Wovor habe ich genau Angst? Und was ist das Schlimmste, das passieren kann?' So habe ich im Laufe der Zeit festgestellt, dass die Ängste gar nicht so hartnäckig an mir kleben wie ich immer dachte. Dass man sie relativ leicht abschütteln kann, wenn man die richtige Haltung hat.

Hatten Sie denn keine Angst, als Sie beispielsweise durch die gefährlichste Stadt der Welt gegangen sind?
Ich war und bin nach wie vor viel zu neugierig, um mich von irgendwelchen Ängsten davon abhalten zu lassen. Was ja nicht heißt, dass ich tollkühn oder naiv bin. Ich bereite mich vor und recherchiere. Ich mache mich schon auf die Suche nach der Antwort auf die Frage, 'Was ist das Schlimmste, das passieren kann?' Aber wenn ich festestelle, das Schlimmste ist überhaupt nicht schlimm, dann relativiert sich meine Angst. Dann mache ich es. Das kostet definitiv noch einmal Überwindung und Kraft, aber danach bekomme ich die Bestätigung, dass es sich gelohnt hat und das setzt sich bei mir so fest, dass es mir wieder Mut gibt, andere Ängste anzugehen.

Hat sich nach all den Jahren als Reporter etwas an Ihrem Bild von Menschen verändert?
Es hat sich sehr viel verändert. Es ist immer wieder überraschend, was in jedem einzelnen Menschen steckt. Mich erschreckt es, zu was der Mensch fähig ist, wenn er einen schlechten Start ins Leben hatte oder wenn er in eine Extremsituation gerät. Wie die Menschen reagieren und welches düstere Potenzial in ihnen steckt. Zum Beispiel in der gefährlichsten Stadt der Welt: Wie kann man als Familienvater im Auftrag irgendwelcher Drogenkartelle andere Kinder umbringen? Wie geht das? Das ist so eine Sache, da findet man keine Antwort drauf. Ich sehe alles nicht mehr so rosig und bin wachsamer Menschen gegenüber, die mir mit einem Lächeln im Gesicht gegenübertreten. Ich weiß, dass sie auch ein düsteres Gesicht in sich tragen. Auf der anderen Seite freue ich mich aber auch über Menschen, von denen ich positive Schwingungen empfange. Die gibt es ja auch. Die Menschen, die Gott sei Dank durch ihre Sozialisierung und die Umstände, in denen sie leben - und damit meine ich keinen Wohlstand - glücklich sind. Ich habe sehr viele arme Menschen getroffen, die glücklicher waren als Millionäre, die ich getroffen habe.
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