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„Hanna“-Schöpfer David Farr über echte Heldinnen & seine Pläne für Staffel 3

Mit „Hanna“ schuf David Farr endlich eine Serie mit echten Heldinnen. Darauf ist er sehr stolz, denn seine Töchter brauchten vernünftige Vorbilder.

„Hanna“-Schöpfer David Farr über echte Heldinnen & seine Pläne für Staffel 3
Im Interview sprach "Hanna“-Schöpfer David Farr über Staffel 2 und Staffel 3. Auf dem Foto seht ihr die titelgebende Heldin, gespielt von Esme Creed-Miles. Amazon Prime

Sie ist ruhig und besonnen, ein bisschen eigenartig und kann es mit jedem Elitesoldaten aufnehmen. Die titelgebende Protagonistin der Amazon Prime-Serie „Hanna“ (Esme Creed-Miles) gibt dem Publikum etwas, an dem viele andere Serien- und Filmemacher zuvor gescheitert sind. Während Wonder Woman und Co. bis heute in kurzen Röckchen und hohen Hacken kämpfen, bindet sich die Teenagerin ihre Haare zusammen und begibt sich ohne großes Tamtam auf Mission. In Staffel 2, die am 03. Juli auf Amazon Prime Video startete, besteht diese darin, ihre „Schwestern“, die vielen anderen jungen Frauen, die aus dem Untergrundprojekt UTRAX hervorgegangen sind, zu befreien und zu beschützen. Eine Gruppe junger Soldatinnen zu ihrem Glück zu überzeugen, nachdem diese seit jahrelang der Gehirnwäsche unterzogen wurde, ist allerdings leichter gesagt als getan. Hinzu kommt, dass Hanna noch immer dabei ist, die Welt kennenzulernen und zu begreifen und auch den Tod ihres Ziehvaters und Mentors Erik Heller (Joel Kinnaman) erst einmal verarbeiten muss.

Während Hellers Tod für sie und die Zuschauer*innen jedoch unglaublich traurig ist, birgt er für die Serie und ihre Entwicklung eine große Chance, wie uns Serienschöpfer David Farr im Interview erklärte. „TV Movie Online“-Redakteurin Anna Peters sprach mit ihm über Hannas Entwicklung, den verstärkten weiblichen Fokus der zweiten Staffel und haarsträubende weibliche „Vorbilder“.  

Tvmovie.de: David, wie haben sich Ihr Prozess und Ihre Arbeitsweise im Vergleich zu Staffel 1 verändert? Immerhin hatten Sie zu Beginn noch eine Vorlage, an die Sie sich halten konnten oder vielleicht auch mussten – jetzt waren Ihrer Fantasie keine Grenzen gesetzt …

„Ich hatte von Anfang an Ideen für eine zweite Staffel und habe sehr gehofft, dass wir weitermachen können. Ich habe mich sehr darauf gefreut, immerhin ist das der Teil von Hannas Story, den noch niemand erzählt hat. Ich wollte unbedingt die Geschichte der Mädchen erzählen, die Hanna am Ende von Staffel 1 findet und die als Babys nicht gerettet wurden, weil ich sie so interessant fand. Diese eigenartigen jungen Frauen, die in Isolation zu Killern ausgebildet wurden und nichts über die Welt wissen, jetzt aber losgeschickt werden, um Operationen auszuführen. Wie trainiert man so jemanden und wie bringt man ihm bzw. ihr bei, sich normal zu verhalten?! Was Hanna betrifft, war ich einfach aufgeregt, sie fernab von Eriks Einfluss dazustellen. In Staffel 1 dreht sich alles um ihn – er ist die einzige Person, die sie jemals kannte. Plötzlich ist er weg. Jetzt geht es um ihre Trauer, die sich unterschwellig durch die gesamte Staffel zieht und deren Konzept sie gar nicht versteht – sie kennt das Wort Trauer nicht einmal. Und sie muss Entscheidungen treffen – ‚Was jetzt?‘. Sie probiert sich aus, manches geht schief – wie, dass sie in den Wald zurückgehen, was nicht funktioniert, weil Clara genau das Gleiche tut, was sie damals mit Erik gemacht hat. Und dann diese Idee, an ihren Ursprung zurückzukehren, UTRAX, beziehungsweise ‚The Meadows ‘, dieser seltsame Ort, an dem sie sich plötzlich wiederfindet und der wirklich das Herz der Staffel bildet. Das hat mich gereizt. Auch der Konflikt in Hanna: ‚Vielleicht sollte ich einfach aufgeben und eine von ihnen werden!?‘.“

Stand es bezüglich des Endes von Staffel 1 jemals zur Debatte, Erik – anders als in der Vorlage – am Leben zu lassen?

„Ich war mir direkt sicher, dass ich das nicht verändern möchte, weil ich das Gefühl hatte, das die Geschichte zwischen Hanna und Eric auserzählt war – so seltsam das klingen mag. Ich wollte erkunden, wie sie handelt, wenn er nicht mehr da ist, denn mit ihm in ihrer Nähe, hatte sie nie die Freiheit, ganz sie selbst zu sein. Sein Verlust ist unglaublich schmerzhaft – und wir vermissen Joe [Joel Kinnaman] – aber so konnte ich eine neue Seite von Hanna zeigen. Außerdem wollte ich Marissa [gespielt von Mireille Enos] in eine neue Position bringen – die, der Beschützerin. Sie wird ihr Schutzengel, aber Hanna vertraut ihr nicht ganz, was die Sache sehr verfahren macht. Aber das ist eine spannende Dynamik. Ich wollte Marissa mehr Raum geben.“

Haben Sie bezüglich der Handlung der zweiten Staffel irgendeine Entscheidung getroffen, von der Sie selbst überrascht waren, weil sie sie anfangs nicht für möglich gehalten hätten?

*Denkt lange darüber nach* „Ja, mir ist was eingefallen! Es ist eine Kleinigkeit und kein Spoiler, aber ich war überrascht, wie fesselnd die Welt der Meadows ist – auch für Hanna. Die Idee, einfach Identitäten für die Mädchen zu entwerfen und zu behaupten, sie kommen aus unterschiedlichen Teilen Amerikas [ist unglaublich reizvoll]. Alles ist fiktional, aber paradoxerweise fühlt es sich für die Mädchen dann sehr real an – sie wollten, dass es wahr ist. Es ist schwer vorstellbar, dass Hanna das für sich möchte, aber es hat eine anziehende Wirkung auf sie, obwohl sie dagegen ankämpft. Das habe ich wirklich genossen. Laura [Cugat] und Nia [Segal], die Autorinnen der Folgen vier und fünf, haben es geschafft, Hanna in eine Lage zu bringen, in der man kurz denkt ‚Oh mein Gott, vielleicht lässt sie wirklich zu, dass UTRAX ihren Namen ändert und sie zu der Person macht, die sie brauchen.‘ Vielleicht lässt sie sich komplett verändern, vergisst alles, was Erik ihr beigebracht hat und gibt einfach auf …“

Ich stelle es mir wirklich knifflig vor, sich zu überlegen, wie Teenagerinnen sich wohl entwickeln und verhalten würden, die frei von allen Konventionen aufgewachsen sind! Wie habt ihr das angestellt? Hattet ihr irgendeine Inspiration?

„Es war einfach ein Gedankenspiel. Du stellst dir eine Welt vor, in der die Mädels alle Informationen von einer einzigen Quelle beziehen, die sie nicht anzweifeln dürfen. Zweifel stellen für UTRAX die größte Gefahr dar, denn man nur eine einzige Sache anzweifelt, beginnt alles zu bröckeln.

Ich habe mir eine Sekte vorgestellt und die Mentalität, die dort herrscht. Es ist ein sehr sicherer Ort – bis es das eben nicht mehr ist. Dazwischen gibt es nichts. Die Idee, dass du nur mitspielen musst, um in Sicherheit zu sein. Sobald du aber sagst: ‚Da ist diese eine Sache, die für mich keinen Sinn ergibt‘, bist du etwas auf der Spur und somit plötzlich in Gefahr.“

Ich kann mir schon vorstellen, dass Ihnen alle Figuren sehr am Herzen liegen, aber wer ist Ihr Liebling?

„In Staffel 2 sticht Clara einfach heraus! Das ist die Figur, über die wir reden sollten – schon allein, weil Yasmin Monet Princes schauspielerische Leistung beeindruckend und unglaublich bewegend ist. Sie hat so eine interessante Beziehung zu Hanna, die anders als alles ist, was wir bisher gezeigt haben. Bei den letzten beiden Folgen habe ich Regie geführt und es sehr genossen, mit ihr zu arbeiten. Sie ist eine ganz besondere Schauspielerin. Was sie tut, während sie parallel zu ihrer Figur Clara auf die Suche nach sich selbst geht, ist wunderschön.“

Können sie uns ein kleines Bisschen über Staffel 3 erzählen? Irgendetwas!

„Wir wissen noch nichts Genaues, aber ich habe mir die Erzählung immer innerhalb einer Struktur vorgestellt, die einen dritten Akt hat, und den möchte ich unbedingt erzählen. Ich möchte Hanna auf die nächste Stufe ihrer Entwicklung heben, und ich möchte Marissa noch mehr an ihre Grenze bringen. Drückt die Daumen!

Die Serie ist so vielschichtig – es gab eine Art kleine Liebesgeschichte in Staffel 1, Mutter-Tochter- und Vater-Tochter-Beziehung, die Kämpfe und so vieles mehr. Gibt es etwas, an das sie sich noch gar nicht herangetraut haben und das daher auf Ihrer To-Do-Liste steht?

Richtige, echte Liebe gab es noch nicht. Der Typ [mit dem Hanna in Staffel 1 anbändelt] war nur ein Crush. Romantische Liebe fehlt in dieser Erzählung noch. Wir haben noch nicht ergründet, wie es ist, sich richtig in jemanden zu verlieben und sich selbst zu verlieren. Dabei geht es auch um Identität, aber das ist noch offen …“

Also gibt es eine Chance, dass das passiert? Ich habe mich nämlich gefragt, ob Hanna diese Art von Liebe jemals kennenlernen wird und ob das jemals viel Raum in der Serie einnehmen wird, der ob das Ihrem Konzept von Hanna wiedersprechen würde?!

„Ihr müsst abwarten und euch gedulden …“ *Lacht*

Naja, man kann es ja mal versucht! *Beide lachen*

Es klingt, als hätten Sie noch jeden Menge Ideen im Kopf! Auf wie viele Staffeln oder Folgen dürfen wir uns noch freuen?

„Eine dritte Staffel habe ich auf jeden Fall im Kopf, aber das ist keine dieser Serien, die immer weiter [in die Länge gezogen wird] und kein Ende findet. Aber einen dritten Teil möchte ich auf jeden Fall erzählen!“

„Hanna“ wird als sehr feministische Serie wahrgenommen. Als Mann müssten sie darauf ziemlich stolz sein …

„Ja, ich bin sehr stolz darauf! Ich habe zwei Töchter und es hat alles damit angefangen, dass ich sehr frustriert über die schwachsinnigen Vorbilder war, die ihnen bereits im Alter von sieben oder neun Jahren vorgesetzt wurden und daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Das war tatsächlich meine Hauptmotivation. Der Film hat ein bisschen dabei geholfen – er hatte starke Momente. Aber er hat auch viele Trittbrettfahrer-Filme inspiriert, in denen die Frauen zwar Waffen trugen, aber nur fetischisieren wurden. Sie waren keine echten, autonomen, existenziellen Heldinnen und ich finde, dass unsere Show in dieser Hinsicht einen wirklich entscheidenden Beitrag leistet. Die Regisseurinnen sind größtenteils Frauen und so werden wir es auch weiterhin handhaben, weil das sehr erfolgversprechend ist. Das nichts damit zu tun, ‚trendy‘ sein zu wollen, sondern damit, dass Frauen den richtigen Blick und die richtige Stimme für diese Serie haben.“

Vielen Dank für das nette Gespräch!

Staffel 2 von "Hanna" ist seit dem 3. Juli 2020 auf Amazon Prime Video zu sehen!

 


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