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Ein Mann, der seine Frau steht: Conchita Wurst

Der aufgemalte Bart im Gesicht, die Langhaarperrücke auf dem Kopf: Dieser ESC-Gewinner ist anders, aber trotzdem ein Mensch wie wir. Conchita Wurst wollte ein Zeichen setzen - und das ist ihr mehr als deutlich auch gelungen! Applaus!

Ein Mann, der seine Frau steht: Conchita Wurst

Österreicherin und Dragqueen Conchita Wurst alias Tom Neuwirth hat den Eurovision Song Contest gewonnen – und spaltet damit Europa. Die Russen hetzen: Das Ergebnis zeige „Anhängern einer europäischen Integration, was sie dabei erwartet – ein Mädchen mit Bart“, wie Vize-Regierungschef Dmitri Rogosin twitterte.

Und selbst aus Österreich kamen vor dem Wettbewerb immer wieder negative Stimmen. "Ich mache Österreich nicht lächerlich", verteidigt sich Wurst. Es habe sogar eine Anti-Conchita-Seite bei Facebook gegeben. Eine geschlechterübergreifende Kunstfigur, die das eigene Land vertritt? Unmöglich. Und doch wurde das Unmögliche möglich.

Ein Mensch, der polarisiert, der mit seiner bloßen Präsenz eine unüberbrückbare Schlucht durch Europa zieht, genau dieser will verbinden: Conchita will Gleichheit und Anerkennung für Homosexuelle.

Der diesjährige ESC kam genau zur richtigen Zeit und war genau das richtige Event für diese wichtige Botschaft! Während die russische Regierung gegen Schwule, Lesben und Transsexuelle hetzt, wählten die Menschen aus ganz Europa die Dragqueen zur Siegerin des Wettbewerbs. Die Akzeptanz und Anerkennung der europäischen Bevölkerung ihrer Person ist ein riesiger Schritt in Richtung Gleichheit.

Wurst warf bei dem Musikfestival eine Spitze Richtung Waldimir Putin: "Ich weiß nicht, ob er zuguckt. Aber falls ja, sage ich ganz klar: Wir sind unaufhaltbar." Mit diesem Statement wird ein neuer Solidaritäts-Hashtag (#unstoppable) geboren.

Dabei hatte man im Vorfeld gar nicht gedacht, dass die bärtige Conchita, die eigentlich Tom Neuwirth heißt, so politisch ist. Schließlich machte die 26-Jährige auch bei Trash-Formaten wie „Wild Girls – Auf Highheels durch Afrika“ mit – eine Show, die sie und ihre Mitstreiterinnen eher ins Lächerliche zog und dümmlich erscheinen ließ. Nicht gerade eine Sendung, mit der man den Horizont engstirniger Menschen erweitert…

Doch der Mensch hinter der bunten Fassade ist intelligent, erklärt seinen bunten Aufzug: „Vor allem der Bart ist ein Mittel für mich, zu polarisieren, auf mich aufmerksam zu machen. Die Welt reagiert auf eine Frau mit Haaren im Gesicht. Was ich mir wünsche, wäre, dass sich die Leute ausgehend von meiner ungewöhnlichen Erscheinung Gedanken machen – über sexuelle Orientierung, aber genauso über das Anderssein an sich. Manchmal muss man den Menschen einfach und plakativ klarmachen, worum es geht.“

Greller und aufdringlicher als sie es beim diesjährigen ESC getan hat, ist es kaum möglich. Dass diese Kunstfigur Conchita Wurst überhaupt geboren wurde, hat Tom Neuwirth schrecklichen, unglücklichen Zeiten zu verdanken. Sein ganzes Leben hatte der Österreicher mit Vorurteilen und Diskriminierung zu kämpfen, wurde in seinem Heimatdorf Gmunden gemobbt - sowie in der Schule als auch später im Internat: "Seitdem ich zwölf bin, ahnte ich, dass ich wohl auf Jungs stehe." Er war anders als andere Jugendliche in seinem Alter. Ein schwieriges Alter, in dem er viel aushalten musste.

Aus dieser Not heraus schuf er sein Alter Ego: die Kolumbianerin Conchita Wurst – „als auffälliges Statement. Als Katalysator für Diskussionen über Begriffe wie anders oder normal. Als Ventil, mit dem er seine Botschaft unübersehbar und unüberhörbar in alle Welt tragen will“, wie Neuwirth auf seiner Website schreibt.

Den Namen für den Charakter Conchita Wurst fand er durch Zufall: Eine kubanische Freundin nannte ihn Conchita. Den Nachnamen wählte er, „weil es eben Wurst ist, woher man kommt und wie man aussieht“. Einzig und allein der Mensch zähle! Eine Meinung, die sie offenbar mit den meisten Europäern teilt. 

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