Kino

Dieter Kosslick: "Das Ding wird bärig!"

Der Chef, der Motor, das Herz der Berlinale: Dieter Kosslick. Seit 14 Jahren holt er Top-Filme und Weltstars in die Hauptstadt. Im Interview mit Berlinale-Partner TV Movie erzählt der Festival-Boss, wie er das schafft - und woran er bisher gescheitert ist

Dieter Kosslick
Dieter Kosslick
Jetzt geht der Rummel wieder  los:  Für  Dieter Kosslick (66) ist es das Finale nach zwölf Monaten mit unzähligen Konferenzen, Filmsichtungen, Reisen – immer auf der Suche nach Newcomern und Trends,  ständig  in Kontakt mit Filmemachern und Stars. 
Seit Mai 2001 managt der Pforzheimer mit Charme, Witz und Sachverstand das größte Publikumsfilmfestival der Welt an der Spree. Relaxte Routine? Fehlanzeige! „Wir bauen jedes Jahr aus Hunderttausenden Puzzlesteinen Neuschwanstein neu“, sagt Kosslick. Wir treffen uns mitten im Endspurt zur 65. Berlinale bei seinem Lieblingsitaliener „Cucina Comoda“ in Charlottenburg zum Interview. 

Herr Kosslick, gerade haben Sie Ihren Vertrag als Berlinale-Direktor bis 2019 verlängert. Ist der Beruf ein Traumjob? 
Dieter Kosslick: Eindeutig ja! So kurz vor dem Start des Festivals habe ich zwar einen Megastress, trotzdem ist es einer der letzten großen Traumjobs. Für den übrigens nicht jeder geeignet ist. Man sollte die Arbeit von Künstlern respektieren und auch über Organisationsgeschick verfügen. Man sollte große Glitzer- und Glamourveranstaltungen mögen, aber auch eine Liebe zum Detail mitbringen. „Boogie Nights“-Regisseur Paul Thomas Anderson hat einmal zu mir gesagt, ich würde das größte Filmfestival der Welt so leiten, als würde ich zu Hause bei mir eine Party schmeißen.

Was halten Ihre Frau Wilma und Ihr Sohn Fridolin von einer solchen Mega-Hausparty? 
Diese Party gibts natürlich nicht. Während der Berlinale bleibt keine Zeit für eine Hausparty.

Gibt es etwas, das Ihnen so kurz vor Festivalstart noch schlaflose Nächte bereitet?
Wie wird das Wetter? Und mein Kalender: Wie schaffen wir es, dass ich überall bei den  Premieren,  den  Pressekonferenzen, den VIP-Empfängen dabei bin? Und dazu die Treffen mit den Kulturministern aus allen möglichen Ländern oder den Delegationen aus China und Nordkorea...

Es kommt eine Delegation aus Nordkorea?
Seit  Jahren  –  und  sie  bringen  immer  so schöne Kaffeetassen mit. Mal sehen, ob sie nach  dem  aktuellen  Hacking-Stress  um „The Interview“ auch jetzt wieder kommen. Dann werde ich den Kollegen auch mal ein paar Fragen stellen...

Von den über 6000 eingereichten Filmen in diesem Jahr, wie viele haben Sie gesehen?
Gut 300 Filme. Die zu sehen, war diesmal besonders anstrengend.

Warum das?
Früher hatten wir ein richtiges Filmlager mit Filmrollen. Da konnte man sich die Zeit einteilen, wann man einen Film schaut – im Zweifel auch mehrmals. Heute siehts in unserem Filmlager aus wie bei „Star Trek“: nur Server. Alle haben panische Angst vor Piraterie.  Darum  kommen  die  Filme  auf Festplatte mit dem Code-Schlüssel, der die Sichtung nur für ein bestimmtes Zeitfenster einmalig freischaltet. Und das Schlimmste: Fünf Minuten nach Filmende bekomme ich einen Anruf, ob ich den Film nehme.

Was sagen Sie dann?
Abzusagen  ist  nie  schön.  Man  programmiert ja nicht nur das Festival 2015, sondern muss auch an 2016 und 2017 denken. Und bei manchen dauert es sehr lange, bis die Wunden verheilen. Dabei sagt eine Absage ja nichts über die Qualität eines Films aus, meist passt er einfach nur nicht ins Programm. Oder wir haben schon zu viele mit einem ähnlichen Thema.

Welchen Trend haben sie diesmal entdeckt?
Auffällig  viele  Regiearbeiten  behandeln den Umgang mit Minderheiten, es geht um Religion und Religionswahn. Filme spiegeln da den Zeitgeist wider. Aber neben den ernsten  Themen  gibt  es  natürlich  auch spannende  Unterhaltung  –  und  die  Fans können sich auf viele große Stars freuen.

Wie begegnen Sie dem Boom zu immer aufwendigeren Serienproduktionen?
Offensiv und mit einem historischen Akt: Berlinale  goes  Serie!  Wir  zeigen  diesmal Mehrteiler  aus  Amerika,  Europa  und Deutschland – mit allem Premieren-Pipapo wie  roter Teppich,  Stars  und  Party.  Das stößt bereits vorab auf ein Rieseninteresse bei Fans und Fachpublikum.

Mit der Weltpremiere des  Erotik-Dramas „Fifty Shades of Grey“ haben Sie dazu einen wahrhaft erregenden Knüller gelandet...
Ja, ich begleite die beiden Hauptdarsteller Dakota Johnson und Jamie Dornan, die Regisseurin Sam Taylor-Johnson und die Autorin des Bestsellers, E.L. James, in den 
Zoo-Palast. Ein Berlinale-Moment, auf den ich mich bärig freue.

Keine Angst vor einem Skandal?
Nein! Und wenn, dann halten wir den aus – schließlich haben wir auch die unzensierte Fassung von „Nymphomaniac“ gezeigt.

Gibts Erlebnisse mit Stars, an die Sie besonders gern zurückdenken?
Sicher. Gern erinnere ich mich an das mehr als offenherzige Dekolleté von Scarlett Johansson, an Berliner Nächte mit Charlotte Rampling und Frances McDormand – und dann das Küsschen von Nicole Kidman. Die kommt in diesem Jahr wieder zur Berlinale. Und das ist schön.

Und wen möchten Sie, weil er sich so danebenbenommen hat, nie wieder sehen?
Diskretion ist Ehrensache! Das weiß ich, seit ich als kleiner Junge mit sechs Jahren im gleichnamigen Theaterstück beim Liederkranz Ispringen auf der Bühne der dörflichen Turnhalle mitgespielt habe.

Zum Schluss eine kurze Bilanz: Was ist Ihnen in 14 Jahren Berlinale richtig gut gelungen?
Wir zeigen 400 Filme an zehn Tagen, verkaufen 325.000 Tickets ans Publikum und organisieren  die  Termine  für  Tausende Fachbesucher aus aller Welt. Ein Kraftakt, bei dem wir Vieles möglich machen. Wir feiern  bereits  zehn  Jahre  „Kulinarisches Kino“, seit Start die am schnellsten ausverkaufte Veranstaltung. Und das Wichtigste ist, dass das Publikum der Berlinale seit 65 Jahren treu geblieben ist. Wo gibt es denn so etwas noch?!?

Und woran sind Sie bisher gescheitert?
Eins meiner Ziele war, das Essen auf der Berlinale komplett fleischlos zu halten – da musste ich mich dem erstaunlich starken Protest der Besucher beugen. Aber bis 2019 bleibt  mir  ja  noch  etwas  Zeit...  (lacht)


INTERVIEW: Jörg Ebach/Uta Tiedemann

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