Ins Rettungsboot gefallen?

„Costa Concordia“ auf Netflix: Das wurde nach dem Albtraum auf See aus Kapitän Francesco Schettino

Die neue Netflix-Dokumentation „Costa Concordia: Albtraum auf See“ rollt eine der größten Schiffskatastrophen der jüngeren Geschichte neu auf.

Die Costa Concordia in der Nacht, davor Rettungsboote.
Die Bilder der Costa Concordia wecken Erinnerungen an die Titanic. Foto: Netflix © 2026

Es war ein Freitag, der 13. Januar 2012 – und er sollte für 4.229 Menschen aus 60 Nationen zum Albtraum werden. Die „Costa Concordia“ war von Civitavecchia bei Rom zu einer einwöchigen Mittelmeerreise aufgebrochen, als Kapitän Francesco Schettino den Kurs eigenmächtig änderte.

Er wollte einem Besatzungsmitglied, dessen Familie auf der toskanischen Insel Giglio lebte, mit einem sogenannten „Sail-by Salute“ eine Freude machen – einem Vorbeifahrmanöver dicht an der Küste mit Sirenengruß.

Doch das Manöver endete in einer Katastrophe: Die „Concordia“ lief auf das vor Ort bestens bekannte Felsenriff „Le Scole“ auf, der Rumpf wurde aufgeschlitzt, das Schiff begann sich zu neigen. 32 Menschen verloren ihr Leben, darunter zwölf Deutsche.

Regisseurin Chiara Messineo hat diese Ereignisse nun in der Netflix-Dokumentation „Costa Concordia: Albtraum auf See“ aufgearbeitet. Sie verbindet Augenzeugenberichte von Überlebenden mit Handyaufnahmen von der Unglücksnacht sowie Mitschnitten der Bordfunkaufzeichnungen, die gefährliche Entscheidungen auf der Kommandobrücke dokumentieren.

Chaos, Panik und falsche Informationen

Was sich in jener Nacht an Bord abspielte, war für viele Passagiere kaum zu fassen. Die meisten saßen gerade beim Abendessen, als ein lauter Knall zu hören war und der Strom ausfiel. In sechs Sprachen bat Schettino über die Bordlautsprecher um Ruhe – doch das Chaos hatte bereits begonnen. „Es war so unorganisiert“, sagte Überlebende Melissa Goduti aus Connecticut. Die Besatzung habe kaum oder falsche Anweisungen gegeben, die Sicherheitsübung war ohnehin erst für den nächsten Tag geplant gewesen.

Währenddessen spielte Schettino die Lage gegenüber der italienischen Küstenwache herunter und meldete lediglich einen Stromausfall – ohne Hilfe anzufordern. Erst mehr als eine Stunde nach dem Aufprall, als das Schiff bereits stark Schlagseite hatte, ordnete er die Evakuierung an.

Da war es für einen geordneten Ablauf längst zu spät: Nur die erste Welle der Rettungsboote kam sicher zu Wasser, bevor die Schräglage des Schiffes weitere Abseilmanöver verhinderte. Dutzende Passagiere sprangen in Panik ins Meer und schwammen ans Ufer.

Dramatische Rettungsaktionen

Die folgende Rettungsaktion dauerte Tage. In der Nacht zum 15. Januar – mehr als 24 Stunden nach der Havarie – wurde ein junges südkoreanisches Flitterwochen-Paar lebend aus einer Kabine im gefluteten Rumpf geborgen.

Noch dramatischer war der Fall des Besatzungsmitglieds Marrico Giampetroni: Er hatte sich nach dem Unglück ein Bein gebrochen und rief mehr als 36 Stunden lang aus den Tiefen des versinkenden Schiffs um Hilfe, bevor er per Hubschrauber gerettet werden konnte. „Ich habe einen 36 Stunden langen Albtraum hinter mir“, sagte er danach. Die Leiche des letzten Vermissten wurde erst im Herbst 2014 geborgen, als das Schiff in Genua abgewrackt wurde.

Der Kapitän, der von Bord ging

Francesco Schettino mit seinem Buch bei einer Signierstunde.
Kapitän Francesco Schettino schrieb vor seiner Haftstrafe noch ein Buch über den Untergang der Costa Concordia. Foto: IMAGO / ZUMA Press

Während die Evakuierung noch in vollem Gange war, verließ Schettino das Schiff – lange bevor alle Passagiere in Sicherheit waren. Er behauptete später, er sei ausgerutscht und versehentlich in ein Rettungsboot gefallen. Das glaubte ihm niemand. Der Satz „Fare lo Schettino“ – „den Schettino machen“ – ist heute in Italien ein geflügeltes Wort für feiges Davonlaufen nach selbst verschuldetem Versagen.

Schettinos Motive für das riskante Küstenmanöver blieben lange unklar. Neben dem Gefallen für den Kellner wurde auch spekuliert, er habe eine an Bord befindliche Bekannte beeindrucken wollen. Er selbst schob die Schuld auf den Rudergänger, der seine Anweisungen angeblich zu spät ausgeführt habe.

Im Juli 2013 erhob die italienische Staatsanwaltschaft Anklage gegen den Kapitän – wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung, Körperverletzung und weiterer Vergehen. Wegen des enormen Medieninteresses wurde eigens ein Theater im toskanischen Grosseto zum Gerichtssaal umfunktioniert. Am 11. Februar 2015 wurde Schettino zu 16 Jahren Haft verurteilt. Alle Rechtsmittel wurden bis 2017 ausgeschöpft. Er verbüßt seine Strafe derzeit in Rom.

Fünf weitere Crewmitglieder wurden wegen fahrlässiger Tötung und Schiffbruchs verurteilt, mussten jedoch keine Gefängnisstrafe antreten. Der Mutterkonzern Costa Cruises zahlte eine Unternehmensstrafe von einer Million Euro und kam ohne Strafprozess davon. Passagiere erhielten Vergleichszahlungen zwischen 11.000 und 92.700 Euro.

Die Bergung des Wracks war eine jahrelange Mammutaufgabe: Zunächst wurden rund 2.200 Tonnen Treibstoff abgepumpt, um eine Umweltkatastrophe zu verhindern. Dann wurde das Wrack aufgerichtet. Im Januar 2014 starb ein Taucher bei den Arbeiten. Am 23. Juli 2014 wurde die „Costa Concordia“ schließlich nach Genua geschleppt, wo ihre Zerlegung bis Mitte 2017 dauerte.

Quellen

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