Kino

Céline Sciamma: "Ich liebe Filme, die mich hassen!" | Porträt einer jungen Frau in Flammen

In "Porträt einer jungen Frau in Flammen" verfilmt Céline Sciamma die Liebesgeschichte zweier Frauen im 18. Jahrhundert in einer unheimlich sinnlichen Bildersprache. Was die Regisseurin zur Verknüpfung von Malerei und Kino, dem Male Gaze und Voyeurismus im Kino zu sagen hatte, lest ihr im Interview.

"Porträt einer jungen Frau in Flammen" im Interview
Celine Sciamma: "Ich liebe Filme, die mich hassen!" | Porträt einer jungen Frau in Flammen! Alamode Filmverleih

Es sind die unglaublichen Nahaufnahmen und die damit aufgefangenen Blicke, die in den Filmen von Céline Sciamma ("Tomboy", "Mädchenbande") mehr sagen, als es tausend Worte jemals könnten. Kein Wunder also, dass sich beim ihrem neuesten Film "Porträt einer jungen Frau in Flammen" alles um die Blicke und Blickwinkel zweier sehr unterschiedlicher Frauen dreht: Der im 18. Jahrhundert angesiedelte Film lässt die Porträtmalerin Marianne auf ihr Model Héloïse treffen. Héloïse stammt aus einer Adelsfamilie und soll bald zwangsverheiratet werden. Marianne soll sie heimlich zeichnen – und muss die Gestalt von Héloïse in ihren kurzen Spaziergängen verinnerlichen. Doch die beiden Frauen kommen sich schnell näher.

Völlig verdient wurde "Porträt einer jungen Frau in Flammen“ bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet. Wir konnten die Regisseurin beim Filmfest Hamburg treffen und sprachen mit ihr über die verborgenen weiblichen Künstlerinnen des 18. Jahrhunderts, den männlichen Blick sowie die Liebe zu Filmen, die einen eigentlich abstoßen sollten.

Porträt einer jungen Frau in Flammen
Regisseurin Céline Sciamma    Getty Images

Was haben Sie über Malerinnen im 18. Jahrhundert bei der Recherche zum Film erfahren?

Ich war überrascht, dass es zu dieser Zeit Hunderte von Malerinnen gab – und ich kannte im Vorfeld gerade einmal zwei oder drei. Sie waren erfolgreich. Sie hatten eine Plattform und es gab sogar so etwas wie eine weibliche Kunstkritikerszene. Und irgendwann wurden ihre Werke einfach ausgelöscht in der Kunstgeschichte. Das war der schockierendste Aspekt daran. Als ich mir ihre Werke angeschaut habe, war ich erstaunt, dass der "Female Gaze" (Anm.: Weiblicher Blick) bereits deutlich zu sehen war. Das hat mich als Filmemacherin nachdenklich gestimmt, weil mir diese Bilder in meiner frühen Laufbahn sicherlich weitergeholfen hätten. Aber sie waren einfach nicht zugänglich. Das war dann auch der Grund dafür, warum ich die Geschichte zu diesem historischen Zeitpunkt spielen lassen wollte.

Sind sich Malen und Filmemachen ähnlich?

Das Großartige an Kino ist, dass es uns die Möglichkeit lässt andere Künste zu reflektieren. Gemeinsam mit dem Kameramann habe ich mir beim Film Fragen zur Rolle der Malerin gestellt. Welche Kadrierung ist sinnvoll? Wo müssen wir die Darstellerinnen im Bild positionieren? Wie müssen wir die Szene beleuchten? Gleichzeitig müssen wir beim Film aber auch wie Komponisten oder Autoren denken. In der Beziehung zwischen der Malerin und dem Model gibt es auch eine Parallele zur Beziehung der Regisseurin zu ihren Darstellerinnen.

Was verbindet Wahrnehmung mit Kunst?

Ich versuche für den Zuschauer Erfahrungen zu erschaffen. In meinen Filmen geht es immer um jemanden, der jemanden ansieht. Ich fokussiere mich auf die Zirkulation der Blicke. Kino sollte sich immer auch mit Körpern beschäftigen. Speziell in diesem Film verfrachte ich das Publikum in eine sehr aktive Beobachter-Rolle, damit auch ihr Körper arbeiten muss. Jeder meiner Filme soll eine eigene Grammatik und eine eigene Sprache transportieren.

Das Thema des Films umfasst auch die Schwierigkeit jemandem nahezukommen, wenn wir ihn nicht genau ansehen können. Sie arbeiten in Ihren Filmen auffällig oft mit Nahaufnahmen. Was ist die Idee dahinter?

Die meisten Nahaufnahmen im Film zeigen die Malerin, wie sie das Model porträtiert. Die Nahaufnahme beschäftigt sich mit dem Verhältnis von einem aktiven Beobachter, der gleichzeitig aber auch beobachtet wird. Es gibt auch Nahaufnahmen, die sich auf die sexuelle Spannung beziehen, wie z.B. der Fokus auf die Achselhöhlen während der Sex-Szene. Doch zum Großteil konzentrieren sich meine Nahaufnahmen auf die Augen. Es geht mir dabei hauptsächlich um die Intimität, die entsteht, wenn eine Person eine andere anschaut. Es ist auch eine Erlaubnis, die Zuschauer von dieser voyeuristischen Position im Kino befreit. Die Nahaufnahme kann grundsätzlich ja auch als aufdringlich wahrgenommen werden, aber ich empfinde das überhaupt nicht so. 

Porträt einer jungen Frau in Flammen
Die Blicke in "Porträt einer jungen Frau in Flammen"    Alamode Film

Eine Szene, die dieses fast schon voyeristische Spannungsverhältnis beschreibt, weil sie sehr intim ist, ist die Abtreibung des Dienstmädchens Sophie...

Héloïse fordert Marianne auf, sich die Abtreibung anzuschauen. Darauf zeichnet Marianne dann schließlich ein Bild von diesem Moment – als Erinnerung. Und gleichzeitig ist das natürlich auch eine Anspielung darauf, wie sehr uns Frauen als Künstlerinnen fehlen und damit auch der Fokus auf weibliche Intimität. Ich habe noch nie ein Bild in einem Museum gesehen, dass sich mit einer Abtreibung auseinandersetzt. Auch in anderen Filmen habe ich nur selten realistische Schwangerschaftsabbrüche gesehen, auch wenn ich natürlich nicht unbedingt danach gesucht habe. Es ist natürlich auch eine sehr spannende Idee, dass ausgerechnet das Model den Wunsch äußert, dass dieser Moment aufgezeichnet werden sollte.

Wie würden Sie die Unterschiede zwischen den beiden Hauptfiguren beschreiben?

Für mich ist der größte Unterschied, dass Marianne finanziell unabhängig ist. Sie arbeitet und verdient deshalb ihr eigenes Geld. Deshalb hat sie die Freiheit selbst wählen zu können. Und das ist auch heute noch eines der ganz großen Themen für uns Frauen. Uns war es wichtig, dass dies der einzige hierarchische Unterschied zwischen beiden ist. Héloïse ist Teil der Aristokratie, weshalb sie sozial sicherlich über Marianne anzusiedeln ist. Gleichzeitig bringt ihr dieser höhere Sozialstatus nichts – im Gegenteil.

Sie arbeiten das erste Mal seit Ihrem Debütfilm "Water Lillies" mit Ihrer Hauptdarstellerin Adèle Haenel zusammen. Hat ihre Besetzung bei der Konzeption der Geschichte eine Rolle gespielt?

Ein Teil meiner Leidenschaft den Film zu machen hatte natürlich auch damit zu tun, wieder mit Adèle zusammenzuarbeiten. Ich habe die Rolle von Héloïse mit ihr im Hinterkopf geschrieben. Gleichzeitig war es mir immer ein großes Bedürfnis neue Talente zu entdecken, die noch komplett unbekannt sind. Wir haben deshalb ansonsten nur Schauspielerinnen gecastet, die ich noch nicht kannte bzw. die in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend unbekannt waren. So haben wir auch Noémie gefunden. 

Einem normalen Drehtag haftet ja oft etwas sehr Künstliches an. Wie schwer ist es, in diesem Raum die nötige Sinnlichkeit und Intimität zu schaffen?

Es hängt natürlich immer von der Atmosphäre und Politik am Set ab. Wir hatten viel Spaß beim Dreh. Gleichzeitig war es uns allen sehr wichtig, echte Begierde aufzufangen. Nicht nur Liebe, sondern die unterschiedlichen Phasen von Begierde. Und es macht tatsächlich viel Spaß so etwas zu drehen. Es geht um diesen einen Blick, der dich zum Erröten bringt. Beim Fokus auf die Begierde ging es mir vor allem um den Rhythmus und die Spannung. Und in dieser Hinsicht arbeite ich sehr genau. Aber letztendlich hängt trotzdem alles von der Chemie zwischen meinen beiden Hauptdarstellerinnen ab. Adèle hat es immer mit einem Witz verglichen, den man erzählt. Wir hatten immer das Gefühl, dass wir Witze erzählen würden. Sie hat ihrer Kollegin so einen Blick zugeworfen, als ich gerade die Kamera auf Noémie gerichtet hatte, dass es plötzlich einfach perfekt gepasst hat. Die beiden sind einfach ein richtig gutes Team.

Das titelgebende Bild sehen wir nur zu Beginn des Films. Wann glauben Sie hat Marianne das Bild gemalt?

Ich bin der Meinung, dass sie es viele Jahre nach der Begegnung mit Héloïse gemalt hat. Es ist ihre Erinnerung. Ursprünglich sollte das Bild unfertig sein. Kurz bevor wir aber mit den Dreharbeiten angefangen haben, wurde uns bewusst, dass das Bild fertiggemalt sein muss. Und jetzt steht es in meiner Wohnung (lacht). Wir haben mit den Bildern des Films allerdings bereits eine Ausstellung in Frankreich realisiert, die noch in mehreren anderen Ländern zu sehen sein wird. Wir haben für den Film über 20 Bilder anfertigen lassen.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie nicht gegen den "Male Gaze" im Kino sind. Gibt es ein Szenario, in dem der männliche und der weibliche Blick voneinander profitieren können?

Wenn man gegen den "Male Gaze" wäre, wäre man gleichbedeutend auch gegen die ganze Geschichte des Kinos. Ich habe mein Leben damit verbracht, Filme zu lieben, die mich hassen. In meinem aktuellen Film gibt es fast keine Männer, weshalb wiederum einige männliche Zuschauer sagen, dass sie deshalb meinen Film nicht sehen wollen. Ich erwidere dann immer: ‚Ich wurde als Frau und Homosexuelle von der kompletten Filmgeschichte verachtet, aber trotzdem liebe ich das Kino.‘ Ich bin deshalb natürlich nicht gegen den „Male Gaze“, aber ich will, dass er als das benannt wird, was er letztendlich ist. Und wenn wir auf dieser Ebene eine Diskussion darüber führen würden, dann würde vor allem das Kino davon profitieren.

Interview & Text: David Rams

Porträt einer jungen Frau in Flammen ist ab dem 31. Oktober 2019 in den deutschen Kinos zu sehen. Einen Trailer dazu seht ihr hier:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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