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Til Schweigers Mann: Dirk Reichardt komponiert Filmmusik!

Dirk Reichardt
Dirk Reichhardt hat schon zahlreiche Filme Til Schweigers mit Musik begleitet. Nun hat er sein erstes eigenes Album "Piano Stories" veröffentlicht. Facebook/Dirk Reichardt - Piano Stories

Seine Musik ist fast jedem von uns schon einmal begegnet, den Mann hinter ihr kennen jedoch nur wenige: Dirk Reichardt ist Film- und TV-Komponist. Ohne seine Stücke wären Til Schweigers Filme wohl kaum so ergreifend-romantisch wie sie sind. 

Dirk Reichardt ist Til Schweigers Mann fürs Ohr. Besser gesagt: Für die Gefühle. "Barfuss", "Keinohrhasen" oder "Kokowääh" - Dirk Reichardt hat viele Filme des Schauspielers und Regisseurs mit Musik unterlegt und ihnen damit ihren berührenden Charakter verliehen. Nun hat der Komponist mit "Piano Stories" seine erstes eigenes Album herausgebracht.

Wir sprachen mit dem Komponisten über seine Arbeit mit Til Schweiger und sein Album.

Wieso komponieren Sie für Film und Fernsehen?
Ich möchte mit meiner Musik Menschen erreichen. Ich finde, Musik ist so wichtig für ein Gefühl heutzutage. Wenn ich mit meiner Musik zum Nachdenken anrege und Menschen gefühlsmäßig erreiche, ist das viel wert.

Auf Facebook schreiben viele, dass sie Ihre Filmmusiken sehr berühren. Nun haben Sie mit „Piano Stories“ Ihr erstes eigenes Album veröffentlicht. Wie ist die Resonanz?
Nach so vielen Filmen ist es doch etwas ganz anderes, ein Album unter meinem eigenen Namen herauszubringen. Es war mir wichtig, diesen Schritt zu machen. „Piano stories“ hat mich zum meinem Ursprungsinstrument, dem Klavier, zurückgeführt und besitzt insofern eine sehr enge Verbindung zu mir selbst. Ich bekomme viele berührende und emotionale Kommentare, was mich wirklich freut! Ich glaube, das Sanfte, das Defensive, das Narrative in meiner Musik schafft Vertrauen, gerade jetzt, da die Welt so bitterböse geworden zu sein scheint...

Dirk Reichardt. Piano Stories
"Piano Stories", erschienen bei "hazelnutmusic", ist Dirk Reichardts erstes eigenes Album.

Sie sind über Umwege zur Filmmusik gelangt und gelten inzwischen als Til Schweigers Komponist des Vertrauens. Wie kam es dazu?
Vieles war dem Zufall geschuldet, ich bin da mehr oder weniger hineingestolpert! Was gut ist, denn ich habe ein miserables Repertoire an Filmmusik-Wissen (lacht). Ein guter Freund von mir hat „Erbsen Auf Halb6“  gemacht, zu dem ich Musik beisteuerte und bei dem Til Schweiger Co-Produzent war. Für diese Filmmusik wurden wir mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. Als Til dann „Barfuss“ geplant hatte, rief er an und fragte, ob wir den musikalischen Part übernehmen wollten. So kam es zur ersten Zusammenarbeit. Mittlerweile haben Til und ich seit über zehn Jahren eine enge Verbindung.

Woher nehmen Sie Ihre Inspiration?
Ach, das ist ganz unterschiedlich. Es kann auch schon mal vorkommen, dass ich nachts aufwache und eine Melodie im Kopf habe.

Wie behalten Sie sie, damit Sie sie nicht am nächsten Morgen vergessen haben?
Ich habe da so ein Motto: Wenn ich mich am nächsten Tag noch an die Melodie erinnere, dann war sie gut (lacht). Früher hatte ich für den Ernstfall auch ein Notizbuch. Inzwischen habe ich so ein kleines, altes Plastikkeyboard, mein „Küchenkeyboard“, das ich überall dabei habe (lacht).
Nachts passiert es dann schon mal, dass ich aufstehe und die Melodie kurz eintippe. Das wird dann als Audioskizze in sehr mieser Qualität gespeichert – aber mies ist besser als nichts (lacht). Mein kleines Küchenkeyboard ist übrigens schon weit gekommen! Ich hatte es auch in Vancouver dabei, als „Rainy Days in Vancouver“ aus „KeinOhrHasen“ entstanden ist.

Haben Sie Arbeitsrituale?
Ich sitze am liebsten morgens am Flügel und komponiere. Es ist diese Zeit am Morgen, wenn niemand da ist, der mich unterbricht...

Arbeiten Sie immer allein an einem Stück für einen Film?
Nein, es stünde bei großen Projekten recht einsam um einen, wenn man sich nicht austauschen kann. Der Kern einer Idee entsteht zwar allein, aber ich habe immer Co-Composer in meinem Team, mit denen ich zusammenarbeite.

Wie entscheiden Sie, mit welchen Instrumenten Sie arbeiten?
Oh, da gibt es immer ein paar Diskussionen. Ich habe natürlich eine Idee im Kopf, ob das den Filmemachern auch gefällt, ist eine andere Sache.  Ein besonderes Highlight war, als ich für „Der Rote Baron“ mit zwei großen Orchestern von 50 und 80 Mann musikalische Luftschlachten inszenieren konnte. Bei der Erinnerung bekomme ich noch immer Gänsehaut! Manche Regisseure haben aber bereits selbst konkrete Vorstellungen von der Art der Filmmusik oder ihrer Instrumentierung..

Wie ist es mit Til Schweiger?
Teils, teils. Er hat manchmal schon klare Visionen vor Augen, lässt sich von Filmmusikideen aber auch gerne „wegtragen“ und setzt sie dann vielleicht auch dort ein, wo er anfangs gar nichts geplant hatte.

Sehen Sie den Film, bevor Sie mit dem Komponieren anfangen?
Meistens wird mir zuerst das Drehbuch geliefert, sodass ich den Gesamt-Kontext kenne, um einen Eindruck zu bekommen und loslegen zu können. Manchmal ist der Film auch bereits abgedreht und ich schreibe die Musik auf die Szenen zu, was nicht immer einfach ist, da bereits eine gewisse Stimmung erzeugt wurde, die man auffangen und weiterentwickeln muss.
Ich finde es allerdings schöner, wenn ich direkt zum Dreh hinzukommen und dabei persönliche Eindrücke mitnehmen kann. „Den Stallgeruch aufnehmen“ sozusagen. Wenn ich mit Til Schweiger arbeite, bringe ich bereits vorab sehr viele Musik-Ideen zum Dreh mit – es ist toll zu sehen, wie sich dann die Musik auf die Bilder auswirkt. Til schneidet dann nach der Komposition und nicht andersherum.

In Quentin Tarantinos  Meisterwerk "Inglourious Basterds" spielte Til den gnadenlosen Feldwebel Hugo Stiglitz
Dirk Reichardt arbeitet regelmäßig mit Til Schweiger zusammen, zum Beispiel bei "Kokowääh".

Wie ist die Arbeit mit Til Schweiger?
Ich bin in der glücklichen Situation, sehr viel mit ihm machen zu dürfen. Er hat eine andere Herangehensweise als viele andere Regisseure: So schneidet er das Material direkt am Drehort, was zwar sehr aufwendig ist, aber den immensen Vorteil hat, dass die Eindrücke vom Dreh noch sehr frisch sind.
So merken wir schnell, ob Musik, Bilder und der Schnitt zusammenpassen – klar, dass dann nicht jede Idee bleibt, wie sie ist und wir an der richtigen Komposition herumbasteln müssen, um alles aufeinander abzustimmen. Til ist die Musik in seinen Filmen sehr wichtig, er hat ein gutes Bauchgefühl.

Wird jedes Stück, das Sie komponieren, auch verwendet? 
Nein (lacht). Ich habe viele Ideen, schreibe viele Musiken – nur ein Bruchteil davon kommt auch wirklich zum Einsatz. Bei Til ist das in der Regel aber nicht so! Je intensiver ein Regisseur mit der Musik umgeht, desto schwieriger ist es manchmal, die passende Musik zu schreiben, und desto mehr Diskussionen gibt es zwischen uns. Wir sind uns eben auch nicht immer einig.

Es ist sicher nicht leicht, wenn Musiken abgelehnt werden ...
Ja, es ist ein bisschen so, als würde dir jemand eine Niere herausnehmen! Und es ist jedes Mal genauso schmerzhaft wie beim ersten Mal. Aber ich habe im Laufe der Jahre versucht, mir eine Elefantenhaut zuzulegen. Für Til, habe ich gelernt, muss ich beispielsweise sehr viel Musik anliefern.
Auch wenn es manchmal enttäuschend ist: Es kann auch eine große Chance sein, wieder neu komponieren zu müssen, denn du kannst etwas noch Besseres, Passenderes schaffen. Wie Til immer sagt: Musik ist das Blut, das alles zusammenhält!

In welchen Momenten fiel es Ihnen besonders schwer, einen Zugang zur Geschichte zu finden und entsprechend eine Musik zu komponieren?
Es gab da mal einen Film, in dem direkt zu Beginn eine Vergewaltigungs-Szene vorkam – ein Kindheitstrauma der Protagonistin. Wirklich schlimm. Das war die bisher schwierigste Arbeit für mich!

Der Bachelor Folge 7
In traurigen Momenten wird auch im TV, wie hier beim "Bachelor", auf Dirk Reichardts Musik gesetzt.          /RTL

Zu Ihrem TV-Repertoire zählen Sendungen wie „Bauer sucht Frau“, „Der Bachelor“ oder „Germany's Next Topmodel“...
Ja, es vergeht eigentlich kein Abend, an dem ich meine Musik nicht im TV höre (lacht). Das liegt an Tils Filmen – die Musik daraus dürfen die Sender benutzen. Sie wird dann meistens in traurigen Momenten eingespielt – wenn einer gehen muss oder keine Rose bekommt.
Ich würde zwar manchmal ganz gerne gefragt werden, für welche Produktionen meine Kompositionen verwendet werden, aber es ist trotzdem auch schön, dass ich meine Musik so oft im TV hören kann (schmunzelt).

Zu welcher Ihrer Arbeiten haben Sie eine ganz besondere Verbindung?
Ich kann mich an jede meiner Musiken noch ganz genau erinnern, meine Musik ist mein Baby – aber so geht es wohl jedem, der etwas eigenes macht (lacht). Meine Stücke für „Barfuss“ sind besonders hängen geblieben, was auch mit meiner Tochter zu tun hat! Sie war damals drei Jahre alt, hat das erste Mal zugehört und nicht selbst ständig irgendwelche Tasten gedrückt. (lacht).

Die Til Schweiger-Filme bedienen ein gewisses Genre. Fühlen Sie sich dort heimisch oder würden Sie auch gerne Abstecher in andere Genres machen?
Ja, es ist tatsächlich so, dass ich wohl etwas vorbelastet bin. Ich würde mich eher in die Ecke „melancholisch und romantisch“ einordnen. Es gibt Themen, die gar nicht mein Fall sind: Spannung zum Beispiel, Drama oder Thriller – das ist nicht so meins! Doch da ich für andere Genres selten gebucht werde, muss ich auch nichts absagen (schmunzelt).

Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

 

 

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