Kino

52. KVIFF: Vom Verständigen und Scheitern

Western
Wie zähmt man die innere Einsamkeit in der Fremde? "Western" von Valeska Grisebach und "Atelier de conversation" von Bernhard Braunstein versuchen eine Antwort zu finden! Film Servis Festival Karlovy Vary

Kommunikation ist der Schlüssel: Beim 52. KVIFF haben Valeska Grisebachs „Western“ und Bernhard Braunsteins „Atelier de conversation“ besonders viel zu erzählen. Vom 52. Karlovy Vary International Film Festival berichtet David Rams für TVMovie.de.

"Ich sehe, dass du traurig bist." Der bulgarische Gastgeber Adrian spürt die Trauer seines deutschen Besuchers Meinhard. Zwei Alphamänner sitzen sich in Valeska Grisebachs "Western" gegenüber und schütten sich mit Blicken, Gesten und unverständlichen Sätzen ihr Herz aus. Es ist nicht nur die wohl zärtlichste und emotionalste Szene eines herausragenden Films, sondern beschreibt auf wunderbare Art und Weise die Sehnsucht nach Annäherung in der Fremde – und einer Umgebung, in der man zwangsläufig als Außenstehender definiert wird.

Dabei scheint es zunächst so, als sei Meinhard selbst Außenseiter einer deutschen Bauarbeiter-Truppe, die im bulgarischen Nirgendwo ein Bauprojekt vollenden soll. Die zusammengewürfelte „Malocher“-Truppe definiert sich zunächst nur durch eine deutsche Flagge, die sie über ihrem Camp hissen und sexistischen Macho-Gehabe, als die Gruppe am örtlichen Fluss das erste Mal auf einheimische Frauen trifft und sich vor allem Vincent (Reinhardt Wetrek) mit seinem peinlichen Balzgehabe, den Unmut der Damen auf sich zieht.

 

Signalwirkung

Atelier de Conversation
Ein Bauarbeitergruppe in der Fremde                   Film Servis Festival Karlovy Vary

Doch Vincents "Außenwirkung" wird in den eigenen Reihen stark kritisiert. Sein Gegenüber Meinhard, der seine stille Beobachterrolle immer weiter aufgibt und langsam, aber sicher, vorsichtige Annäherungsversuche im örtlichen Dorf wagt, versteht sich als Gegenmodell zu seinem selbstverliebten Chef. Die Entwicklungen, die die Männer in Valeska Grisebachs „Western“ durchmachen, mögen dramaturgisch überschaubar sein: Dank der überaus gelungenen Inszenierung, der unheimlich subtilen Symbolik und der fantastischen Figurenzeichnung bleibt das Interesse an dieser Art von Mikro-Dramaturgie zu jeder Zeit bestehen.

Wunderbar ist vor allem, wie sich Meinhard und Vincent trotz ihrer grundlegenden Disposition immer wieder aufeinander zubewegen: Die grundsätzliche Offenheit, das Interesse und die Lebensfreude ihrer Gastgeber lösen einen ganz unterschiedlichen Erfahrungsprozess bei beiden Männern aus. Zwar mag die verbale Verständigung immer wieder scheitern – doch Kommunikation findet eben auch auf einer ganz anderen Ebene statt, die alle Menschen, auch über Länder- und Sprachgrenzen hinweg, miteinander teilen.

 

Atelier de conversation

In einem anderen Festivalfilm ist vor allem die Sprache das bindende Element unterschiedlicher Erfahrungen und Schicksale: Bernhard Braunsteins "Atelier de conversation", der beim 52. KVIFF im offiziellen Dokumentarfilmwettbewerb zu sehen ist, stellt einen Ort in den Mittelpunkt, in dem sich Menschen Woche für Woche zum Reden und Diskutieren treffen. In der Gesprächsrunde in der Bibliothèque publique d’information im Centre Pompidou gibt es jedoch eine Grundvoraussetzung: Alle Teilnehmer müssen Französisch sprechen – egal, woher sie kommen und wie gut ihr Sprachniveau ist.

Das Angebot ist unverbindlich und kostenlos. Woche für Woche findet sich auf den roten Plastiksitzen eine der heterogensten Gruppen vor, die man sich vorstellen kann: Englischsprachige Banker treffen auf afghanische oder syrische Flüchtlinge, chinesische Studenten, japanische Bäckerinnen oder türkische Richter. Einige sind erst seit ein paar Wochen in Frankreich. Einige bereits seit Jahren. Doch alle treibt ein gemeinsames Ziel zusammen: Sie wollen gemeinsam eine neue Sprache lernen.

 

Ein Ort zum Verstehen

Atelier de conversation
Szene aus "Atelier de conversation"          Film Servis Festival Karlovy Vary

Bernhard Braunstein stellt in seinem Dokumentarfilm eindeutig die Teilnehmer des "Atelier de Conversation“ in den Mittelpunkt: In halbnahen Einstellungen hören wir zu, wie sich die Teilnehmer über Stereotype und länderspezifische Klischees austauschen, die Auswirkungen der Wirtschaftskrise thematisieren oder was sie am meisten in ihrem neuen Land vermissen.

Schnell entwickelt sich ein Kaleidoskop an starken Eindrücken und Bildern, die die Teilnehmer eindringlich mitteilen, auch wenn ihnen hin und wieder das „richtige“ Wort fehlt. Gerade die Einsamkeit, die viele von ihnen früher oder später ereilt, verbindet die einzelnen Kursteilnehmer. Gerade in dieser Form von Einsamkeit und dem Wunsch auf Verständigung findet sich der perfekte Nährboden für einige der spannendsten und berührendsten interkulturellen Diskussionen, die fernab von Vorurteilen und Vorbehalten ablaufen.

Das „Atelier de Conversation“ ist sozusagen ein Musterbeispiel dafür, wie Kommunikation ablaufen kann und vielleicht auch sollte. Doch man muss ihr mit einer ähnlichen Offenheit und Interesse gegenüberstehen, wie die Teilnehmer in Bernhard Braunsteins großartiger Dokumentation.
 

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