Ein Mann am Limit - das Interview Teil 2



TV Movie: Was hat Sie daran gereizt, in die Rolle eines alten Mannes zu schlüpfen?

Jenke von Wilmsdorff: Ich wollte wissen, ob ich vor dem Alter Angst habe. Und ich habe darauf ganz schnell eine Antwort gefunden: Ja, ganz große Angst. Der wollte ich mich stellen. Ich habe u.a. mit einem Alterssimulationsanzug gearbeitet, bin für eine Woche in ein Altenheim gezogen, habe dort mit den Menschen gesprochen, habe mich mit einer aufwändigen Maske, hergestellt von einer Firma, die sich hauptsächlich für Hollywoodproduktionen engagieren lässt, auf alt trimmen lassen. Und ich sah dann wirklich aus wie ein 75-jähriger Mann! Mit der Maske konnte ich testen, wie alte Menschen wahrgenommen werden, wo sie vielleicht an ihre Grenzen stoßen.  

TV Movie: Gehen Sie nach dem Experiment gelassener mit dem Altwerden um?

Jenke von Wilmsdorff: Meine Angst vor dem Alter hat sich etwas relativiert.  

TV Movie: Wie lang hatten Sie den Simulationsanzug an?

Jenke von Wilmsdorff: Eine Woche. Der Anzug arbeitet mit Gewichten, die Bewegungen sind sehr eingeschränkt und die Sinnesorgane um 50 Prozent reduziert. Nachts ist es weniger relevant, deswegen habe ich nur einmal in dem Anzug geschlafen. Wir versuchen auch immer Elemente in unsere Geschichten einzubauen, die man vielleicht nicht erwarten würde. Hier war es die Überlegung, wie es sich mit der körperlichen Liebe bei älteren Menschen verhält. Das habe ich herauszufinden versucht – also habe ich mit einer 74-Jährigen geknutscht, bis meine Silikonnase weggeflogen ist!

TV Movie: Was hat ihre Freundin dazu gesagt?

Jenke von Wilmsdorff: Sie war da ganz entspannt. Renate, so heißt die ältere Dame, ist eine ganz lebenslustige, tolle, offene Frau. Trotzdem: Sie auf den Mund zu küssen war schon ein komisches Gefühl. Aber ich habe mich schnell daran gewöhnt.

TV Movie: Da kam Ihnen ja vielleicht Ihre Schauspielausbildung zugute?

Jenke von Wilmsdorff: Schauspielerküsse sind ganz anders. Die sind ganz selten auf den Mund, sondern meistens auf Ober- oder Unterlippe. Renate sagte nach Dreharbeiten, das wäre der schönste Tag in ihrem Leben gewesen, weil sie so lange geküsst wurde. Und sie hätte noch nie so einen jungen Mann gehabt wie mich. (lacht)

TV Movie: Was sagen Freundin und Familie überhaupt zu Ihrer Experimentierfreude?

Jenke von Wilmsdorff: Gerade beim Thema Alkohol waren sie sehr wachsam und haben mich gebeten, ich solle vorsichtig sein. Beim Thema Alter oder Armut hatten sie aber keinerlei Ängste.

TV Movie: Waren Sie eigentlich auch ein neugieriges Kind?

Jenke von Wilmsdorff: Ich habe schon immer viele Fragen gestellt und auch relativ schnell damit angefangen, Dinge auszuprobieren. Als 14-Jähriger habe ich zum Beispiel in meinem Konfirmationsanzug Fahrausweise im Öffentlichen Nahverkehr kontrolliert. Weil ich wissen wollte: Glauben die Leute mir das? Ich hatte auch schon immer großes Interesse an der Welt. Und dann bin ich einfach neugierig auf mich selbst. Wo sind meine Grenzen? Warum habe ich Ängste? Ich habe schnell gemerkt, dass ich meine Angst abbaue, wenn ich mich mit ihr auseinandersetze. Das ist bis heute mein Antrieb.

TV Movie: In Ihrer Sendung gehen Sie regelmäßig über Grenzen hinaus. Liegt darin der Reiz für den Zuschauer – dass Sie sich stellvertretend für ihn diesen Dingen stellen?

Jenke von Wilmsdorff: Ganz bestimmt. Nicht jeder hat den Mut und die Neugier vier Wochen lang viel Alkohol zu trinken, um zu gucken, was es mit ihm macht. Das mache ich stellvertretend für den Zuschauer. Ich empfinde diese Dinge nach und die Menschen, die sich meine Sendung ansehen, können entscheiden, was davon für sie interessant ist.

TV Movie: Was steht als nächstes für Sie an?

Jenke von Wilmsdorff: Sexismus ist seit Jahren ein großes Thema und nicht erst seit der Brüderle-Debatte mehr als aktuell. Darauf haben wir mit dem Experiment „Jenke als Frau“ spontan reagiert.

TV Movie: Sie verkleiden sich also als Frau?

Jenke von Wilmsdorff: Genau.

TV Movie: Und das kaufen Ihnen die Leute ab?

Jenke von Wilmsdorff: Ich habe mich von der Firma, die schon für diese fantastischen Alters-Masken zuständig war, zur Frau machen lassen. Und zwar so, dass es glaubhaft ist. Im Rahmen der Lambertz-Nacht in Köln bin ich sogar auf dem Catwalk mitgelaufen. Und auf der Veranstaltung hatte ich auch prompt zwei Herrenhände auf meinem Po! Ich habe also am eigenen Leib gespürt, dass als Frau sehr schnell Dinge mit einem passieren, die man nicht möchte und die äußerst unangenehm sind. Wir beschäftigen uns in diesem Experiment aber auch mit anderen Themen, zum Beispiel Schwangerschaft.

TV Movie: Für eine holländische TV-Show haben sich zwei Männer in künstliche Wehen versetzen lassen – trauen Sie sich das auch?

Jenke von Wilmsdorff: Ja, ich werde versuchen, die Schmerzen unmittelbar vor einer Geburt zu durchleben. Und nicht nur das, wir gehen auch noch einen Schritt weiter. Aber das kann ich Ihnen noch nicht verraten...

INTERVIEW: Katharina Hofmann