INHALT:
Malchow, DDR, 1980. Die 20jährige Anne versteckt Juri, einen Deserteur der Roten Armee. Die zwei jungen Leute verlieben sich ineinander. Doch ihre Liebe ist bedroht: Juri wird per Haftbefehl gesucht, ihm droht die Todesstrafe. Sie verlassen das Land. Bei ihrer Flucht in den Westen müssen sie Annes sechs Monate alte Tochter Inga zurück lassen. Inga wächst bei den Großeltern auf und glaubt, ihre Mutter sei bei einem Badeunfall ertrunken. 25 Jahre später begegnet sie dem Konstanzer Literaturprofessor Robert, der sie auf die Spuren ihrer Vergangenheit schickt. Er hat Ingas Mutter Anne bei einem seiner Seminare kennen gelernt. Zunächst empfindet Inga starke Widerstände. Doch dann bittet sie Robert, ihr zu helfen. Und so machen sie sich auf den Weg auf eine Reise durch Deutschland, um Ingas Mutter Anne zu suchen...!
KRITIK:
In eindringlichen Bildern hat Regisseur Christian Schwochow die Suche einer jungen Frau nach der Vergangenheit und sich selbst inszeniert. Gemeinsam hat er das Buch mit seiner Mutter Heide geschrieben. Dabei sind einige allzu poetische Manieriertheiten 'passiert', vor allem in der Figur des Roberts, der als schriftstellernder Literaturprofessor Inga beobachtet und für ein neues Werk ausnutzt. Seine literarischen Beobachtungen und gesprochenen Notizen geraten bisweilen gespreizter als es dem Film in seiner ohnehin trübe-sinnigen, wiewohl packende Atmosphäre guttut. Doch es sind zum einen die Darsteller, die den Film in der Hinsicht aufrecht erhalten, so Ulrich Matthes als Robert, mehr aber noch eine wunderbare Anna Maria Mühe. Am Anfang noch springt sie nackig und voller Lebenslust ins kalte Wasser, eine Frau, der die Kälte der Provinz nichts anhaben kann, im Gegenteil. Doch mehr und mehr entdeckt sie Lügen, gefriert ihre Welt immer mehr, und Mühe bringt diesen Prozesse beeindruckend auf die Leinwand: wie Inga kälter und spröder wird, ihre Seele erste Risse bekommt. Dass der Film, zum anderen, in der Mitte und gegen Ende bisweilen nicht vom Fleck zu kommen scheint, schadet nichts - im Gegenteil: Schwochow nutzt seine 'November'-Zeit mit ihren winterlichen Landschaften und kalten Farben, um das Innenleben der Figuren erst zu kontrastieren, dann aber diese Eisigkeit immer mehr eindringen zu lassen. Die Jahreszeit wird hier mehr als simple Dreingabe. Handlung braucht es dazu fast keine. Dass schließlich noch als Rückblende der Mutters Schicksal parallel erzählt wird, das lockert den Film ohnehin auf, reißt ihn jedoch auch ein wenig aus seiner Stringenz. Bei all seiner Ruhe und der existentialistischen Unbehaustheit bleiben die politischen und geschichtlichen Dimensionen nur Anhang. Auch spielen die konkreten Motivationen und Ziele der Figuren - Ingas Muttersuche und Roberts 'Story' - irgendwann keine wirklich Rolle mehr, ebenso wie das was das wie gelöst wird, merkwürdig indifferent bleibt. Vielleicht muss das aber konsequenterweise so sein (zumindest stört es nicht allzusehr), damit 'Novemberkind' mit seinen reichhaltigen, vielschichtigen Winterfacetten ein Film ergeben kann, dessen Stimmung wie Raureif haften bleibt. Zumindest beim Publikum des Max Ophüls Preises, das dem Film dieses Jahr den Zuschauerpreis zusprach.
FAZIT:
Christian Schwochow hat mit seinem Debütfilm eine glänzende Bestandsaufnahme des Ost-West-Verhältnisses fast zwei Jahrzehnte nach der Wende geschaffen; zugleich auch eine Darstellung, wie sehr die Vergangenheit bedrängen und verstören kann; und wie sie einen einholen kann. Anna-Maria Mühe spielt Mutter Anna und Tochter Inga in einer Doppelrolle, getrennt durch 20 Jahre. Robert ist ein Bindeglied zwischen ihnen - Ulrich Matthes spielt ihn als einen innerlich Zerrissenen. Ihr ambivalentes Verhältnis fängt Schwochow in beeindruckenden Bildern ein. Ein Film, der emotionalisiert, ohne sentimental zu werden.