INHALT:
'Ich bin unter außergewöhnlichen Umständen geboren.' So beginnt 'Der seltsame Fall des Benjamin Button', die Filmfassung einer Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgerald aus den 1920er-Jahren: Ein Mann kommt als über 80-jähriger Greis auf die Welt und wird immer jünger - ein Mann wie du und ich: Auch er kann die Zeit nicht anhalten. In New Orleans werden wir Zeugen seiner Lebensgeschichte, vom Ende des Ersten Weltkriegs 1918 bis ins 21. Jahrhundert einer Lebensgeschichte, wie sie ungewöhnlicher gar nicht sein könnte: das grandiose Schicksalspanorama eines wahrlich bemerkenswerten Mannes und der Menschen, denen er auf seinem Lebensweg begegnet: Er findet die Liebe und verliert sie wieder, er freut sich des Lebens und trauert um die Toten - vor allem aber lernt er, was wirklich von zeitloser Bedeutung ist.
KRITIK:
F. Scott Fitzgerald hatte die Idee eines rückwärts alternden Menschen und verpackte sie in eine Kurzgeschichte, die lange als unverfilmbar galt. Ausgerechnet David Fincher, der sich mit Thrillern wie 'Se7en' (1995), 'The Game' (1997) und 'Fight Club' (1999) einen Namen gemacht hat, wagte sich an dieses Drama. Wie bereits 2007 mit 'Zodiac' beweist er hierbei erneut, dass er auch durchaus ein Gespür für ruhige Geschichten hat. Während 'Zodiac' nicht wirklich an seine bisherigen Erfolge anknüpfen konnte, dürfte das für 'Der seltsame Fall des Benjamin Button' kein Problem sein. Einer der Gründe ist mit Sicherheit die erneute Zusammenarbeit mit Brad Pitt. In den beiden bisherigen Fällen ('Se7en' und 'Fight Club') ist diese ohne Zweifel äußerst fruchtbar gewesen. Weitere Zauberwörter sind Tricktechnik und Make-up-Design (übrigens nur zwei der insgesamt 13 Bereiche, in denen der Film für einen Oscar nominiert ist). Kaum eine Einstellung dürfte ohne Tricktechnik funktionieren, aber erst das perfekte Zusammenspiel mit dem hervorragenden Make-up-Design ermöglicht die Darstellung von Brad Pitt und Cate Blanchett in den verschieden Lebens- und Altersstadien. Es ist erstaunlich wie bei Benjamin immer mehr von Brad Pitts bekannter Mimik durch die Falten dringt.Pitt sammelte bereits in 'Rendevous mit Joe Black' (Martin Brest, 1998) Erfahrungen mit der Darstellung einer Figur, die nach Außen hin ein anderes Bild von seinem Erfahrungsstand vermittelt, als sie in Wirklichkeit hat. Als Joe Black war es der Geschmack von Erdnussbutter, den er sich mit der Faszination eines Kindes zum ersten Mal auf der Zunge zergehen lässt. Die Rolle der Erdnussbutter nimmt hier Kaviar ein. Und Pitt gelingt diese kindliche Faszination erneut. Sogar in stärkerem Maß, weil sie sein faltiges Äußere vollkommen in den Hintergrund drängt. Obwohl das Leben von Benjamin Button verkehrt herum verläuft, macht er dieselben Erfahrungen, wie jeder von uns - manche nur in einer anderen Reihenfolge. Schon früh ist der Tod ein fester Bestandteil seines Lebens. Er lernt ihn zu akzeptieren und erkennt, dass nichts von ewiger Dauer ist. Auch Beziehungen zu geliebten Menschen können wir nicht festhalten, selbst wenn wir es noch so sehr wollen. Im Zentrum des Films steht die Liebesgeschichte zwischen Benjamin und Daisy. Wenn sie sich endlich kriegen, ist der Zuschauer mindestens genauso erleichtert wie die Figuren auf der Leinwand; und obwohl deren Beziehung hauptsächlich durch eine einfache Montagesequenz dargestellt wird, genießt man sie und wünscht, sie würde niemals enden.Abgesehen von Benjamins Alterungsprozess passiert auf der Leinwand nichts Besonderes und gerade weil in jeder Szene etwas ganz Alltägliches passiert, ist der Film für den Zuschauer ein bewegendes Erlebnis. 'Der seltsame Fall des Benjamin Button' ist ein einfühlsames Märchen über die Unabwendbarkeit der Zeit ohne schnelle Schnitte und hektische Kamerabewegungen, erzählt in ruhigen epischen Bildern. Ein Film über Begegnungen und Trennungen und wie man durch sie beeinflusst wird. Trotz aller Fantasie ein Film über das Leben.
FAZIT:
Schon Tucholsky erkannte, dass Leben Wandlung bedeutet und nichts anderes erzählt David Fincher in der Verfilmung von F. Scott Fitzgeralds Kurzgeschichte. 'Der seltsame Fall des Benjamin Button' ist ein Märchen über das Leben, ein Märchen über die Menschen, denen man begegnet, die einen beeinflussen und die einen zu dem Menschen machen, der man ist - nur um dann wieder zu verschwinden. Dabei besticht der Film vor allem durch ein perfektes Zusammenspiel von Tricktechnik und Make-up-Design, das beide Protagonisten glaubhaft verjüngt beziehungsweise altern lässt. Die ausschließlich ruhigen epischen Bilder von Kameramann Claudio Miranda runden diese Charakterstudie zu einem sehenswerten filmischen Werk ab.